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HEDDA GABLER

Katja Gorst als Hedda Gabler; Felix von Frantzius als Tesman, Till Klein als Lövborg

von Henrik Ibsen

Inszenierung: Joe Knipp; Bühne und Kostüme: Hannelore Honnen; Dramaturgie: Dr. Sabine Dissel; mit Katja Gorst, Felix von Frantzius, Jennifer Tilesi-Silke, Till Klein, Tobias Teschner.

Hedda, eine lebenssüchtige, unberechenbare, 'verrückte' Frau, ist in die Ehe geflüchtet. Sie denkt an ein materiell gesichertes – ein gutes Leben. Ihr ungeliebter Ehemann Tesman hat während ihrer Hochzeitsreise hauptsächlich an einem kulturwissenschaftlichen Buch gearbeitet und erhofft sich dadurch eine Professorenstelle. Hedda, die, zu Tode gelangweilt, aus Zeitvertreib mit Pistolen ins 'Blaue' schießt, erfährt von der Ankunft Løvborgs, ihrer letzten intensiven Liebesbeziehung. Løvborg, ebenfalls Kulturwissenschaftler, hat sich nach Alkoholexzessen aufs Land zurückgezogen und dort mit Hilfe der verheirateten Thea Elvsted nicht nur ein sehr erfolgreiches Buch geschrieben, sondern auch eine in die Zukunft gedachte Fortsetzung. Schon durch die Veröffentlichung könnte Løvborg für Tesman ein beruflicher Konkurrent werden. Thea, Schulfreundin von Hedda, hat ihren wesentlich älteren Mann verlassen und ist Ejlert Løvborg nachgereist. Sie kommt auf Besuch zu Hedda. Nun sieht diese ihre Stunde gekommen: „Ich möchte ein einziges Mal in meinem Leben die Herrschaft haben über ein Menschenschicksal“. So spielt sie ein letztes, tödliches Spiel.

Foto: Barbara Siewer

HEDDA GABLER im TAS

Kölner Stadt-Anzeiger:

Hedda Gabler im Theater am Sachsenring

"Hedda langweilt sich zu Tode. 'Nur einmal im Leben die Herrschaft haben über ein Menschenschicksal', das wünscht sich die kapriziöse Frau, die einem verflossenen Liebhaber nachtrauert und nicht weiß, was sie mit ihrer Rolle als brave Ehefrau und Bürgerin anfangen soll. Joe Knipp inszeniert Henrik Ibsens 1891 aufgeführtes Drama als konzentriertes Schauspielertheater ohne Schnickschnack. Katja Gorst als Titelfigur balanciert lasziv auf Hockern und zieht diese wie Gitterstäbe um sich herum – eine hospitalistische Pantherin zwischen Stubentigern (auch gut: Felix von Frantzius, Jennifer Tilesi Silke, Tobias Teschner und Till Klein), eindringlich dargestellt. Eine traditionelle Aufführung, die an eine fast vergessene Welt heranführt." (jdü)

HEDDA GABLER im TAS - Warum haben wir es so gemacht - und nicht anders?

Till Klein als Lövborg und Jennifer Tilesi Silke als Frau Elvsted im Theater am Sachsenring

HEDDA GABLER. Ein großes Stück, eine Herausforderung. Ein Erlebnis.

Anmerkung in ’theater pur’: "Joe Knipp, TaS-Hausherr, inszeniert ein durchaus intensives Kammerspiel, spannungsreich auch ohne anbiedernde Aktionen...Die Darsteller stehen anfangs an der Rampe in 'ich bin der, ich bin der'-Positur. Auf diese Weise wird beiläufig (oder vorrangig?) die Doppelrolle Tante Juliane/Frau Elvsted angekündigt. Jennifer Tilesi Silke gibt beide Figuren differenziert und vor allem mit sehr menschlichen Konturen. Ausdrückliches Kompliment!“

Ja, ich hatte einmal mehr das Glück mit Katja Gorst, Jennifer Tilesi Silke, Felix von Frantzius, Tobias Teschner und Till Klein auch dieses Mal mit guten Schauspielern arbeiten zu dürfen. Während der ersten Leseproben zeigte sich, dass Satzstellungen und Formulierungen des Ibsen-Kosmos erst erkundet und begriffen werden müssen. Durch eine intensive Arbeit am Text, in Zusammenarbeit mit der Dramaturgin Sabine Dissel aus Hamburg, fanden wir Grund und Boden - und so auch Zugang zum Spiel.

