"KEIN KIND MEHR DA" - zur Uraufführung des Stücks "DIE KÄFER - Das rote Album"

Alida Pisu schreibt: "Aus dem dunklen Off ist ein Summen zu hören, das immer bedrohlicher anschwillt. Als es schließlich abbricht und es hell wird, kleben sie förmlich an den Wänden: drei schwarze Käfer, verkörpert von Heike Huhmann, Anna Möbus und Charlotte Welling. Sie sind jedenfalls die perfekte Illusion von Käfern, in ihren spinnwebenzarten Ganzkörperkostümen, mit denen sie eine unglaublich körperliche Präsenz ausstrahlen und eine wahre Augenweide sind (Bühne und Kostüme: Hannelore Honnen). Als sie feststellen, dass niemand außer ihnen die Apokalypse überlebt hat, wird ihnen klar: 'Nicht ein Kind wird um uns weinen… Denn es ist kein Kind mehr da', erinnern sie sich: 'Wisst ihr noch? Der Mensch war da.' Und beschließen, Menschen zu spielen 'und wie sie das Herzchen zu fühlen...

'Die Käfer' muss man sehen! Weil sie eben doch eine Vision zeigen und in den Texten und Liedern eine unglaubliche Kraft steckt, die die Hoffnung auf ein Morgen für die Menschen in sich trägt. Drei großartige Darstellerinnen, ein sensibel begleitender Musiker und eine beeindruckende Inszenierung, die man so schnell nicht vergessen wird."

Hier die ganze Rezension auf 'Meine Südstadt': KEIN KIND MEHR DA...

Das Köln Gespräch mit Joe Knipp im EXPRESS vom 02. Oktober 2017

Pünktlich zur Theaternacht, die Theaterleiter Joe Knipp vor 17 Jahren mit seinem Vorstand der Kölner Theaterkonferenz als erste Theaternacht in Deutschland begründete, erscheint im EXPRESS eine ganze Seite Köln-Gespräch über 30 Jahre TAS und die Kölner Kulturpolitik unter der Überschrift:

Sie muss mal die Peitsche schwingen

Auszug:

Wird die Stadt Köln ihrem Kulturanspruch gerecht?

Nein! Es ist auch nach jahrzehntelanger Diskussion nicht gelungen, die Kultur ordentlich zu bezuschussen. Die, die nachgewiesenermaßen gutes Theater machen, müssen einen Boden haben, auf dem sie freier atmen können. Das muss gar nicht viel Geld sein.

Wäre es besser gewesen, die Oper abzureißen und eine neue zu bauen?

Auf jeden Fall und unabhängig von der aktuellen Kostenexplosion. Alles was ich vor dem Umbau in meinem Internetblog befürchtet hatte, ist eingetreten. Schon damals haben mir Experten gesagt: Es ist besser eine wirklich neue Betriebs-Technik zu haben als eine alte zu reparieren.

Blog:

https://spiegel-jk.blogspot.de/2017/07/buhnen-koln-sind-fertig-in-sieben.html

Was halten Sie von Kulturdezernentin Susanne Laugwitz-Aulbach?

(nach langem Nachdenken) Sagen wir mal so: Ich habe sie noch nicht richtig wahrgenommen.

Nach vier Jahren im Amt?

Das Letzte, was ich von ihr mitbekommen habe, war, als sie zur Kostenexplosion beim Opern-Umbau sagte, sie sei dafür nicht verantwortlich. Dabei wäre das ihre Chance gewesen: Wenn man so ein Dezernat führt, dann muss man auch mal eingreifen. Da erwarte ich von einer Kulturdezernentin Dompteur-Eigenschaften, da muss sie auch mal die Peitsche schwingen.

Verliert das Theater seine Zuschauer an die "Generation YouTube"?

Das wirkt sich langsam aus. Allgemein sind die Besucherzahlen rückläufig. Außerdem steht das Theater in den Medien - auch im EXPRESS - nicht mehr so im Mittelpunkt, wie es früher einmal war...

Mit ihrem Kollegen Albrecht Zummach hatten Sie als Band "Zinnober" großen Erfolg, machen heute noch Musik. Was hören Sie privat am liebsten?

Immer noch die Beatles. Und bei zeitgenössischer Musik: Mozart... Manchmal ärgere ich mich schon darüber, was heutzutage an unterbelichtetem Kram als Musik durchgeht. Ich denke da vor allem an junge Männer im karierten Hemd mit Hütchen auf dem Kopf, die am Fenster stehen und von Sternen und Freiheit singen. Das sind Kalenderspruch-Texte, die von jungen Menschen offenbar als Poesie wahrgenommen werden...

DIE KÄFER

DIE KÄFER - Heike Huhmann, Anna Möbus, Charlotte Welling

28.09.2017 - Die Käfer und das rote Album

Sie kam in unsere Klasse, als wir zwölf Jahre alt waren. Wir freundeten uns schnell an, denn nachmittags war Unterricht, und wir verbrachten viel Zeit in der Mittagspause gemeinsam. Wir liefen zum neu eröffneten Minimal, kauften dort vom Geld, das uns unsere Eltern für ein gesundes Essen in der Schulkantine mitgegeben hatten, Sahnejoghurt und Waffeln. Dabei sangen wir ununterbrochen Lieder der Beatles, denn uns verband eine große Liebe zu ihnen, und das rote Album hatten wir ja beide zu Hause, aus der Plattensammlung der Eltern.

