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Kafkas Welten

Kafkas Welten
David N. Koch in "Kafkas Welten"

Ein Theaterstück mit Texten von Franz Kafka

Es spielt David N. Koch
Stückfassung und Inszenierung: Joe Knipp
Bühne und Kostüme: Hannelore Honnen
Assistenz: Andrea Richarz
Mitarbeit und Projektleiterin für die Festivalteilnahme in Brest: Angelika Böhrer

Das international preisgekrönte Stück 'Kafkas Welten' wurde nominiert für den Kölner Theaterpreis und
David N. Koch für den Darstellerpreis PUCK 2009.

Fotos: Wolfgang Weimer.

Diese "ungeheuere Welt, die ich im Kopf habe" Kafka

"Ihr müßt nicht fragen, was das soll. Das soll gar nichts. Das bedeutet gar nichts. " Kurt Tucholsky

"Ich glaube nicht, dass Spiel notwendigerweise weniger real sein muss als Sein." George Tabori:


Schrecken der Kindheit

Theater am Sachsenring: Kafkas Welten. Inszenierung: Joe Knipp

von H. Georg

Kafkas Texte bergen vielfältige Geheimnisse. Zur Kennzeichnung des rätselhaft
Abgründigen in diesen Texten gefällt uns die Vorstellung von einer „kafkaesken“ Welt. In dieser Welt dominiert ein Gefühl dunkler Ungewissheit angesichts rätselhafter Bedrohungen, die von Mächten ausgehen, deren konkrete Struktur nicht fassbar scheint. Sie erscheinen als mächtige Behördenapparate, denen man hilflos ausgeliefert scheint. Die „kafkaesken“ Zustände in Kafkas Welten üben auf uns einen Reiz aus. Das peinigend Unentrinnbare, das in den Texten oft einhergeht mit düsterer Komik, versetzt uns in wohliges Entzücken, je sicherer wir sein dürfen, selbst niemals in derartige Situationen zu geraten. So gerät Kafkas Werk aber auch auf eine diffuse Höhe des Unverbindlichen. Kafkas Welten scheinen weit entfernt von unseren Alltagswelten.

Joe Knipp zeigt nun im Theater am Sachsenring, wie spannend und erkenntnisreich es sein kann, „Kafkas Welten“ wieder in die Alltagswelten zurück zu führen. Ausgangspunkt für Knipps Interpretation ist die Erzählung „Die Verwandlung“. Die verunsichernde Geschichte von der „eines Morgens“ stattgefunden habenden Verwandlung Gregor Samsas in ein „ungeheures Ungeziefer“ verknüpft Knipp mit Textteilen aus der Erzählung „In der Strafkolonie“, wo ein Offizier die Funktionsweise einer grausamen Hinrichtungsmaschine dazulegen versucht, sowie einer kurzen Passage aus dem „Brief an den Vater“.

Hier findet sich das Motiv für diese Inszenierung: Knipp greift die von Kafka in diesem Brief thematisierte Auseinandersetzung mit einem Furcht einflößenden Vater in einer autoritär geprägten Erziehungswelt auf. Diese Erziehungswelt hatte bereits zu Zeiten Kafkas eine bis heute populäre Darstellungsform in einem Kinderbuch erhalten:
Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter. Eben diesem Buch scheint David Koch entstiegen, wenn er die kleine nach hinten sich verengende Bühne betritt: kurze braune Trägerwollhosen, Suppenkaspargesicht. In dem nun folgenden furiosen Solo erobert er die Bühne als Zappel-Philipp ebenso wie als Hans-Guck-in-die-Luft. Zunächst aber lässt er uns an der Verwandlung Gregor Samsas teilhaben. Mit wenigen klug eingesetzten Requisiten erspielt er das Szenario in der Wohnung angesichts des ungeheuren Vorgangs der Verwandlung. Während der immer exakt und souverän gesprochene Text Kafkas das Szenario als ebenso kurioses wie dennoch reales Geschehen erscheinen lässt, deutet das Spiel die andere Ebene an: Gregor Samsas Verwandlung erscheint als Fantasie eines Kindes, hinter welcher ein Aufbegehren gegen die patriarchalisch-autoritäre Familienwelt erkennbar wird. Zu dieser Welt gehört auch das merkwürdig grausame Bestrafungssystem in der Strafkolonie. David Koch wechselt unvermittelt in diesen Text und wieder zurück. Mit allerhand neurotischen Verrenkungen erläutert der Offizier dem Besucher die Funktionsweise der Hinrichtungsmaschine. Während er noch in Worten das grausam-autoritäre Regime in der Strafkolonie entstehen lässt, turnt David Koch über die Bühne bereits wieder als Zappel-Phillip und Hans-Guck-indie-Luft.

