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30 JAHRE THEATER AM SACHSENRING

30 Jahre TAS
TAS - Die 30. Spielzeit - Celina Rongen, Mirjam Radovic und Signe Zurmühlen in SATISFAKTION I (2011)

Das Theater am Sachsenring besteht seit 30 Jahren!

30 Jahre TAS. Die Feier für das Theater, seine Künstler und sein Publikum, am 24. März 2017, wurde zu einem angemessenen Innehalten und einem Ausblick auf die nächsten Schritte.

Wir konnten Gäste aus allen Ecken und Zeiten der Theatergeschichte begrüßen. Es wurde gefeiert – mit und nach einer Vorstellung der Komödie "AB JETZT", die von Alan Ayckbourn im Jahr der Gründung des Theaters geschrieben wurde. Alida Pisu schreibt: „Zum Brüllen komisch und zum Heulen traurig... Aber auch ein Stück mit Tiefgang, das die von Huxley skizzierte 'schöne neue Welt', die schaudern macht, aufblitzen lässt.“

Um 22:30 Uhr gab es eine kleine Überraschung mit dem Auftritt der Gruppe ZINNOBERÜber das Fest schrieb Katja Sindemann für choices: "Jubiläum mit Roboter"

Als das Theater am Sachsenring (TAS) im Februar 1987 gegründet wurde, ahnte noch niemand, dass dieses Haus sich in den folgenden Jahren zu einer der wichtigen Bühnen der Stadt entwickeln würde.

Schon früh schrieb der Kölner Stadtanzeiger über das TAS: „Ein Ort geistvoller Verzauberung“ und die Rundschau bescheinigte „Schauspielertheater der Extraklasse“. Das zeigte sich unter anderem in dem Theaterpreis-gekrönten „Fest“ von Thomas Vinterberg (2003) – über 5000 Zuschauer besuchten die stets ausverkaufte Inszenierung. Es zeigte sich in „Szenen einer Ehe“ von Ingmar Bergman wie auch in der gefeierten Aufführungen „Kafkas Welten“ mit David N. Koch (nominiert für den Theaterpreis 2008). Die Inszenierungen AB JETZT und PEER GYNT, wie auch Elias Canettis DIE BEFRISTETEN sind zu weiteren Höhepunkten der Arbeit dieses Theaters geworden.

In den 30 Jahren sind namhafte Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne des TaS zu Gast gewesen:

Marietta Bürger, Anja und Volker Niederfahrenhorst, Wilfried Schmickler, Klaus Huber+ ('Ars Vitalis'), Karin Neuhäuser, Erika Skrotzki, Christa Fast +, Hans-Eckart Wenzel (Berlin), Peter Davor, Gerhard Rühm, Chris Newman, Manos Tsangaris, Yaak Karsunke, Thomas Reis, Statt-Theater-Fassungslos (Dresden), Peter Fessler, Ulrike Bliefert, Samy Orfgen, Bettina Marugg, Tony Dunham, Susanne Hinkelbein, Irene Langemann, Susanne Pätzold, Manfred O. Tauchen, Raphaela Dell, Thomas Biehl, Franziska Grasshoff+, Andreas Kunze+, Stefanie Mühle+, Achim Konejung, Hilde Harvan, Leopold von Verschuer, Heinrich Pachl+, Hans Kieseier, Hella von Sinnen, Constanze Craemer, Ozan Akhan, Richard Hucke, Hans Holzbecher, Martin Zuhr, Kerstin Kramer, Maike Kühl, Nicole Kersten, Rebecca Madita Hundt, David N. Koch, Martin Erdmann, Roland Riebeling, Elisabeth Scherer, Klaus der Geiger, Ralph Morgenstern, Die Bläck Fööss, Gerd Köster, Daniel Mutlu, Signe Zurmühlen, Celina Rongen, Heike Huhmann, Charlotte Welling u.v.A.