Eifrig schrieben wir in schönster Schreibschrift die Texte ab, die in der Schutzhülle des Albums mit dem Apfel in der Mitte abgedruckt waren, und übten die Songs in unseren Freistunden zweistimmig ein. So verbrachten wir viele Stunden mit den Texten der Beatles, ihren Melodien und ihrer Philosophie. Ich übte einige Songs auf der Gitarre ein, und nebenbei lernten wir dabei Englisch. John Lennon war schon längst tot, aber uns war das egal. Bis heute sind für mich die Beatles und ihre Songs ein lebendiger Teil meiner frühen Jugend. Und bis heute kann ich alle Lieder der Beatles vom roten Album auswendig.

Darum spitzte ich die Öhrchen, als ich hörte, dass heute Abend im Theater am Sachsenring die Premiere des Theaterstücks „Die Käfer – Das rote Album“ gegeben wird.  Geschrieben hat es Joe Knipp, die Musik kommt von Albrecht Zummach. Es geht um eine Welt, in der die Apokalypse bereits stattgefunden hat, und nur die Insekten überlebten. Aus Schadenfreude beginnen die Käfer, „Mensch zu spielen“. Es wird nicht nur intrigiert und geliebt, sondern auch gesungen. Mit Vibraphon!

Wenn Ihr jetzt Appetit auf Musik und musikalisches Theater habt, dann wisst Ihr, was zu tun isst. Guten Appetit wünscht Jasmin Klein (Foto: Barbara Siewer)

30 Jahre Theater und Kampf um Kultur - 1. Juni 2017 (Artikel mit Klick auf das Bild)

Kölner Stadt-Anzeiger am 1. Juni 2017 - Susanne Hengesbach im Gespräch mit Theaterleiter Joe Knipp

Das Theater am Sachsenring feiert den 30. Geburtstag

„Ihr Theater haben sie dabei mit Mut, Stehvermögen und nicht zuletzt künstlerischer Klasse auch durch die härteste Zeit gebracht… ‚Bis heute bekommen wir keinen Cent Betriebskostenzuschuss‘, erklärt Hannelore Honnen und lässt das vielsagend so stehen…

Joe Knipp inszeniert. Dabei zeigen die beiden weder Angst vor Groß-Klassikern wie ‚Hamlet‘ oder Kleists ‚Prinz von Homburg‘, noch vor Sperrigem wie Elias Canettis ‚Die Befristeten‘, das sich für beide überraschend gerade zum Renner der Jubiläums-Spielzeit entwickelt… ‚Ein Stück, in dem es darum geht, an was Menschen glauben und was sie glauben gemacht werden, bringt unsere Zeit genau auf den Punkt‘, ergänzt Joe Knipp. ‚Die Zuschauer haben ja im Kopf, was um sie herum passiert - ich käme nie auf die Idee, platt die Herren Erdogan oder Trump auf die Bühne zu bringen.‘ Im Theater am Sachsenring nimmt man den Text ernst und freut sich am generationen-übergreifenden  Publikumszuspruch dafür.

Besonderes Augenmerk liegt auch auf den exzellenten Schauspielern wie etwa Richard Hucke, der… aktuell beim ‚Gott des Gemetzels‘ oder in ‚Peer Gynt’ brilliert. Zu den Höhepunkten ihrer Arbeit gehört für Knipp wie Honnen ‚Das Fest‘, das 2003 mit dem Kölner Theaterpreis ausgezeichnet wurde und insgesamt 5000 Zuschauer hatte. Aber auch, beklemmend intensiv, ‚Kafkas Welten‘ mit David N. Koch, am 8. Mai noch einmal zu sehen…"

(Kölnische Rundschau, Brigitte Schmitz-Kunkel)

Wer will wissen wann er stirbt? Elias Canettis "Die Befristeten"

von Barbro Schuchardt

Gott ist tot. Der Rebell Fünfzig hat den Code geknackt, mit dem die Menschen in unbedingten Glaubens-Gehorsam gezwungen werden. Er hat ihre Halsketten-Kapseln zertrümmert, in denen angeblich das Todesjahr festgeschrieben ist. Doch die Kapseln sind leer...

Joe Knipp destilliert mit der Dramaturgin Sabine Dissel aus der dialogischen Sozialfantasie „Die Befristeten“ des Nobelpreisträgers Elias Canetti (1905-1994) eine in Teilen erstaunlich kurzweilige Szenenfolge um die Bedeutung der Sterblichkeit für den Menschen...

Ein starkes Schauspieler-Trio (Heike Huhmann, Anna Möbus, Julian Baboi) lockert die Diskurse um den Glauben an ein unfehlbares System und Fünfzigs Aufbegehren durch komödiantische Szenen auf, in denen sogar ein Kasperletheater nicht fehlt (Bühne: Hannelore Honnen).

Großartig die Damen mit ihrem Ehe-Disput "Wahre Liebe gibt es nur in 50 Jahren Ehe. Ein Mann, der nicht mindestens 88 heißt, ist nichts für mich". Und ebenso als listige alte Weiblein, die Fünfzig aufs Glatteis führen wollen. Julian Baboi verkörpert überzeugend den zu allem entschlossenen Kämpfer gegen eine betrügerische Glaubensdiktatatur. Fünfzig weiß: Der Preis dafür ist hoch. "Ich überlasse sie ihrer Angst" droht der Kapselan beim Tribunal. Gemeint ist die Angst vor dem nun ungewissen Sterbedatum. Ob darin auch Freiheit liegt, muss der Zuschauer selbst entscheiden.

