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Tom Buhro: Satire darf nichts mehr

Hier alle Texte auf „Knipp und Klar – Satire Joe“

6. Januar 2020

Der Kinderchor des WDR singt auf die Melodie von „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ „Meine Oma ist ne alte Umweltsau“.

Herzlich gelacht. Toll gemacht. Und dann kommt es wie es immer kommt: „Sauerei“. Oder „Kommt mir nicht mit Hashtag Satire“.
Doch. Kommen wir. Denn die darf sein, die muss sein, die darf alles, weil wir eine freie Gesellschaft sind. Satire darf zuspitzen und zum lachen bringen. Satire bedeutet freien Geist und natürlich ein bisschen Intelligenz.

Die fehlt in unserer Gesellschaft mehr und mehr. Aus allen Rohren wird stattdessen Hass gefeuert. Noch mit Worten. Genau fünf Jahre, nachdem in Paris Satiriker in ihrer Redaktion von religiösen Fanatikern erschossen wurden. Seitdem wissen wir, wo dieser Hass enden kann.

„Meine Oma sagt Motorradfahren ist voll cool, echt voll cool, echt voll cool. Sie benutzt das Ding im Altersheim als Rollstuhl, meine Oma ist ne alte Umweltsau.“
Wer das ‚Ernst nimmt‘ – ist eben mit Intellekt nicht gerade gesegnet.

Schon nach kurzer Zeit gab es eine Viertelmillion Tweets, vor allem von ‚Bots’ und rechtsextremen Accounts. Dazu kommen dann die Weichgespülten aus der ‚Mitte‘ der Gesellschaft, die ganz lieb schreiben:
‚Meine Oma ist eine sehr liebe Frau‘. ‚Meine Großmutter hat den zweiten Weltkrieg erlebt‘. Bitte? Ja, Kinder, erlebt erstmal einen Weltkrieg, dann dürft ihr auch Satire.
Nächster Schritt: Die Nazi-Brut, die „Bruderschaft Deutschland“ demonstriert vor dem WDR und die CSU twittert: „Es ist völlig inakzeptabel, dass Jung gegen Alt aufgehetzt wird“. Bitte? Dümmer geht’s nicht.

Und Tom Buhro, der Chef des WDR? Verteidigt er die Pressefreiheit, die Freiheit der Satire? Nein! Er nimmt das lustige Video mit dem Kinderchor, der frisch und begeistert singt, aus dem Angebot, löscht es aus der Mediathek des WDR und löscht damit das nächste Licht in einem immer enger werdenden Frei-Raum.

Der nächste Schritt? Zu Silvester dachte ich noch, während ich mich wieder beim lachen ertappte, nächstes Jahr wird es auch Ekel Alfred nicht mehr geben. Der beschimpft seine Frau als ‚dusselige Kuh‘ – geht gar nicht. Frauenfeindlich. Löschen. Und dann? Verbot von Liedern wie ‚Tauben vergiften im Park‘? Die armen Tiere…

Was wird bleiben? Die Endlos-Missbrauch-Show mit Heidi Klump, Werbung für CO2 Bomben: „Das Traumschiff“ – und natürlich jede Menge hirnloser Soap-Kitsch. Kein Problem, normal, man muss den Fernsehzuschauer schließlich da abholen, wo er sich befindet. Oder wie es der Chorleiter sehr diplomatisch ausdrückt: „Vielleicht ist es zu kompliziert, ein ‚um die Ecke denken‘ von allen zu erwarten“. Was fällt dem ein? Der Chorleiter Zeljo Davutovic wird folgerichtig auch bedroht.

Zumindest will Buhro jetzt die Mitarbeiter, die Morddrohungen empfangen haben, von der Polizei schützen lassen.
Er selbst kann und will das ja nicht.

Nächster Schritt: Die Politik mischt sich ein. Laschet kritisiert die Satire, Bosbach (CDU, Dauergast in Talkshows) bemerkt, das Lied sei doch nicht von Kindern geschrieben. Hallo! Intelligenztest doch noch bestanden. Weiter geht’s: „Missbrauch von Kindern. Instrumentalisierung wie in schlimmster Vergangenheit“ – Bitte? Wieviel Dummheit und Falschheit müssen wir eigentlich noch ertragen. Das ‚Deutsche Kinderhilfswerk‘ greift ein: „ganz wichtig ist, dass man den Kindern sagt, dass sie keinen Fehler gemacht haben“.

Die Freiheit stirbt scheibchenweise. Wenn schon eine solche Satire gebrandmarkt wird – dann sind Satiriker bald Volksfeinde.

„Müssen wir uns das bieten lassen?“ – „Wie kann man so etwas sagen?“ – solche Sätze habe ich schon als Theaterleiter in den letzten Jahren vermehrt zu hören bekommen und habe in aller Ruhe erklären müssen, dass die Figuren auf der Bühne in Rollen sprechen, dass Figuren auf der Bühne auch schlimme Dinge sagen dürfen und dass ich auch einen Mord auf der Bühne nicht verhindern werde.

Wo sind wir gelandet?
Satire, Ironie und tiefere Bedeutung – wir müssen all das wieder lernen.

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