Auf eine verblüffend einleuchtende Weise gehen die Hoffmann'schen Figuren ein Bündnis mit den Kafka-Texten ein. Deren Rätselhaftigkeit erweist sich als Ausdruck einer autoritären Zwangsgesellschaft. Die Hoffmann'schen Figuren scheinen durch ihr kindlichanarchisches Ausbrechen aus dem Korsett des Zwanghaften eine Befreiung zu ermöglichen. Wir wissen, dass dies nicht gelingt, die Strafe für das nicht fügsame Kind folgt unerbittlich. So bleibt nur die Flucht in die Fantasie. Eine innere Befreiung bevor der Vater kommt.

Eine kleine, sehr feine Aufführung mit einem tollen David Koch!


Fulminante Uraufführung: Theater am Sachsenring führt in "Kafkas Welten"

Von Barbro Schuchardt

Gregor Samsa ist wütend. Weil seine Familie ihn morgens aus dem Bett zur Arbeit scheuchen will. Weil er sich einsam und ausgenutzt fühlt. Und weil niemand merkt, dass er sich gar nicht dem Alltag stellen kann, weil er im Begriff ist, zu einem riesigen braunen Ungeziefer zu mutieren.

Knipp montierte Textteile aus der "Verwandlung" mit solchen aus der Erzählung "In der Strafkolonie" (1914) und einem Auszug aus dem "Brief an den Vater" (1919) zu einem furiosen Solo für den jungen Schauspieler David Koch zusammen. Koch ist in Knipps Inszenierung das böse, grausame Kind Franz, das sich mit Horrorvisionen aus der beengten Kleinbürgerwelt mit dem despotischen Vater hinaus fantasiert und dabei alle Grenzen überschreitet - auch physisch.

Mit halsbrecherischer Präsenz turnt Koch in seinen kurzen braunen Hosen über die Balustrade zum Zuschauerraum, stößt dabei fast mit dem Kopf an die Decke, aus der er Bonbons zutage fördert, schnaubt, schnarrt, grunzt, quietscht - und redet, redet, redet. Die Augen sind schwarze Löcher im weißgeschminkten Gesicht, eine Gießkanne wird in Kochs fulminantem Monolog durch ein paar Stofffetzen zu Vater, Mutter, Schwester. Getrieben vom Hass auf die ganze Welt rast er durch seine Vision von der Verweigerung alles Menschlichen, wobei der junge Schauspieler eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit beweist.

vergrößern auf 300 dpi Druckfassung. David Koch in In Hannelore Honnens klaustrophobisch sich verengender Bühne gewinnen die Machtfantasien des Jungen eine außerordentliche Plastizität. Durch die mehrfache Brechung der Hauptfigur finden Knipp und Koch einen zeitgemäßen Zugang zu Kafkas verrätselten Texten...

Fotos Wolfgang Weimer: Franz als Alien vis à vis mit der Maschine/ Franz verwandelt sich

Kölnische Rundschau 06.12.08


Die fiese Nähmaschine lebt

Ein Szenario wie in einem expressiven Stummfilm. Vor strenger Bauhaus-Kulisse erscheint David Koch, zum monströsen Riesenbaby stilisiert, das Gesicht mondfahl geschminkt. Ein markerschütterndes Krächzen entfährt ihm. Das letzte Röcheln eines verrückt Gewordenen? Der Sound eines Aasgeiers, der nach der Beute giert?