Theater kann Geschichten erzählen, Theater schärft die Sinne und klärt den Kopf!“

80er Jahre: Ars Vitalis – Huber (+ 2012), Sacher, Wilmanns – Vor dem Auftritt in der kleinen Garderobe des 'Sachsenring' dichter Rauch, es herrscht eine Sicht von weniger als 10 Zentimeter, die Luft ist geschwängert nicht nur von Tabak, Schweiß, oder Alkohol. Drei Männer spielen Karten. Dann hinaus auf die Bühne: Dada, Komik, drei fantastische Musiker. Eine selbstgebaute Lichtanlage wird mit Fußschalter bedient. Das Publikum ist außer Rand und Band. Die Zugabe: Drei nackte Männer. Erst fliegt eine Hose auf die Bühne, dann eine zweite, eine dritte. Drei nackte Männer sitzen in der Garderobe. Rauchend.

1988: Gerhard Rühm, einer der berühmten Dichter 'konkreter Poesie' aus Wien liest auf der Bühne des TAS. Teil eines Gedichtes: Sektgläser sollen in regelmäßigen Abständen vom Tisch gekippt werden, um auf dem Boden hörbar in Scherben zu gehen. Sollen. Die Rache der Requisiten. Entweder sind die Gläser zu stabil, oder die Bühne des Sachsenring zeigt sich dem Glas gegenüber gnädig. Mehrere Versuche scheitern. Die Lesung wird ein unvergesslicher Abend.

Chris Newman, Komponist 'neuer Musik', immer in einen dicken Pullover gehüllt, tritt mit seiner Rock-Gruppe 'Janet Smith' auf. Das Theater zittert in seinen Grundfesten.

1988: DAS ERSTE STÜCK. Die Premiere des ersten Theaterstücks im TAS: FRAU ARMAND TRIFFT ROSA LUXEMBURG NICHT von Hannelore Honnen nach Rosa Luxemburg und Colette – Eine Frau aus kleinen Verhältnissen träumt in der Erzählung von Colette von großen Ereignissen. Rosa Luxemburg, die Revolutionärin, kümmert sich in der Haft um die kleinen Dinge des Lebens. Die beiden Frauen begegnen sich nicht. Eine experimentelle Theaterproduktion, ein Spiel mit Kassettenrecorder, Stimmen, Briefen und einer Schauspielerin, noch bevor der Begriff 'experimentell' in Mode kam. Das ZDF berichtet über die einzige Theaterproduktion zum Thema Rosa Luxemburg. Die Schauspielerin in diesem Stück, Christa Fast (+2006), die mit Conny Plank das gleichnamige Tonstudio leitete, in dem auch Annie Lennox ihre Aufnahmen machte, wird zum Studio für die Bänder zu diesem Stück.

1989: „Neues aus der DaDaeR“ - Hans-Eckart Wenzel und Steffen Mensching kommen 1989 zu zwei Gastspielen ins TAS als DDR-Kabarett-Preiträger. Was erwartet uns? Zum Erstaunen aller keine verstaubten Polit-Witze zur Versorgungslage. Die DDR-Kabarettisten und Liedermacher zeigen Auftritte der unbekannten Art. Das wilde und anarchistische Clownstheater, die Shanties, die Tänze mit Notenständer, das Leben in der DaDaeR, in Poesie und Liedern verdichtet, faszinierend! Presse hat sich keine angesagt.

Dann erhalten die Künstler den Heine-Preis. Jetzt reagiert der Stadt-Anzeiger und schickt einen Journalisten nach Berlin um berichten zu können. Durch die aktuellen politischen Ereignisse wird die Begegnung ein politischer Austausch besonderer Klasse. Die Mauer fällt. Ein gemeinsamer deutsch-deutscher Kabarett-Abend mit Thomas Reis und Peter Vollmer wird abgesagt – Die Künstler schreiben uns von ihrer Verpflichtung jetzt in ihrem Land für eine bessere Gesellschaft zu kämpfen...