Orwell'sche Dimensionen - Canetti im Theater am Sachsenring

von Christoph Zimmermann

Das Jahr 1984 ist für uns Heutige längst Vergangenheit. George Orwell sah es in seinem 1949 geschriebenen Roman allerdings als futuristisches, beklemmendes Datum. So etwas wiederholt sich offenkundig von Zeit zu Zeit... Mit Bezug auf das gerade am Kölner Theater am Sachsenring (TaS) herausgebrachte Stück "Die Befristeten" begann vor drei Jahren die 'Zeit' einen Artikel mit folgenden Worten: "Die Gegenwart gibt sich alle Mühe, eine negative Utopie einzuholen, die Elias Canetti schon im Jahre 1952 entworfen hat."

Dass der Schriftsteller und Aphoristiker, welcher als Todeshasser galt, das Thema des Alterns einmal angehen würde, durfte man erwarten. Die Personen von "Die Befristeten" kennen das Alter, welches ihnen zugemessen wurde - jeder allerdings nur für sich. Dieses Wissen wird als „größter Fortschritt in der Geschichte der Menschheit“ bezeichnet. Jeder kann mit freiem Willen und Energie die ihm zugestandene Frist optimal nutzen. „Du musst einfach wissen, was du mit deiner Zeit kaufst. Es ist deine Schuld, wenn du es dir schlecht einteilst.“ Das Leben scheint also perfekt planbar. Sind die Menschen mit dieser „Errungenschaft“ glücklich? Einer, seinem zu erwartenden Alter entsprechend „Fünfzig“ genannt, wehrt sich gegen solche Determination. Ohnehin vermutet er in dem System eine Lüge...

Canetti beantwortet keine Fragen, vielmehr wirft er solche auf. Aus der Aufführung geht man nicht gerade beschwingt nach Hause, sondern verunsichert. Die Befristeten sind zudem ein strenges Thesenstück... Allerdings nimmt die stringente, emotionsstarke Inszenierung des Hausherrn Joe Knipp sehr gefangen, die drei Darsteller (Heike Huhmann, Anna Möbus; Julian Baboi) gehen auf der von Hannelore Honnen symbolhaft ausgestatteten Bühne immer wieder bis zum Äußersten. Eine starke Aufführung...

Maschinenfrau zeigt Menschlichkeit - Premiere AB JETZT im TAS

"Eine pointenreiche und schwungvoll in Szene gesetzte Komödie, in der die Gags im Minutentakt zünden. Aber auch ein Stück mit Tiefgang, das die von Huxley skizzierte „schöne neue Welt“, die schaudern macht, aufblitzen lässt."  (A. Pisu - meinesüdstadt)

hier die ganze Rezension: http://www.meinesuedstadt.de/kultur/maschinenfrau-zeigt-menschlichkeit

100 JAHRE DADA - Duchamp/Ball/Hennings

Aus der Premierenkritik von Alida Pisu auf "Meine Südstadt":

"100 Jahre nach der Geburtsstunde des Dada im legendären 'Cabaret Voltaire' in Zürich wird er im Theater am Sachsenring zu neuem Leben erweckt. Und es gelingt ihm, was ihm bereits vor 100 Jahren gelang: unsere Vorstellungen von der Welt zu hinterfragen. Ist sie wirklich so, wie sie zu sein scheint? Oder könnte sie auch anders sein: gaga di bumbalo bumbalo gadjamen?"

Aus der Premierenkritik des Kölner Stadt-Anzeiger:

"In kurzweiligen Episoden verwandeln sich die beiden Schauspielerinnen Anna Möbus und Signe Zurmühlen mühelos in die historischen Gestalten (...) Die Hommage zum 100. Geburtstag gerät hier zum kurzweiligen Theaterabend, der alle Sinne berührt" (NoR)

Kölner Stadt-Anzeiger: PRINZ FRIEDRICH VON HOMBURG im TAS

Auszug: "Joe Knipp gibt in seiner schnörkellosen Inszenierung ... den Text zur Interpretation frei... Beeindruckend zu sehen, wie Anna Möbus und Julian Baboi in einem wahren schauspielerischen Kraftakt mit nur minimalen Kostümwechsel in neue Rollen schlüpfen. Vor allem das junge Nachwuchstalent Möbus überzeugt mit großer Wandlungsfähigkeit. Gerade noch strahlend jugendliche Natalie, brilliert sie im nächsten Augenblick als knorrig-leutseliger Obrist Kottwitz..." (nor) 

Kölnische Rundschau: Kleist im TAS

Auszüge aus der Rezension: (K)Ein Platz für Träumer - Alida Pisu am Dienstag, 24.11.2015

Alida Pisu am Dienstag, 24.11.2015

veröffentlicht auf meinesuedstadt

Foto: Francesca Magistro

Eine grasgrüne, schmale Mauer. Und mit der Mauer allein, die die Bühne beherrscht, ist schon viel gesagt. Schmal ist der Grat, auf dem wir wandeln. Ein falscher Schritt, und der Sturz ins Bodenlose ist die Folge. Mauern trennen, stehen als Hindernisse im Weg, steinerne Mauern erweisen sich oftmals gar als unüberwindbar... Was nun den Reiz der Knippschen Inszenierung ausmacht, ist das Spiel mit den Rollen...

Und das ist so aktuell wie nur irgendetwas. Nur ein Gedanke daran, was sich derzeit an den Grenzen Europas abspielt, und schon wird klar: Es ist ein gewaltiger Unterschied, und es sind zwei völlig verschiedene Sichtweisen, ob ich vor einer Mauer stehe oder dahinter.