Warum konfronieren wir das Publikum mit Umwegen, Emotionen, der alten Sprache, der komplizierten Psychologie der Figuren. Zum Beispiel mit der ungelenken Komik des Anwärters auf eine Professorenstelle, die ihn auch sympathisch macht oder der Zerrissenheit Heddas? Warum suchen wir die Zwischentöne, warum diese Art von Theater? Keine Modernisierung, keine heutige Sprache, kein Video? Noch deutlicher ein Stück von gestern? Das Publikum dankt es uns nach jeder Vorstellung, die Zuschauer äußern sich beglückt, einer Geschichte zusehen zu dürfen. So einfach. Zunächst. Altmodisch?

Die Sprache ist in unserer Fassung die Übersetzung Hugo von Hofmannsthals. Sie bildet ein eigenes Universum, das sich frei und vor allem in aller Schärfe durch eben diese Sprache bildet. Dort sitzt der General, „den Rücken uns zugewandt“, wie sich Lövborg an Heddas Vater erinnert. In anderen Übersetzungen sitzt er "mit dem Rücken zu uns", ein kleiner, aber feiner Unterschied. Sprache an anderer Stelle - weggeworfen - fast wie heute. Das 'Heutige' im Theater - ein großer Irrtum. Auf der Bühne müssen die Uhren anders gehen.

Ibsens Figuren sprechen umständlich genau oder verhüllt, manchmal klingen die 'fremden' Formulierungen wie verstaubt, die Bewohner dieses Universums sind eingesperrt, in einer Art Zeitblase, in der sehr Bekanntes enthüllt wird in der ganzen Fremdheit. Die Figuren schauen uns an, unberechenbar, fest, weich, sie träumen, sind komisch, stark, schwach, wechseln ihre Absichten, sind weder gut noch böse. Dieses Universum will beobachtet, einfach gesehen werden.

Und in den großen Räumen zwischen den Gestirnen entdecken wir auch die Geheimnisse, Unausgesprochenes, irritierende Töne. All das haben wir in unserer Inszenierung versucht herauszuschälen auf der kleinen schwarzen Bühne. Dort sollen Tante, Freundin, Hausfreund, der Ehemann, der Jugendfreund und Hedda aufleuchten (wie immer Bühne und Kostüme von Hannelore Honnen).

Hätten wir eine 'zeitgenössische' Inszenierung versucht, wäre die Szenerie möglicherweise in glanzvoller Leere steckengeblieben. Einfacher, lauter, schwarz-weiß. Dann bleibt der Ehemann klein, Hedda ein unberechenbares Biest, ein Miststück, durchgängig böse, sie trägt vielleicht Reizwäsche und spricht davon damals mit ihrem Jugendfreund gefickt und das Verhältnis schnell beendet zu haben, als es zu Ernst wurde. Hedda in heutige Beziehungsprobleme verwickelt.

Bei Ibsen verlässt Hedda Lövborg, weil sie die 'Wirklichkeit' fürchtet. Und Wirklichkeit meint hier etwas ganz anderes als Sex oder Beziehung. Wenn Hedda und Lövborg sich bei uns auf der Bühne, nebeneinander sitzend, an die Zeit der Erregung und Aufregung erinnern, werden sie wieder zu Kindern, die immer noch nicht verstehen, was mit ihnen war und in welchen Abgrund sie damals blickten. In ihren Gesichtern spiegelt sich eine ganze Welt von Erwartungen, Verletzungen und Missverständnissen.

Das Ungefähre fesselt, was die Beiden nicht wissen, wir wissen es auch nicht. Heutige Direktheit würde diese Magie zerstören. Stellen wir uns vor sie würde Lövborg tatsächlich küssen, sie sagt „Oops“ und Lövborg macht Anführungszeichen per Fingerzeig. Alles wie heute. Alles passend unpassend zeitgenössisch. So würde der Staub von damals nur weggewischt, um von einer klebrigen Schicht falscher Moderne ersetzt zu werden... Unsere Inszenierung hat das Publikum überzeugt.

Tobias Teschner als 'Brack' in HEDDA GABLER