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Über Theater und andere Dinge

Texte auf „Knipp und Klar – Satire Joe“

Ein dreifach donnerndes Hurra! Für den Tod der Kultur ist endlich keine Kulturverwaltung mehr zuständig, kein Großkonzern und kein Algorithmus.

Während der Pandemie gab es auch Entwicklungen aus den eigenen Reihen, die das Theater in Frage stellten. Zu diesen Phänomenen habe ich allen Kollegen, mit denen ich mich jahrelang verbunden fühlte, einen Brief geschrieben:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

am 22. Dezember 2020 wurden der Oberbürgermeisterin Reker aus einem Teil der Kulturszene Kölns in einem offenen Brief Ratschläge zur Suche nach einem neuen Intendanten erteilt – von „WIR, das sind diskriminierungskritische und diversitätssensible Kulturschaffende“.
Auch ich war aufgefordert, diesen Brief zu unterzeichnen und habe das selbstverständlich nicht getan. Ich will hier erklären warum.

Ich widerspreche den Verfassern des Briefes, die sich „diversitätssensibel“ durch Buchstabenkolonnen, Sternchen und Pluszeichen definieren. In dem Brief wird auf unnachahmlich verschraubte Weise eine „diversitätskompetente Intendanzsuche“ gefordert. Und weiter heißt es:

„Die Repräsentation von nicht-weiß positionierten Menschen, von mixed-abled Menschen, von Frauen*, trans*, inter* und queeren Akteur*innen of Color ist, sowohl in Auswahlgremien wie diesem, als auch in den städtischen Kulturinstitutionen, sehr wichtig.“

Ich widerspreche – es wird höchste Zeit, dass wir uns dieser neuen Art von Neusprech endlich widersetzen, deren Anwender die Gesellschaft in ein alternatives Sprachuniversum zwingen wollen, das mit differenzierter Sprache nichts mehr zu tun hat. Schon über die Sprache wird hier suggeriert: Wir sind die Korrekten – und ihr – die ihr euch weigert Innen zu sagen – seid die Unkorrekten. Vor allem hat Gendersprech einen Hintergrund, den Orwell schon beschrieben hat: Sprachplanung soll das Umdeuten der Wirklichkeit vorbereiten. Beispiele: Frauen werden zu „Menschen mit Menstruationshintergrund“ und Menschen zu Buchstabenkombinationen. Als wäre das noch nicht genug, wird neuerdings an den unmöglichsten Stellen zwanghaft die Verlaufsform verwendet, werden immer mehr falsche Begriffe eingeführt. Studenten werden „Studierende“, auch wenn sie nicht studieren. Aus „Flüchtlingen“ werden „Flüchtende“, also vorübergehend „Geflüchtete“, ihr Status wird aberkannt, noch bevor er verhandelt wird – eine wahrhaft reaktionär-nationale Deutung. Aus „Pflegern“ werden „Pflegende“, ein Beruf wird zur Tätigkeit, für die niemand eine Ausbildung braucht.

Genau diejenigen, die vorgeben eine gerechtere Sprache zu sprechen, diskriminieren, machen unsichtbar und stellen gleichzeitig die Behauptung auf, Sichtbarkeit aller Geschlechter und Minderheiten wäre ohne Sternchen nicht möglich – wir sehen aber: Die permanente Reduktion auf Geschlecht, Farbsegment, Orientierung und Identität, lässt das Individuum verschwinden. Es soll also niemand erzählen, diese Art von Sprachverbiegung sei fortschrittlich. Manchmal frage ich mich, ob die ‚Sprechenden‘ überhaupt noch wissen, was sie da sagen.

Auch Kompetenz oder ein gutes Argument rücken in den Hintergrund. Immer wichtiger wird, wer spricht, nicht das Gesprochene. Nicht die Kunst, sondern das Überprüfen jeder Kunst, jedes Stücks und jeder Intendanz auf Kriterien diverser Korrektheit ist das Ziel, betrieben von eben der Gruppe, die jede Person ausgrenzt, die ihren Sprach-Code nicht übernehmen will.
Der Aktivismus dieser Ideologie enthüllt ihr Wesen: Gedichte übermalen, Bücher verbrennen, jemanden für tot erklären (#RIPJKRowling), oder Wörter benennen, die es nicht geben darf. Das Aussprechen von Fakten, das Austragen von Konflikten wird als sprachliche Gewalt interpretiert, das alles kennzeichnet die verqueere Moral, die an die puritanischen Frauenvereine der 50er Jahre oder die McCarthy-Ära erinnert.