Prinz Friedrich von Homburg (Julian Baboi), dieser geistesabwesende Träumer, der auf einen Handschuh seiner Angebeteten, Prinzessin Natalie (Anna Möbus), so fixiert ist, dass er die Anordnung des Kurfürsten, erst auf seinen Befehl hin in der bevorstehenden Schlacht anzugreifen, nicht aufnimmt. Wie ein Fremdkörper wirkt er, der Welt fremd, aber auch sich selbst fremd. Wie gefangen in einem Raum, der jenseits von Realität liegt und angefüllt ist mit Schwärmerei und Blindheit. Gegenüber der unvermeidlichen Wirklichkeit... Kein Platz also für Träumer auf dieser Welt?

DER GOTT DES GEMETZELS - REZENSION KÖLNISCHE RUNDSCHAU

Konfrontation beim Kaffeekränzchen - von Alida Pisu, 26.08.2015

„Der Gott des Gemetzels“, eine der weltweit meist gespielten Komödien von Yasmina Reza, 2011 auch von Roman Polanski verfilmt, hat am 27. August Premiere im Theater am Sachsenring. Das Theater kann 2015 sein 28jähriges Bestehen feiern und auf eine lange Reihe ebenso erfolgreicher wie beeindruckender Inszenierungen zurückblicken. Meine Südstadt hat dem TAS einen Probenbesuch abgestattet.

Eine Rauferei zwischen zwei Jungs endet mit ausgeschlagenen Zähnen und hat unerwartete Folgen. Treffen sich doch die zugehörigen Elternpaare, gut situierte, kultivierte und politisch korrekte Leute, bei Kaffee und Kuchen zu einem klärenden Gespräch...

Die Ehen sind rissig, die Lebenslügen werden entlarvt und die Protagonisten erweisen sich als dünnhäutig. Michel hat Knusperinchen, den Hamster seiner Tochter, auf der Straße ausgesetzt, weil er Nagetiere hasst. Ist Knusperinchen nun tot? Warum hat Véronique nichts dagegen unternommen? Niemand weiß es. Nur Ausreden und Rechtfertigungen. Und Angriffe und bohrendes Nachfragen der Anderen, die nun munter die Fronten wechseln, während ein allgemeines Besäufnis anhebt, das die letzten Schichten an Zivilisation davonfegt und völlig enthemmt. Véronique setzt sich auf Alains Schoß und beklagt sich über Michel, Annette bekreischt ihre Ehe-Hölle, man prügelt einander. Alains Handy landet in der Blumenvase, Kommentar  Annette: „Männer hängen zu sehr an ihrem Zubehör, das macht sie klein“. Kurz und klein gemacht wird auch der Blumenstrauß. Es geht wortwörtlich Schlag auf Schlag. Dabei waren sie doch alle besten Willens und was ist passiert: sie landen im Gemetzel…

Ein Festschmaus für Augen und Ohren ist er jedenfalls, „Der Gott des Gemetzels“ unter der Regie von Joe Knipp. Hingehen, genießen und lauthals lachen, weil die Schlacht so schön ist! Und das überzeugende Ensemble mit Applaus überschütten, er ist verdient!

Portrait des Schauspielers Richard Hucke: Leidenschaft, aber nicht um jeden Preis

Richard Hucke über Selbstdarsteller und seine nächste Premiere „Der Gott des Gemetzels" 

VON BARBRO SCHUCHARDT 

Träumt nicht jeder Theaterschauspieler davon im Film und Fernsehen groß herauszukommen? Richard Hucke nicht. Er steht lieber auf den kleinen Kölner Bühnen als im Scheinwerferlicht der Studios. 'Ich will durch meine Arbeit wahrgenommen werden und nicht durch Selbstdarstellung. Popularität interessiert mich nicht' erklärt der 52-jährige Kieler. der auch im Gespräch von sympathischer norddeutscher Zurückhaltung ist. 

Finanzielle Basis als Sprecher 

Wohl abgewogen sind seine Sätze über die Rollen, mit denen er sich vor allem bei Aufführungen im Theater am Sachsenring profiliert hat. Dort steht er auch am 27. August wieder im Rampenlicht - als Michel in Joe Knipps Inszenierung von Yasmina Rezas Erfolgsstück 'Der Gott des Gemetzels'. Der Mann mit den markanten Zügen und der rotblonden Haartolle ist in der komfortablen Lage sich seine Theaterengagements aussuchen zu können. Beim WDR und dem Deutschlandfunk hat der Lehrersohn, der in Berlin studierte und die Schauspielausbildung absolvierte, seine finanzielle Basis als fester freier Sprecher von Nachrichten und Features. 

Film und Fernsehen haben natürlich auch angefragt. 'Aber die Arbeit dort reizt mich nicht sehr', sagt Hucke. 'Da liefert man tagsüber seinen Text-Part ab und geht abends nach Hause. Spannender finde ich Kurzfilme von Studenten oder ein Projekt wie Stefan Krauses ,Cabinet des Dr. Caligari' in der Orangerie nach dem Stumm-Klassiker von 1920: Und er stellt klar: 'Ich bin mit Leidenschaft Schauspieler, aber nicht um jeden Preis. Eine Rolle muss mir liegen, ich möchte sie entwickeln, ihre tieferen Schichten aufdecken. Dabei ist mir ein Regisseur unheimlich wichtig. Ich brauche jemanden, der das Ganze im Blick hat. Spielen und zugleich Regie führen - das könnte ich nie.'