...so geschickt verzahnt, dass sich ein lyrischer Schwebezustand einstellt zwischen einer Familienanalyse und einer Parabel über Bürokratie. Privates und Politisches vermengen sich.

Kölner Stadtanzeiger


Kafkas Welten
Schauspiel

Regisseur Joe Knipp bringt in seiner Ein-Personen-Adaption "Kafkas Welten" Klarheit in die Sache. Er fokussiert die (erzählerische) Macht der Sprache des Pragers als Gegensatz zu dessen stets beängstigender, unberechenbarer fiktionalen Welt.

StadtRevue


In seiner neusten Inszenierung "Kafkas Welten" wirft Joe Knipp uns in den Ideenstrom des kleinen Jungen Franz (David Koch). Während das Kind immer weiter in die Fiktion eintaucht, reißt es uns und die Wirklichkeit mit sich. Es spielt mit seinen Möglichkeiten und der Macht, die es plötzlich hat. Doch während die Zeiger der Uhr ruhig vorwärts gehen, gewinnt das Spiel mehr und mehr an Grausamkeit. Zwischen realer Fantasie und fantasierter Realität entdecken wir die Worte, die in den berühmtesten Erzählungen des Erwachsenen Franz Kafka "Die Verwandlung" und "In der Strafkolonie" wieder zu finden sind.


Ich sehe dich nicht, also siehst du mich nicht!

Ich halte mir die Ohren zu, dann können mir deine Worte nichts anhaben,
denkt das Kind, um gegen das Schimpfen der überlegenen Erwachsenen anzukommen.
Was aber, wenn die Eltern nach dem Öffnen der Augen wirklich verschwunden sind?
Was aber, wenn sich die strafenden Worte tatsächlich gegen den richtet, der sie ausspricht?

Während ich mich in meine Ausgeschlossenheit einschließe, werden die Wände um mich herum immer enger. Die Grenzen der Freiheit verändern sich ebenso, wie die zwischen Realität und Fantasie. Der Apparat ist in Gang gesetzt. Gibt es jetzt noch ein Entrinnen? Andrea Richarz

Kafkas Welten

mit David Koch




Inszenierung: Joe Knipp.
Kafka

Kafkas Welten mit David N. Koch

Kafkas Welten
David N. Koch spielt während des Festivals in Brest "Kafkas Welten"

Die Teilnahme am Theaterfestival (Belaya Vesha) in Brest, Weißrussland brachte unserem Schauspieler David N. Koch den Preis als bester männlicher Schauspieler!
Eine ausverkaufte Vorstellung, intensive Reaktionen, Begeisterung über das Spiel von David N. Koch. Kollegen und Fachbesucher sprachen von einer "perfekten Inszenierung", von einem Stück, das unserer Zeit viel zu sagen hat.

Die Zuschauerin Stefanie Laube hat am 22. September 2011 "Kafkas Welten" in unserem Theater gesehen und schreibt auf ihrem Blog Lesezeit über ihre Eindrücke von der Vorstellung:

Kamelle für Kafka (ich war im Theater)

Ich lasse mich auf einen der knarrenden Bistrostühle fallen und gucke neidisch rüber zum Nebentisch: Ein paar Theaterbesucher haben sich mit einer Schale Erdnüsschen und Rotwein eingedeckt. Ja, SO bereitet man sich vor auf 1,5 Stunden Kafka – „Kafkas Welten“, um genau zu sein. Aber schon nach den ersten 20 Sekunden des Stücks weiß ich: Ich werde gar nicht dazu kommen, irgendwas anderes zu tun, als (teilweise mit offenem Mund) auf David N. Koch zu starren. Koch nämlich bestreitet das komplette Stück allein, ohne Pause und ohne, dass ich auch nur eine seiner halsbrecherischen Bewegungen, eins seiner absurden Geräusche oder eine seiner irren Mimiken verpassen will.  