Für den Bereich Film verkündet die UfA schon eilfertig die neuen Regeln: Jede Produktion soll in Zukunft in der Besetzung der Hauptrollen, in den Drehbuchhandlungen und in der Besetzung vor und hinter der Kamera durch vier Bereiche bestimmt werden: „Gender, LGBTIQ, People of Color und Menschen mit Beeinträchtigung“. Wir dürfen gespannt sein, wie in Zukunft „Rote Rosen“ aussehen wird.
Diese Kriterien sollen nun also auch für das Theater gelten.

Ein Künstlertheater hat sich schon in Künstler Innen Theater umbenannt. Eine Tanz-Company stellt ihre Arbeit so vor: „4 sterile Kachelräume, 4 Tänzer*innen, – 8 Kameras …“ Zur Verstümmelung der Sprache kommt eine Debatte, die sich schon seit Monaten fragt, wie das Medium Theater an sich zu erledigen sei. Denn mit „Digitalisierung“ ist gemeint: Endlich kann ganz auf Theaterliteratur verzichtet werden, endlich können die Bühnen durch „interdisziplinäre Experimente“, wie Sara Reimann vom HAU am 9. Januar im DLF ausführt, zu „Plattformen“, „Chats“ „LAN-Partys“ oder „Computerspielen“ digital umgebaut werden.

Diese Geisteshaltung scheinen die Verfasser des zitierten Briefes zu teilen, der überregional, wie so oft, wenn es um Köln geht, Kopfschütteln auslöst. In der NZZ vom 4.1.2021 findet Bernd Noack den Brief lächerlich und sehr bedenklich:

„Da wird längst nicht mehr mit dem Hirn gedacht, nur noch erfühlt, wo man anecken könnte; nicht mehr geurteilt, nur noch verurteilt, und wer den diversen Diversitäten nicht nahe genug kommt, gehört leider zur Ausschussware – mag er oder sie auf dem Fachgebiet noch so kompetent sein.“

Ich stimme zu. Von mir aus können sich in der Parallelwelt des Neusprech-Universums gerne alle „Frauen*, trans*, inter* und queeren Akteur*innen of Color“ untereinander die Förmchen streitig machen, aber in der realen Welt steht dieser Kindergarten jeder gerechten Sache im Weg. Und der Kunst auch.

Seit 30 Jahren arbeite ich mit Schauspielern, mit Shakespeare, Tschechow, Ibsen, Lausund, auch mit neuen Stücken zur Zeit – diese Texte zeigen von der Bühne aus Haltung, durch ihre Geschichten über Menschen, für die Menschlichkeit – lebendig gemacht durch Schauspieler, durch Verwandlung (unser Hamlet wurde nicht von einem Dänen gespielt), durch Rollenspiele, ohne Sternchen, ohne Umdeutungen, ohne Überschriften, ohne Video, im Vertrauen auf Worte, die das Publikum bewegen.

Ich widerspreche einer Kultur, die für Geschlechts-, Gesichts- und Geschichtslosigkeit steht, einer Kultur der Ausgrenzung, einer Kultur, die mit Vorschriften moralischen Zwang aufbaut, um alles ändern, umschreiben und umdeuten zu können, um historischen Kontext zu eliminieren, um Theater als „Theatertheater“ zu diffamieren, einfach um alles ausblenden zu können, was ihrem Einfluss entgegensteht. Die Gender-Ideologie hilft nicht der Geschlechtergerechtigkeit, das Schlagwort „Diversität“ hilft nicht im Kampf gegen Rassismus und Sternchen kommen in der Sprache nicht vor. Sprache, die glaubt, einen Menschen vollständig definieren zu können, geht in die Irre: Sie tut genau das Gegenteil. Ich hoffe auf die Wiederbelebung der literarischen, poetischen Sprache, die den Menschen eben nicht in Definitionen presst, sondern ihm poetische Weiten zur freien und gerade nicht-fassbaren Entfaltung lässt, auf die Wiederentdeckung der Kraft des Theaters, die darin liegt, dass eben nicht alles sprachlich vollständig abgesteckt, sondern dem Denken Raum gelassen wird – und auf eine Zukunft für die Kunst.