1991: Joachim Król, zu Beginn seiner großen Karriere, ist er auf der Bühne des 'Sachsenring' in einem wunderbaren Kurzauftritt zu sehen – in der absurden Theaterproduktion „Wursttheke 2“ mit Werner/ Nußbaum/ Niederfahrenhorst. Das Publikum, das sich durch den Verlauf des Stückes bereits daran gewöhnt hat, drei Männer zu sehen, wird von einem unbekannten, vierten Mann überrascht. Król taucht auf, gießt eine Pflanze und verschwindet wieder. Wortlos.

Manfred O. Tauchen, (DÖF, 'Watzmann') spielt in dem Stück „Die Malerin“ von Hannelore Honnen einen kraftvollen Christof Columbus, zusammen mit der jungen Nicole Kersten (später Staatstheater Mainz). In seiner unbändigen Art spielt Tauchen so heftig, dass er auf der Bühne des TAS einbricht. Er taucht unverletzt aus dem 50-Zentimeter-Abgrund wieder auf – und spielt weiter. Die nächsten Vorstellungen müssen ausfallen – die Bühne wird doppelt verstärkt.

1991: THEATERFESTIVAL IN VOLGOGRAD, UdSSR. Am 19. September berichtete die Prawda auf der Titelseite über die Eröffnung des Internationalen Theaterfestivals im NET, dem Neuen Experimental Theater Volgograd. Mit Brot, Salz und Reden wurden die Delegationen, u.a. aus Kanada, USA, Ägypten, begrüßt. Nach dem Abspielen der Hymnen fand eine besondere Begegnungen statt, zwischen einer Abordnung der Kriegsveteranen von Stalingrad und dem Leiter der Delegation aus Deutschland, Theater am Sachsenring, Köln. Die Stadt Köln entsandte keinen offiziellen Vertreter.

Das TAS, von Intendant Otar Djangisherashwili während eines Besuches in Köln ausgewählt, spielte während des Festivals unter anderem „Die Wut“ - Dostojewski in einer Inszenierung, die aufmerksam beobachtet und mit der Schluss-Bemerkung bedacht wurde: „lasst uns zu Dostojewski zurückkehren“.Außerdem sang Joe Knipp seinen „DeutschlandTango“ mit dem Pianisten Stephan Schleiner im ausverkauften Saal des Theaters, unter Balkonen, Wandmalereien und Samtvorhängen, auf Brettern, die noch vor Ende des Abends von roter Rosen bedeckt waren. Unvergesslich.

Ein besonderer Besuch, ein besonderes Festival, das eine ganze Stadt zum Blühen brachte, an der Nahtstelle einer Zeit, die noch nicht ganz vergangen war, zu einer neuen Zeit, die begann sich zu entwickeln, bevor sie von mafiösem Wildwuchs und neuer Diktatur schon im Ansatz erstickt wurde. Aber im Augenblick des Aufbruchs versammelten sich die Menschen im großen Theater, voller Hoffnung und aufgeregt – um neue Bilder zu entdecken, eine neue Theaterästhetik zu verfolgen, anderen Schauspielern zuzusehen, melancholischen Tönen zu lauschen und fremde Traditionen verstehen zu lernen.

1994: Die Bläck Fööss treten zum 7jährigen Jubiläum des TAS auf. Zum ersten Mal ohne Tommy Engel. Zum ersten und einzigen Mal mit Schauspieler Hans Holzbecher in der Rolle des Frontmans. Sie spielen und singen gemeinsam die schönsten Songs. Das Theater ist ausverkauft, das Publikum hingerissen, die Presse bleibt draußen. Die Fööss hatten um Verschwiegenheit gebeten. Ein 'Geheimkonzert' in einer Besetzung, die es so nie wieder gegeben hat.

90er Jahre: Tony Dunham. Der Londoner Autor von Gesellschafts-Komödien wie 'Traumfrau, verzweifelt gesucht' oder 'Liebe, Sex und Therapie', sucht Anfang der 90er Jahre in Köln eine Theaterbühne für seine Stücke und findet eine Heimat im TAS. Hier kommen die meisten seiner Stücke in englischer Sprache zur Uraufführung. 2000 schreibt er als 'Writer in Residence' ein Stück über BB - 'echt brecht'. Es kommt im umgebauten Plenarsaal des Oberlandesgerichts unter der Regie von Joe Knipp zur Uraufführung und wird ein großer Erfolg. Wie bereits 1997, zum 10jährigen Bestehen, das Stück CLOUDBUSTER - DIE FUNKTION DES ORGASMUS ein Beispiel für "intelligente Unterhaltung" wird.

