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PRINZ FRIEDRICH VON HOMBURG (Heinrich von Kleist)

Der Traum

Prinz Friedrich von Homburg

Träum ich? Wach ich?

Heinrich von Kleist

Textfassung und Inszenierung: Joe Knipp; Dramaturgie: Dr. Sabine Dissel; Bühne und Kostüme: Hannelore Honnen; Mitarbeit: Angelika Steffentorweihen, Wolfgang Wehlau

Mit Julian Baboi, Anna Möbus

„Ein Traum, was sonst?“

Der Prinz von Homburg, ein junger General, ist gefangen in seinen Träumen, er flicht sich selbst den Lorbeerkranz, er lebt in einem Überschwang an Gefühlen. Der Prinz erklärt der Nichte des Kurfürsten, Prinzessin Natalie, seine Liebe.

Aus seinem Traum erwacht, wundert sich der Prinz über den Handschuh in seiner Hand. Der "sinnverwirrte Träumer" überhört den Befehl, bei der kommenden Schlacht den Feind nicht ohne ausdrückliche Order zu attackieren. Entgegen dieser Anweisung lässt der Prinz also angreifen und siegt in der Schlacht. Dem Kurfürsten jedoch gehen Recht und Gesetz über alles. Er lässt den Prinzen wegen Befehlsverweigerung verhaften, ihm den Prozess machen und zum Tode verurteilen… Prinz Friedrich von Homburg verliert die Hoffnung. Was gelten Heldenmut und Gnade, was das Gesetz?

Brigitte Schmitz-Kunkel schreibt in der Kölnischen Rundschau: „'Prinz Friedrich von Homburg' gehört nicht zu den Bekannten, die man heute noch ständig auf der Bühne sieht. Joe Knipp, der ein Faible für die Träumer hat. lässt sich im Theater am Sachsenring auf Heinrich von Kleists somnambulen Helden ein. Und weil er ihn ohne Ironie oder modernisierenden Regie-Überbau zeigt, lässt sich unverhofft eine schöne Geschichte mit viel Hin und Her wiederentdecken. Schon der Anfang auf der nur mit einer Rasenbank ausgestatteten Bühne ist hinreißend: Im blauen Mondenschein liegt der Prinz im Gras, und was er träumt, zeigt Julian Baboi in Zeitlupe. Dann tauscht er das Soldaten-Wams mit Anna Möbus (Bühne und die sparsam historisierenden Kostüme Hannelore Honnen und Angelika Steffentorweihen), so wird sie zum Prinzen. Traumwandlerisch sicher verwandeln sich die beiden mit wenigen Requisiten unentwegt von einer Person in eine andere."

"Träum ich? Wach ich? Leb ich? Bin ich bei Sinnen?"

Prinz Friedrich von Homburg - ein sinnverwirrter Träumer

Anna Möbus und Julian Baboi in: PRINZ FRIEDRICH VON HOMBURG - "Träum ich, wach ich?"

Auszüge aus der Rezension: (K)Ein Platz für Träumer - Alida Pisu am Dienstag, 24.11.2015

Alida Pisu am Dienstag, 24.11.2015

veröffentlicht auf meinesuedstadt

Foto: Francesca Magistro

Eine grasgrüne, schmale Mauer. Und mit der Mauer allein, die die Bühne beherrscht, ist schon viel gesagt. Schmal ist der Grat, auf dem wir wandeln. Ein falscher Schritt, und der Sturz ins Bodenlose ist die Folge. Mauern trennen, stehen als Hindernisse im Weg, steinerne Mauern erweisen sich oftmals gar als unüberwindbar...

Manchmal ist weniger mehr. Mit zwei Schauspielern ein Stück zu bestreiten, in dem es von unterschiedlichsten Charakteren nur so wimmelt: Kann das gut gehen? Ja, das kann es, und es hat sogar einen ganz besonderen Reiz... Was nun den Reiz der Knippschen Inszenierung ausmacht, ist das Spiel mit den Rollen...

Und das ist so aktuell wie nur irgendetwas. Nur ein Gedanke daran, was sich derzeit an den Grenzen Europas abspielt, und schon wird klar: Es ist ein gewaltiger Unterschied, und es sind zwei völlig verschiedene Sichtweisen, ob ich vor einer Mauer stehe oder dahinter.

Prinz Friedrich von Homburg (Julian Baboi), dieser geistesabwesende Träumer, der auf einen Handschuh seiner Angebeteten, Prinzessin Natalie (Anna Möbus), so fixiert ist, dass er die Anordnung des Kurfürsten, erst auf seinen Befehl hin in der bevorstehenden Schlacht anzugreifen, nicht aufnimmt. Wie ein Fremdkörper wirkt er, der Welt fremd, aber auch sich selbst fremd. Wie gefangen in einem Raum, der jenseits von Realität liegt und angefüllt ist mit Schwärmerei und Blindheit. Gegenüber der unvermeidlichen Wirklichkeit... Kein Platz also für Träumer auf dieser Welt?

Doch! Denn, wie gesagt, der Rollen- bzw. der Perspektivwechsel, der in der Inszenierung angelegt ist, ließe sich vielleicht so formulieren: „Ich könnte auch du sein.“ Beide Schauspieler agieren, ganz in weiß, in identischen Kostümen und es genügt der flotte Wechsel eines Jöppchens, das Anlegen einer Schärpe, das Überstülpen einer Perücke, um Natalie in die Haut Friedrichs schlüpfen oder Friedrich zum Kurfürsten werden zu lassen... So wie der eine gegen das Recht verstößt, so muss der andere es verteidigen. Doch da, wo die Grenzen zwischen Ich und Du verschwimmen, wo Gewissheiten nur eine Frage des Blickwinkels sind, da ist alles möglich. Auch unerwartete und unverdiente Gnade.

Das Anfangsbild, in dem Friedrich auf der Mauer liegt, wird im Schlussbild wieder aufgegriffen. Der Prinz, sich bewegend wie ein Somnambuler, wird von Natalie „geweckt“, die ihn mit dem Lorbeerkranz des Siegers krönt. Friedrichs Frage: „Ist es ein Traum?“, bleibt unbeantwortet. Oder vielleicht doch nicht? Das Gras ist so grün, wie die Hoffnung so grün. Und die Träumer, die Weltfremden, wenn wir sie nicht hätten, wer sollte das Gras denn dann erblühen und ergrünen lassen…

Ein zeitloser Klassiker in einer modernen Interpretation mit zwei Schauspielern, die durch ihre Wandlungsfähigkeit überzeugen und bestechen. Das Publikum dankte es ihnen mit herzlichem Applaus.