Besonders gut funktioniert die Zusammenarbeit mit Joe Knipp, der ihn 2003 für seine Inszenierung von 'Das Fest' nach Thomas Vinterberg und Mogens Rukov engagierte. Seitdem prägte Hucke, der seit 25 Jahren in Köln lebt, am TaS auch Arbeiten wie 'Szenen einer Ehe' (2012) und Peer Gynt (2013). 'Ein tolles Stück in seiner märchenhaften Lyrik. aber der schwierigste Text, der Ist mir je untergekommen ist', erzählt Hucke. 'Christian Morgensterns Übersetzung von Ibsens Stück ist so komplex in ihren Konstruktionen und Begrifflichkeiten - das war echt mühsam' 

DRACULA - Die Rundschau schreibt: Das TaS "spielt virtuos mit der Imagination"

Eher düster schwarz als blutrot (Foto: Siewer)

Ohne die handelsüblichen Effekte 

Bram Stokers „Dracula": Theater am Sachsenring setzt auf die Vorstellungskraft 

VON BARBRO SCHUCHARDT 

117 Jahre hat Bram Stokers „Dracula" auf dem Buckel. Eigentlich kein Alter für einen Vampir, der sich seine Unsterblichkeit durch frisches Blut sichert. Solches injizierte ihm jetzt Sabine Dissel, die für das Theater am Sachsenring eine bühnenwirksame Neubearbeitung schuf.

Der irische Journalist und Theatermann Bram Stoker (1847-1912) bediente 1897 mit seinem Briefroman die Vorliebe seiner Zeitgenossen für romantische Gruselgeschichten. Wobei Freudsche Theorien und die gerade in Mode kommende Hypnose gewiss schon grüßen ließen.

In der nur durch Crowdfunding ermöglichte Uraufführung im TaS gibt es keine spitzen Eckzähne, keinen Sarg und keinen Tropfen „Blut".

Die Inszenierung von TaS-Chef Joe Knipp verzichtet auf die handelsüblichen Effekte und spielt virtuos mit der Imagination und tiefenpsychologischer Symbolik seelischer Abgründe. Da geht es um Wahn und Wirklichkeit, Eros und Thanatos, Faust und Mephisto und den Kampf mit den eigenen Dämonen. Ein paar mobile Rahmen und eine kluge Lichtregie (Bühne: Hannelore Honnen) genügen, um die klaustrophobische Atmosphäre zu schaffen, in der sich die vier großartigen Akteure (alle in mehreren Rollen) bewegen. 

Durch den ständigen, mitunter etwas verwirrenden Wechsel der Identitäten und Schauplätze entstehen scharf geschnittene, alptraumartige Szenen, die das Lachen gefrieren lassen. Als Graf Dracula (Felix von Frantzius) von Transsylvanien nach London zieht, nimmt das Unheil seinen Lauf. Die somnambule Lucy (Signe Zurmühlen; sie alterniert mit Marie Hiller) hat plötzlich zwei punktförmige Male am Hals. Können ihre Freundin Mina (Jennifer Tilesi Silke) und die Ärzte van Helsing (Julian Babol, grandios auch als Psychiatrie-Patient Renfield) und Sewart (ebenfalls Felix von Frantzius) sie retten? Oder bleibt sie wie Dracula zur Unsterblichkeit verdammt? Das eindrucksvolle letzte Bild legt nahe, dass es auch 2015 keine Therapie gibt, um das Böse aus der Welt zu schaffen ... 

2 1/4 Std. (mit Pause). Karten-Tel. 0221/315015 
Eher düster schwarz als blutrot: die psychologische „Dracula"- Interpretation von Regisseur Joe Knipp. (Foto: Siewer) 

Der Klassiker "Dracula" im Theater am Sachsensring

Gruseln mit Augenzwinkern

Theaterleiter Joe Knipp bringt ideenreich und unterhaltsam den Gruselklassiker "Dracula" auf die Bühne.

Mit einfachen, aber wirkungsvollen Effekten zieht der "Dracula" im Theater am Sachsenring die Zuschauer in den Bann. Die kluge, kompakte Inszenierung des Klassikers von Bram Stoker lässt die Grenzen zwischen Naturwissenschaft und Aberglaube, Unschuld und mörderischer Gier zerfließen.

DRACULA - noch in der Premierennacht:

Kölnische Rundschau vom 20. Mai 2015

DRACULA MIT VIEL HERZBLUT

Jasmin Klein schreibt in meinesuedstadt über das Erlebnis Theater: "...die vier Schauspieler, die beiden jungen Frauen und beiden jungen Männer, spielen... echt, unprätenziös und wahrhaftig... Mit großer Spielfreude tragen sie das Stück und machen es kurzweilig und lebendig. Und das Stück ist nicht nur gruselig und unheimlich. Es steckt voller großartiger Ideen..."

DRACULA - zur Premiere im WDR Fernsehen:

LA CHANTEUSE DE MINUIT - DIE GANZE WELT DER BARBARA

Kritik von Thomas Dahl für den Kölner Wochenspiegel

Kölner Stadt-Anzeiger zur Spielzeiteröffnung im TAS

Sabine Dissel, Hannelore Honnen und Joe Knipp vom Theater am Sachsenring Foto: Peter Rakoczy

Der Duft der neuen Spielzeit

18. September 2014

Freie Bühnen wie das Theater am Sachsenring gehen bei der Finanzierung ihrer Produktionen ungewöhnliche Wege. So setzt Joe Knipp, der künstlerische Leiter des Theaters, auf eine Mischkalkulation aus Publikumsmagneten und Neuem.

