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Der Gott des Gemetzels

Bettina Scholmann, Julian Baboi, Doris Lehner und Richard Hucke (Foto: Barbara Siewer)

von Yasmina Reza

Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel

Der elfjährige Ferdinand Reille hat den gleichaltrigen Bruno Houillé in der Schule mit einem Stock verprügelt und ihm zwei Schneidezähne dabei herausgeschlagen.

Die Eltern der beiden sind zusammengekommen, um die Dinge zu klären. Véronique ist eine sozialkritische Schriftstellerin, die an einem Buch über den Darfur-Konflikt arbeitet. Ihr Mann Michel betreibt einen Eisenwarengroßhandel. Annette Reille ist Vermögensberaterin und ihr Mann Alain ein erfolgreicher Jurist, der für einen Pharma-Konzern arbeitet. Das Gespräch beginnt harmlos. Annette und Alain geben sich schuldbewusst und Véronique und Michel geben zu verstehen, dass sie eine friedvolle Übereinkunft möchten, wenn nicht sogar zur Vergebung bereit sind.

Doch langsam erhält der Konflikt einen anderen Ton. Die Diskussion wird ständig durch Alain unterbrochen, da er berufliche Anrufe auf sein Handy erhält und lautstark versucht, einen Pharmazie-Skandal seines Unternehmens in den Griff zu bekommen. Außerdem klingelt häufiger das Telefon der Houillés, weil Michels Mutter ständig anruft. Es stellt sich heraus, dass Michels Mutter das Medikament nimmt, dessen schwerwiegende Nebenwirkungen Alain über sein Handy zu vertuschen versucht…

Schließlich bricht die dünne Schicht bürgerlicher Kultiviertheit: Die vier Erwachsenen geraten aus der Fassung und es wird immer deutlicher, dass sie alle hinter ihrer zivilisierten Maske einen "Gott des Gemetzels" anbeten. Auf dem Schlachtfeld dieser Tragikomödie versinkt am Ende nicht nur ein Handy in der Tulpenvase...

"Souverän drehen die vier Akteure an der Schraube des anschwellenden Konflikts. Ständig tun sich in dem tragikomischen Tohuwabohu neue Allianzen auf, wobei die Wortgefechte unter den Eheleuten in der Logik der Eskalation mit den gefährlichsten Waffen geführt werden. Am Ende der knackigen 75-minütigen Konfrontation sind die Ehen im Zustand gefährlicher Erosion und die Hoffnungen auf zivilisierte Umgangsformen vom Gott des Gemetzels gänzlich zunichtegemacht worden." (Kölner Stadt-Anzeiger) 

Inszenierung: Joe Knipp; Bühne und Kostüme: Hannelore Honnen

Mit Bettina Scholmann; Julian Baboi; Doris Lehner; Richard Hucke

KONFRONTATION BEIM KAFFEEKRÄNZCHEN

Julian Baboi, Doris Lehner, Bettina Scholmann, Richard Hucke (Foto: Barbara Siewer)

Rezension von Alida Pisu, 26.08.2015

„Der Gott des Gemetzels“, eine der weltweit meist gespielten Komödien von Yasmina Reza, 2011 auch von Roman Polanski verfilmt, hat am 27. August Premiere im Theater am Sachsenring. Das Theater kann 2015 sein 28jähriges Bestehen feiern und auf eine lange Reihe ebenso erfolgreicher wie beeindruckender Inszenierungen zurückblicken. Meine Südstadt hat dem TAS einen Probenbesuch abgestattet.

Eine Rauferei zwischen zwei Jungs endet mit ausgeschlagenen Zähnen und hat unerwartete Folgen. Treffen sich doch die zugehörigen Elternpaare, gut situierte, kultivierte und politisch korrekte Leute, bei Kaffee und Kuchen zu einem klärenden Gespräch. Was als Friedensgipfel beginnt, artet in eine fulminante Zimmerschlacht aus, in der das Faustrecht der Prärie gilt.

Die Rollen sind scheinbar klar verteilt: hier die Eltern Annette (Bettina Scholmann) und Alain (Julian Baboi) des bösen Buben Ferdinand auf der Arme-Sünder-Bank. Dort die Eltern Véronique (Doris Lehner) und Michel (Richard Hucke) des Opfers Bruno, die sich mit einem schwarzen Würfel begnügen müssen, auf dem nur eine Person Platz nehmen kann. Zwischen ihnen zwei Stapel Kunst-Bücher und ein Strauß Tulpen.