Immer wieder habe ich neue Freiheit erfahren – als ich auf der Bühne stand, als ich das Theater gründete, als ich euch, meine Kollegen, kennenlernte, als ich Vorsitzender wurde, als ich zurücktrat, als ich das Theater schließen musste, als ich diesen Brief schrieb. Im Augenblick schreibe ich ein neues Stück, inszenieren fällt aus. Ich hoffe, dass wir uns nicht ganz aus den Augen verlieren. Es kommen besseren Zeiten.

Viele Grüße und bleibt gesund.

Joe Knipp, ehemaliger Leiter des ehemaligen TAS

Ich gehe gerne ins Theater

Waren Sie in letzter Zeit im Theater? Ich gehe gerne ins Theater. Aber was heißt schon Theater heutzutage? Es ist mehr als Theater. Es ist Halle, Werkstatt, Studio, Fabrik, Raum… eine nackte Fläche. Auf der nackten Fläche sind Mikrophone zu sehen. Ach ja, Mikrophone. Kein Schauspieler ohne Mikrophon. Alles erinnert jetzt an ein Pop-Konzert. Theater ist Pop. Eins ist allerdings im Theater noch anders: Mitklatschen und Wunderkerzen werden ersetzt durch: Flüssigkeiten.

Schauspieler sind immer nass, stecken in kurzen Höschen, Unterhemden, Unterröcken, fallen hin, stehen auf – nackt und feucht. Und sie sind immer bei der Arbeit. Auf den Bühnen gibt es immer etwas zu laufen, zu springen, zu turnen, bis zur Verausgabung. Toll. Und schon sind alle verschwitzt, feucht, nass. Früher bewunderte der einfache Zuschauer, die simple Zuschauerin, wie ein Schauspieler, eine Schauspielerin, sich so viel Text merken konnte, heute sind alle schwer beeindruckt, wie erschöpft, verausgabt, nass und schmutzig die Darsteller nach vorne treten, um sich vom befeuchteten Publikum Johlen und Klatschen abzuholen.

Die Flüssigkeiten werden getrunken, verschüttet, gespuckt, der Boden wird angefeuchtet, um später, wir ahnen es schon, ganz unter Wasser zu stehen. Es geht um Entgrenzung und Bewegung, Bewegung, die ein Text oder ein Schauspieler nicht mehr leisten können, nicht mehr leisten sollen – denn es soll ja Pop sein, Performance – oder einfach Regie-Selbsterfahrung. Spätestens dann frage ich mich warum es dafür noch ein Publikum braucht. Und das fragt sich der performative Theatermacher auch.

In Köln wurde schon so mancherlei durch den Kakao, oder besser durch das Wasser gezogen. Wasser und Erde sind sogar schon persönlich aufgetreten, nackt, und fickten. Es war richtig was los. Dabei erfahren die Elemente nur dasselbe, was Othello und Desdemona oder Faust und Gretchen auf den Bühnen des deutschen Theaters immer wieder erfahren. Irgendwann sind alle nass und nackt und ficken. Es wäre doch eine schöne Idee, einmal zu zeigen, dass Othello eifersüchtig wird wegen eines Tuches und nicht weil im Hintergrund Desdemona gefickt wird und gleichzeitig ein Nackter an der Rampe ein Lied in ein Mikrophon singt. Später wird Desdemona dann ins Wasser gesteckt – plitschplatsch und tot (Habe ich tatsächlich in Köln gesehen, fanden alle ganz toll).

Und noch etwas können wir beobachten: Je mehr geschrien, gespritzt und gefickt wird, desto glücklicher sind die Rezensentinnen. Alle Kritiken sind immer euphorisch wenn es um ein Experiment, um Dokumentarisches, Migration, wenn es um Wasser, um echte, authentische, verstörte Menschen geht.
Aber ist es nicht eine besondere Art des Rassismus, immer echte Flüchtlinge auf der Bühne hinter die Mikrophone zu stellen – und sie damit auszustellen wie ehemals die Schausteller auf dem Jahrmarkt die Dame ohne Unterleib ausstellten? Der leise Grusel des Bürgertums im Parkett ist den Schaustellern sicher. Echte Flüchtlinge, echte Menschen. Die echten Schauspieler kellnern derweil in Kneipen weil sie arbeitslos sind, um dann vielleicht als echte Arbeitslose wieder auf die Bühne gestellt zu werden.

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