Von Peter Berger

Wenn Joe Knipp etwas schätzt, ist es die Unabhängigkeit. Das kann für den künstlerischen Leiter eines Theaters fatale Folgen haben, wenn die Bühne privatwirtschaftlich organisiert ist. Beim Theater am Sachsenring mit seinen 90 Sitzplätzen ist das seit 27 Jahren der Fall, ganz besonders aber seit 2005, als das Kulturamt die Förderpolitik geändert hat. Weil es seither keine Basisförderung mehr gibt, muss Knipp ein Viertel seines Jahresetats, der bei rund 200.000 Euro liegt, zusätzlich erwirtschaften. Das ist bisher immer gelungen. „Wir haben nach wie vor unsere Lieblingsprojekte gemacht, wir sind ein Autoren-Theater, bei uns liegt der Zauber in der Schauspielerei und nicht in den den ganzen technischen Spielereien.“

Konkurrenz Schauspielhaus

Knipp spricht von einer Mischkalkulation, in der Komödien wie „Gibt’s ein Leben über 40?“ als Publikumsmagneten dienen und Abende über die französische Chansonsängerin Barbara mitfinanzieren. Über die Jahre habe er ein Gespür entwickelt, „wie man mit so einem Laden umgeht. Aber es braucht neue Impulse.“ Impulse, die Sabine Dissel zu setzen versucht. Als Dramaturgin arbeitet sie derzeit mit an der Inszenierung der Hedda Gabler von Henrik Ibsen. Das Stück hat am heutigen Donnerstag Premiere und wird ab November in Konkurrenz mit einer Gabler-Inszenierung von Karin Neuhäuser am Kölner Schauspielhaus stehen. Kein glücklicher Umstand, doch Knipp sieht das als Bereicherung. „Wir haben das Stück spielplantechnisch früher geplant. Für mich ist wichtig, das zu machen, was ich gern möchte. Wenn das den Geschmack des Publikums trifft, ist das ideal.“

Diese Unabhängigkeit muss man sich leisten können. Deshalb hat Sabine Dissel, die mit Joe Knipp bei einer Kabarett-Produktion am Hamburger Lustspielhaus zusammengearbeitet hat, sich auf neue Wege begeben, die zur Finanzierung von Produktionen beitragen können. Beim Ibsen-Stück ist ihr das auf eine ungewöhnliche Weise gelungen. Als Neu-Kölnerin sei sie Karneval eher durch Zufall auf die Geschichte des Eau de Cologne gestoßen – und damit auch auf Farina und den historischen Streit um die Markenrechte mit 4711. „Ich habe gelernt, dass Farina das Original ist, das es seit 300 Jahren gibt. Ein Parfüm, das in den höchsten Kreisen gehandelt wurde. Napoleon soll sich flaschenweise damit überschüttet haben. Da habe ich mir gedacht, warum nicht Hedda Gabler, diese kapriziöse Persönlichkeit aus bestem Hause“. Und so wird es in einer Szene, in der sie nach einer durchwachten Nacht am Frisiertisch sitzt, zum Einsatz eines historischen Flakons als Requisite kommen. „Ganz dezent, ohne den Markennamen zu platzieren oder zu erwähnen“, sagt Dissel. „Das ist sogar sehr sinnfällig, weil Gerüche im Stück für Hedda Gabler durchaus eine Rolle spielen.“ Sinnfällig auch für die Besucher, die in dem kleinen intimen Raum den Duft werden riechen und anschließend im Foyer als Geschenk ein Fläschchen mitnehmen können. Farina wird ein paar Vorstellungen buchen und Werbung machen.

Unverstellter Blick für Neues

Mit dem unverstellten Blick der Neuen will Sabine Dissel weitere Dinge anpacken. Die exklusive Theater-Brosche, die Joe Knipp und Hannelore Honnen immer tragen und die bisher ausschließlich für außergewöhnliche Leistungen an Schauspieler verliehen wurde, wird es künftig als Pin für Besucher geben. 7000 Zuschauer haben das Theater in der Spielzeit 2013/14 besucht, 2000 Anstecker will Dissel bestellen. „Wir wissen auch, dass es die großen Sponsoren für den Jahresetat nicht gibt. Wir nehmen jetzt halt Dinge in Angriff, die sich einfach realisieren lassen.“ Dazu zählen auch Theater-Snacks, die es künftig bei allen Vorstellungen geben wird. Für die neue Inszenierung des Dracula im Frühjahr will Dissel mal probieren, ob sich Theater-Produktionen auch über Crowdfunding finanzieren lassen. „Ich kenne das aus der Filmbranche im Hamburg. Dazu braucht es aber Multiplikatoren.“
Joe Knipp, der viele Jahre Vorsitzender der Theaterkonferenz und Gründer der Kölner Theaternacht war, lässt sie gewähren. „In der Theaterkonferenz erwarten alle Zuschüsse. Wenn die dann ausbleiben, ist die Enttäuschung groß. Dann muss man den Kopf oben tragen und etwas unternehmen.“

FAZ-Feuilleton vom 25. September 2014

Produktplazierung im Theater

Dufte!

Heraus aus der ewigen Subventionsspirale: Wie ein Kölner Kleintheater sich durch Produktplazierung neue Finanzierungsquellen erschließt.