Zu Beginn des Stücks spricht Koch nicht, er bewegt sich einfach nur in seinem Mikrokosmos: einem Zimmer, in dem es nichts gibt als einen Tisch mit Nähmaschine und einer Holzkiste. Der Schauspieler braucht nicht viele Requisiten, um mich in die Welt von Kafka hineinzuzerren. Mal wirkt er wie von Verfolgungswahn getrieben, mal wie ein trotziges Kind, das in seinem Zimmer Streiche ausheckt, mal wie ein fauchendes Alien und mal wie eine trutschige Diva, die sich selbst inszeniert. Für all das braucht er nichts als einen grauen Schal. Koch nutzt die gesamte Kulisse: Er stolpert wirr durch sie hindurch, stürzt sich im freien Fall von der Bühne und führt auf der 10 cm breiten Balustrade des Zuschauerbereichs ein Tänzchen auf– eine verwirrende Mischung aus Ballett und den Kampfszenen aus Matrix.

Die eigentliche Handlung beginnt mit einer Szene aus „Die Verwandlung“, in der Gregor Samsa eines Morgens feststellt, dass er zum Käfer mutiert ist. Während er sich noch Gedanken darüber macht, ob es in einer solchen Situation legitim ist sich krankzumelden, nervt die Familie vor seiner Zimmertür: Die Mutter ermahnt Gregor mit hoher Fistelstimme zum Aufstehen, der Vater läuft pfeiferauchend auf und ab, die Schwester, deren Gesicht Koch täuschend echt mit einer umgedrehten Gießkanne darstellt (die dem Vater gleichzeitig als Pfeife dient), kratzt jammernd an der Tür. Später stattet auch der Prokurist aus Gregors Arbeitsstelle den Samsas einen Besuch ab, um den Jungen des Blaumachens zu überführen. Auch dieser Figur verleiht Koch eine ganz eigenständige Persönlichkeit, indem er mit empört-überheblichem Gesichtsausdruck seinen roten Schal alle paar Sekunden fahrig-fummelnd umdrapiert und mich als Zuschauerin gleichzeitig extrem belustigt und unfassbar nervös macht.

Der zweite wichtige Handlungsstrang stammt aus Kafkas „In der Strafkolonie“. Hier führt Koch als Offizier einem Besucher sehr anschaulich eine Foltermaschine vor, die den Schuldigen vor dessen qualvollen Tod läutern soll. Koch, der Offizier, gerät über die Grausamkeit der Maschine in eine derart ekstatische Verzückung, dass mir anders wird. Übertroffen wird dieses Gefühl nur noch durch die Darstellung der Hinrichtung selbst. Endlos quälende Sekunden erleben wir Zuschauer mit, wie es ist, wenn ein Mensch durch Folter stirbt. Zu hören ist kein Wort, kein Schrei, kein Wimmern. Nur das unermüdliche Rattern der Nähmaschine im Hintergrund.

Sämtliche Rollen kauft man Koch ab, so dass man zu keiner Zeit das Gefühl hat, ein Stück mit nur einem Schauspieler zu sehen. Gregor Samsa ist dabei am beeindruckendsten, der Prokurist am unterhaltsamsten, der Offizier am bestialischsten. Am Ende der Show trägt Koch riesige Schweißflecke unter den Armen, hat Abdrücke von seinen Hosenträgern (!) im Gesicht und ich habe eine leise Ahnung, welches Klima unter seiner gräulich-hautfarbenen Blickdicht-Strumpfhose herrscht. Der Mann hat sich komplett verausgabt und wir, das Publikum, danken es ihm mit einem tosenden Applaus. Was es mit dem Bonbonregen auf sich hat, der zum Schluss von der Decke fällt, muss jeder selbst rausfinden.

Mein Fazit: eins der besten Stücke, die ich je gesehen habe. Selbst für nicht-Kafkafans (ich vorher) und Unwürdige, die die verarbeiteten Texte vorher nicht kannten (ich teilweise) ist das Stück gut zu verstehen. Uneingeschränkt empfehlenswert!