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Was ist mit dem Theater?

Hier alle Texte auf „Knipp und Klar – Satire Joe“

Fußball, Festival, Bayreuth – abgesagt.

Was ist mit der Kultur jenseits der großen Arenen, jenseits der Fußballkultur? Auch hier ein dreifach donnerndes Hurra! Für den Tod der Kultur ist endlich keine Kulturverwaltung mehr zuständig, kein Großkonzern und kein Algorithmus. Dieser allgegenwärtige Tod wird im Lichte des Virus nur sichtbarer.

Flächendeckend. Es gibt ja Alternativen, heißt es. Man könne ja zuhause streamen. YouTube explodiert. Videos allüberall, die vorgeben, live ginge auch auf geteilten Bildschirmen.
Genau. YouTube statt Theater. Videoprojektionen ohne Schauspieler und ohne Publikum. Hier stellt sich die Frage: Was soll da anders geworden sein? Die meisten Performer setzen das Theater schon lange mit flacher Bebilderung jedes Stoffes außer Kraft und sorgen für einen natürlichen Rückgang der Zuschauerzahlen.

Und was heißt: „Nicht notwendig“. Schluss mit Shakespeare und Tschechow? Das ist manchem Theater, das nicht ‚multimedial performen‘ will, auch schon ohne Virus klar gemacht worden.
Wofür brauchen wir in Zukunft überhaupt noch Theater? Nur die für den Tourismus interessanten Objekte sollten überleben. Musicaldom und Elbphilharmonie.
Aber vielleicht wird auch das ganz anders bewertet werden – DANACH. Immerhin ist in das Bewusstsein gedrungen, dass Kunst und Kultur nicht von Immobilien, sondern von vielen Künstlerinnen und Künstler in diesem Land gemacht wird. Ohne sie stehen die großen Tempel in Zukunft leer.

Ich gehe gerne ins Theater

Waren Sie in letzter Zeit im Theater? Ich gehe gerne ins Theater. Aber was heißt schon Theater heutzutage? Es ist mehr als Theater. Es ist Halle, Werkstatt, Studio, Fabrik, Raum… eine nackte Fläche. Auf der nackten Fläche sind Mikrophone zu sehen. Ach ja, Mikrophone. Kein Schauspieler ohne Mikrophon. Alles erinnert jetzt an ein Pop-Konzert. Theater ist Pop. Eins ist allerdings im Theater noch anders: Mitklatschen und Wunderkerzen werden ersetzt durch: Flüssigkeiten.

Schauspieler sind immer nass, stecken in kurzen Höschen, Unterhemden, Unterröcken, fallen hin, stehen auf – nackt und feucht. Und sie sind immer bei der Arbeit. Auf den Bühnen gibt es immer etwas zu laufen, zu springen, zu turnen, bis zur Verausgabung. Toll. Und schon sind alle verschwitzt, feucht, nass. Früher bewunderte der einfache Zuschauer, die simple Zuschauerin, wie ein Schauspieler, eine Schauspielerin, sich so viel Text merken konnte, heute sind alle schwer beeindruckt, wie erschöpft, verausgabt, nass und schmutzig die Darsteller nach vorne treten, um sich vom befeuchteten Publikum Johlen und Klatschen abzuholen.

Die Flüssigkeiten werden getrunken, verschüttet, gespuckt, der Boden wird angefeuchtet, um später, wir ahnen es schon, ganz unter Wasser zu stehen. Es geht um Entgrenzung und Bewegung, Bewegung, die ein Text oder ein Schauspieler nicht mehr leisten können, nicht mehr leisten sollen – denn es soll ja Pop sein, Performance – oder einfach Regie-Selbsterfahrung. Spätestens dann frage ich mich warum es dafür noch ein Publikum braucht. Und das fragt sich der performative Theatermacher auch.

In Köln wurde schon so mancherlei durch den Kakao, oder besser durch das Wasser gezogen. Wasser und Erde sind sogar schon persönlich aufgetreten, nackt, und fickten. Es war richtig was los. Dabei erfahren die Elemente nur dasselbe, was Othello und Desdemona oder Faust und Gretchen auf den Bühnen des deutschen Theaters immer wieder erfahren. Irgendwann sind alle nass und nackt und ficken. Es wäre doch eine schöne Idee, einmal zu zeigen, dass Othello eifersüchtig wird wegen eines Tuches und nicht weil im Hintergrund Desdemona gefickt wird und gleichzeitig ein Nackter an der Rampe ein Lied in ein Mikrophon singt. Später wird Desdemona dann ins Wasser gesteckt – plitschplatsch und tot (Habe ich tatsächlich in Köln gesehen, fanden alle ganz toll).

Und noch etwas können wir beobachten: Je mehr geschrien, gespritzt und gefickt wird, desto glücklicher sind die Rezensentinnen. Alle Kritiken sind immer euphorisch wenn es um ein Experiment, um Dokumentarisches, Migration, wenn es um Wasser, um echte, authentische, verstörte Menschen geht.
Aber ist es nicht eine besondere Art des Rassismus, immer echte Flüchtlinge auf der Bühne hinter die Mikrophone zu stellen – und sie damit auszustellen wie ehemals die Schausteller auf dem Jahrmarkt die Dame ohne Unterleib ausstellten? Der leise Grusel des Bürgertums im Parkett ist den Schaustellern sicher. Echte Flüchtlinge, echte Menschen. Die echten Schauspieler kellnern derweil in Kneipen weil sie arbeitslos sind, um dann vielleicht als echte Arbeitslose wieder auf die Bühne gestellt zu werden.

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