Von Andreas Rossmann

Trägt Hedda Gabler Parfum? Müsste sie eigentlich, kapriziös und wirkungsbewusst, wie sie sich aufführt. Nur welches? Eine Frage der Inszenierung. Im Kölner Theater am Sachsenring, einer Off-Bühne mit hundert Plätzen, greift sie an der Frisierkommode nach Farina, dem ältesten Eau de Cologne, 1709, lange vor 4711 erfunden, wie es der historische Flakon, auch ohne Markenname oder Erwähnung, und vor allem der Duft dem Zuschauer verraten. Passt. Denn dieser Duft, so schrieb der Parfumeur Johann Maria Farina seinem Bruder Johann Baptist, „erinnert mich an einen italienischen Frühlingsmorgen“, wie ihn Hedda, von der ausgedehnten Hochzeitsreise in den Süden zurückgekehrt, noch gerne in der Nase spürt. Und der Zuschauer, olfaktorisch angefixt, vielleicht auch, weshalb er anschließend eine Probe davon, kostenlos, versteht sich, mitnehmen darf.

Der Kostümbildner der Zukunft

Was Farina diese Duftnote wert ist, möchte das Theater nicht verraten, nur dass die „älteste Parfum-Fabrik“, so steht es auf den Markisen am Stammsitz gegenüber dem Jülichs-Platz, schon dreimal zehn Karten für die Belegschaft bestellt hat. Wie einträglich die Wohlriech-Offensive auch sein mag, die kleine Bühne beweist einen guten Riecher. Die freie Szene – früher Talentschmiede und Nachwuchsreservoir der Stadttheater, wobei eine auffällige Regiearbeit reichte, um zum Schauspieldirektor berufen zu werden – beweist nun auch marketingmäßig ihre Pfiffigkeit und zeigt den etablierten Häusern, wie sie sich herauswinden können aus der Subventionsspirale.

Mit diskretem, passgenauen Product-Placement! Was für ein Markt der Möglichkeit tut sich da auf, endlich können sich Dramaturgen mal nützlich machen. Denn ob Heddas Angetrauter, das Tantensöhnchen Jürgen Tesman, eher in einem schlank geschnittenen Kiton- oder aber, mit der Korpulenz eines Gerhard Schröder, in einem Brioni-Anzug bella figura zu machen versucht, ist eine Typ- und Besetzungsfrage; und womit sich sein labil-genialischer Studienfreund Ejlert Lövborg auf die schiefe Bahn trinkt, mit Gorbatschow-Wodka oder Gin-Tonic, hängt nicht zuletzt von Stil und Tempo der Inszenierung ab.

Der Beruf des Kostümbildners zumal könnte einen grundlegenden Wandel erfahren, denn wo es bisher vor allem auf Handwerk ankam, wäre künftig die Kompetenz einer Werbeagentur gefragt. Wenn, ja wenn unsere Goliath-Bühnen die Chancen, die ihnen der Kölner Theater-David aufzeigt, nicht längst mit vorauseilender Anpassungsbereitschaft verspielt hätten. Sieht doch heute schon jede zweite Klassiker-Inszenierung aus, als hätte H & M sie gesponsert.

HEDDA GABLER im TAS

Kölner Stadt-Anzeiger:

Hedda Gabler im Theater am Sachsenring

"Hedda langweilt sich zu Tode. 'Nur einmal im Leben die Herrschaft haben über ein Menschenschicksal', das wünscht sich die kapriziöse Frau, die einem verflossenen Liebhaber nachtrauert und nicht weiß, was sie mit ihrer Rolle als brave Ehefrau und Bürgerin anfangen soll. Joe Knipp inszeniert Henrik Ibsens 1891 aufgeführtes Drama als konzentriertes Schauspielertheater ohne Schnickschnack. Katja Gorst als Titelfigur balanciert lasziv auf Hockern und zieht diese wie Gitterstäbe um sich herum – eine hospitalistische Pantherin zwischen Stubentigern (auch gut: Felix von Frantzius, Jennifer Tilesi Silke, Tobias Teschner und Till Klein), eindringlich dargestellt. Eine traditionelle Aufführung, die an eine fast vergessene Welt heranführt." (jdü)

Uraufführung "LustSchiffer": EIN WAHRHAFT INTELLEKTUELLES VERGNÜGEN

Kölnische Rundschau vom 15. Januar 2014
Kritik Stadt-Revue Februar

PEER GYNT im Theater am Sachsenring

Reise durch den Gedankenkosmos - Peer Gynt im TAS - Rezension von Andreas Kohl (Auszüge)

Signe Zurmühlen, Jennifer Silke und Richard Hucke in Ibsens PEER GYNT

Joe Knipp beginnt die Spielzeit am Theater am Sachsenring mit Ibsens 'Peer Gynt'

Peer ist ein Fliegenfänger, eine Mischung aus Parzifal, Hamlet und Kraftmeier, ein Weiberheld, Träumer und Geschichtenerzähler. Einer, der sofort packt, so sympathisch, leicht weltvergessen, wie ihn Richard Hucke spielt, ... dass man ihm am liebsten jede seiner verrückten Geschichten glauben möchte. Manchmal ist er ein Clown und manchmal dauert er einen wie Woyzeck...

Die junge Jennifer Silke ist Aase, Peers Mutter, die mit ihm keift als wäre er der Ehemann. Dann aber erliegt auch die Mutter Peers Charme, der sie umgarnt, als wäre sie die Frau, der gerade sein Herz gehört.