2003: DAS FEST. Für die Inszenierung von Vinterberg/ Rukov „DAS FEST“ wird die Bühne vergrößert und in den Zuschauerraum gezogen. Alle Kräfte werden mobilisiert, um dieses Stück realisieren zu können. Die Premiere wird ein umjubelter Triumph. Für die 11 Schauspieler ist die Garderobe des TAS allerdings zu klein. Das Restaurant neben dem Theater hat geschlossen und der Eigentümer gestattet dem Theater den Gastraum zur Garderobe umzubauen. Die spannungsgeladenen, stets ausverkauften Vorstellungen beginnen, Theaterleiter Joe Knipp führt die Schauspieler jeden Abend aus dem Haus Nr. 5 in das Theater (Nr. 3), die Treppe hinunter, am gefüllten Zuschauerraum vorbei hinter die Bühne. Die Inszenierung wird 2003 mit dem Kölner Theaterpreis ausgezeichnet. 2005 gastiert das TAS mit der Inszenierung in der Schlosserei des Schauspiels Köln.

Ab 2007: Rongen, Zurmühlen, Koch. Manchmal läuft es richtig gut. Direkt von der Schauspielschule in die erste Rolle. So erging es Daniel Mutlu, Inka Lioba Bretschneider, David N. Koch, Katja Gorst, Jennifer Tilesi Silke und anderen Absolventinnen und Absolventen. Signe Zurmühlen spielte 2011 als erstes die 'Ophelia' im HAMLET und wird prompt nach einer Vorstellung als Sprecherin für den WDR und Eins Festival (heute 'One') engagiert. Daniel Mutlu wird Ensemblemitglied in Kaiserslautern, David N. Koch macht Filme und spielt an unterschiedlichen Theatern. Sein Solo KAFKAS WELTEN bleibt legendär. Jennifer Tilesi Silke spielt in Koblenz. Celina Rongen spielt 2011 in Hannelore Honnens SATISFAKTION - Spengler/Walser/Benjamin (nominiert für den Theaterpreis) und in einer Komödie von Tony Dunham. Danach titelt der Express (damals noch mit Kulturteil): „Kölns neue Traumfrau“. Die geht nach Berlin – fünf Jahre später spielt sie Hauptrollen am Berliner Ensemble. Herzlichen Glückwunsch!

2016: DER GOTT DES GEMETZELS. Während einer Inszenierungsarbeit in Hamburg sieht sich Theaterleiter Joe Knipp das berühmte Stück in der Karin-Beier-Inszenierung an und ihm geht ein Licht auf. Die Rechte für das Stück hat Frau Beier nach Hamburg mitgenommen, sie sind also für Köln wieder frei geworden. Gedacht, getan: Die Rechte für Köln gehen - an das TAS - und die Besetzung wird ideal: Richard Hucke, Doris Lehner, Bettina Scholmann und Julian Baboi. Ein Bühnen-Kampf der komischen Sorte. Das Publikum ist begeistert. Das richtige Stück am richtigen Ort.

2017: Ein Risiko Canetti auf den Spielplan zu bringen? Es lohnt sich. Die Kritikerin Alida Pisu schreibt über DIE BEFRISTETEN: „Eine nachdenklich machende Inszenierung, die nicht so schnell abzuhaken ist. Weil sie sich sehr davor hütet, auch nur eine Frage beantworten zu wollen. Und das ist auch gut so. Theater muss Fragen stellen. Gerade dann, wenn es um die letzten, die existenziellen Dinge geht“. Darum geht es im Theater.

Die ausführliche Geschichte des TAS im Überblick: hier weiterlesen...

Interview von Katja Sindemann mit Joe Knipp über 30 Jahre TAS im Kulturmagazin Choices