Annette und Alain  sind die schick gestylten Prototypen des modernen Business-Menschen: sie ist Vermögens-Beraterin, Alain arbeitet als Jurist für einen Pharma-Konzern. Véronique und Michel wiederum verkörpern das Gutmenschentum in Reinkultur: Véronique schreibt an einem Buch über den Dafour-Konflikt und hat ein Abonnement auf penetrante Sozialkritik. Michel führt einen Eisenwarengroßhandel, in dem er u. a. Klospülungen verkauft und er sieht so aus, als könne er kein Wässerchen trüben. Irgendwie wirken sie überhaupt allesamt nett, wie sie sich bei einem Stückchen Apfel-Birne-Clafoutis über Kindererziehung und Backrezepte austauschen und beredt klassischen Small-Talk betreiben. Dieses Bild jedoch hat nur so lange Bestand, bis Alain das erste von unzähligen Handy-Telefonaten führt, das sich um eine heikle Studie dreht. Hat sich doch herausgestellt, dass der Pharma-Konzern ein Medikament mit schweren Nebenwirkungen vertreibt. Alain zeigt sich als zynisches Arschloch, dem Menschenleben ganz egal sind. Was einzig zählt, sind 150 Millionen Dollar Jahresumsatz. Bricht der Umsatz weg, ist Alain seinen Job los. Dann doch lieber gewissenlos agieren und aufs Leugnen, Betrügen, Verschleiern drängen.

Hören Gattin und Gutmenschen ihm zunächst noch gespannt zu, werden sie zunehmend desinteressierter, reden dazwischen, überschreien sein Schwadronieren, umkreisen ihn bedrohlich. Das ist hübsch choreographiert und spiegelt die zunehmend aufgeheizte Stimmung wider. Schließlich gerät die Gattin über ein Telefonat so in Rage, dass sie auf einen Kokoschka-Band kotzt. Spätestens ab diesem Moment lösen sich alle Strukturen auf. Die Ehen sind rissig, die Lebenslügen werden entlarvt und die Protagonisten erweisen sich als dünnhäutig. Michel hat Knusperinchen, den Hamster seiner Tochter, auf der Straße ausgesetzt, weil er Nagetiere hasst. Ist Knusperinchen nun tot? Warum hat Véronique nichts dagegen unternommen? Niemand weiß es. Nur Ausreden und Rechtfertigungen. Und Angriffe und bohrendes Nachfragen der Anderen, die nun munter die Fronten wechseln, während ein allgemeines Besäufnis anhebt, das die letzten Schichten an Zivilisation davonfegt und völlig enthemmt. Véronique setzt sich auf Alains Schoß und beklagt sich über Michel, Annette bekreischt ihre Ehe-Hölle, man prügelt einander. Alains Handy landet in der Blumenvase, Kommentar  Annette: „Männer hängen zu sehr an ihrem Zubehör, das macht sie klein“. Kurz und klein gemacht wird auch der Blumenstrauß. Es geht wortwörtlich Schlag auf Schlag. Dabei waren sie doch alle besten Willens und was ist passiert: sie landen im Gemetzel… Die Inszenierung ist sehr unterhaltsam, reich an Tempo und Pointen, die Schauspieler liefern sich veritable Schlagabtausche und man sieht ihnen mit Vergnügen dabei zu. Gibt es etwas Ergötzenderes, als den Nachbarn (oder gar sich selbst, denn ein bisschen was von ihnen steckt doch in uns allen) dabei zuzusehen, wie sie sich selbst zerfleischen, wie sie sich streiten, sich fetzen, einander entblößen? Vor allem aber: wie sie sich wandeln: die feinen Damen mutieren zu Furien, Michel lässt den Berserker raus, Alain ist der Einzige, der sich selbst treu und wie er ist bleibt.

Und dann können sie einem fast schon wieder leid tun, als sie am Schluss ihrer Schlacht wie Elendsgestalten auf der Bühne sitzen und aussehen als wären sie gerupfte Hühner. Federn mussten sie jedenfalls zur Genüge lassen. Und wenn noch Hoffnung besteht, dann nur für den Hamster Knusperinchen, der vielleicht doch nicht tot ist, sondern gerade irgendwo einen Festschmaus verzehrt. Ein Festschmaus für Augen und Ohren ist er jedenfalls, „Der Gott des Gemetzels“ unter der Regie von Joe Knipp. Hingehen, genießen und lauthals lachen, weil die Schlacht so schön ist! Und das überzeugende Ensemble mit Applaus überschütten, er ist verdient!

Richard Hucke, Doris Lehner und Julian Baboi (nicht im Bild Bettina Scholmann; Foto: Barbara Siewer) in DER GOTT DES GEMETZELS
Bettina Scholmann, Julian Baboi (Foto: Barbara Siewer)
Doris Lehner und Richard Hucke (Foto: Barbara Siewer)
Der Gott des Gemetzels - Hier: Bettina Scholmann und Julian Baboi (Foto: Barbara Siewer)