Spätestens dann nimmt diese rundum gelungene Inszenierung Fahrt auf und hat mit der Dritten im Bunde des glänzend aufgelegten Schauspielertrios, Signe Zurmühlen, bereits den ersten komschen Höhepunkt des unterhaltsamen aber eigentlich nie oberflächlichen Theaterabends. Die ist sozusagen kostümgleich (Hannelore Honnen mit zum Teil sehr kunstvollen aber in der Schnörkellosigkeit der Inszenierung ebenbürtigen Kostümen) Schmied Aslak und als Dritte im Bunde Symbol für das Fest, das Peer nach Mutters Standpauke mit Kuscheleinlagen besucht...

Mit zwei Lichtleisten, die an die Lampen an Spiegeln in Theatergardeoben erinnern, macht Regisseur Joe Knipp mal eben aus dem Publikum im Zuschauerraum die Festgemeinde. Eine analoge Lichtleiste an der Bühnendecke markiert die Trollwelt. Alles ist Schein, alles ist Leben, alles ist Phantasie, alles ist Theater. Das ist die Marschrichtung des Abends, der auch in den engen Grenzen des Theaters ganz großes sozusagen armes Theater zeigt und neben Peers Geschichte in einer Welt aus den Fugen - wie nah bei uns heute - auch mmer wieder über Theater und die Lust am Theatermachen erzählt.

...Ein Spiel, eine Reise durch die dichte, emotionale, absurde und komische Szenen.

...Dass dabei gelegentlich auf Teufel komm raus chargiert wird, darf aber nicht stören, zumal der Regisseur seinen beiden Darstellerinnen als Solveig und als Knopfgießer/Tod/Teufel dann den Raum gibt, der zeigt, dass sie eben auch starke Schauspielerinnen sind.

... Joe Knipp hat nun diesen in Gänze kaum spielbaren Text klug zusammengestrichen, die überbordenden Szenen auf ihren Kern reduziert, damit aber ganz viele, feine Theatermittel eingesetzt, die die Geschichte klar und direkt zupackend erzählen, wobei man sich zuweilen nicht nur in punkto Slapstick und Chargieren an bestes Volkstheater erinnert fühlt, ohne dass deswegen die Dialoge untergehen, die Tiefe und Emotion haben.

Peer ist einer, der immer schon weg ist, bevor er eigentlich ganz da war, von zu Hause zu den Trollen, von den Trollen zu Solveig, von Solveig in den Wald, vom Wald zurück zur Mutter, die er sterbend in den Armen hält.

Aase, die Mutter, ist auch Solveig, die junge Frau, die ihn liebt, aber erst nicht will, weil sein Ruf so schlecht ist, ihn sozusagen, wie der Tod der Mutter am Ende des ersten Teils in einer rührenden Szene, auch hinaustreibt in die Welt. Da wird der auch laute Peer ganz still und in einer umgekehrten Pieta hält er die sterbende Mutter im Schoß, die ihren Atem aushaucht, während er nicht ganz wahrhaben möchte, was da gerade passiert und nichts davon hören will, dass da ja schon wieder eine ist, die ihn liebt. In dieser Szene kann man im Publikum eine Stecknadel fallen hören. ... Und all diese Frauen verbindet die Schauspielerin der Aase und Solveig...

Ja, so geliebt, zieht Peer in die Welt, wird reich, verarmt, wird bestohlen. Ein Kabinettstückchen, der bei Ibsen für die Szene geplante Untergang von Peers Schiff... - wird mit Echokommentaren aus dem Fond des Zuschauerraums unterlegt, die fast in Comicmanier beschreiben, was geschieht. Das ist ganz großes Theater in der Vielfalt der kargen Mittel.

Peer begegnet den Affen, die sich in Tänzerinnen und Anitra verwandeln, wieder eine Frau, die Peer umgarnt. Köstlich der leicht gockelige Weiberheld Peer, dem man aber seine Liebe zu den Frauen abnimmt, man fühlt sich schon fast an Truffauts tragischen Mann, der die Frauen liebte, erinnert, der sich in seiner Sehnsucht zu Tode verzehrt, weil es ihn so gelüstet, verführt zu werden. Peer andererseits ist aber dann wieder zu toll, wie mit den Trollen. Ja, den Konsequenzen weicht der Prinz Peer, der auch ein Hans im Glück ist, lieber aus, vor allem wenn sie zu schmerzhaft sind oder scheinen.

Der Kargheit und der Größe der Bühne - die Lichtstimmungen leuchten eher heller, denn zurechtgedimmt, schattenspielartig an der Bühnenrückwand, aus was nötig ist, dienen aber dem Ganzen - entsprechen die verwendeten Mittel an Requisite und vor allem Bühnenbild. Die Bühne ist ein schwarzer Guckkasten, dessen Frontalität durch Auftritte aus der vor der Bühne liegenden Fluchttür und durch den Zuschauerraum hindurch durchbrochen wird, so dass das ganze Theater immer wieder als Theater deutlich wird und so immer klar gemacht wird, dass die da oben und vor der Bühne auch von der Lust am Theatermachen erzählen, davon, fast wie Kinder in Rollen zu schlüpfen, Geschichten zu erzählen, Späße zu machen und urplötzlich so ernst zu werden, dass es einen ins Mark trifft, ins Mark des Lebens. Überhaupt ist das die große Kunst von Joe Knipp, der keinen großen oder experimentellen Regieansatz verfolgt, sondern einfach jede Geschichte schlicht und mit direkten Mitteln erzählt und so ständig die Tempi wechselt, dass der Rezensent kaum zum Mitschreiben kommt und das Mitgeschriebene nachher kaum lesen kann.

...In den ständigen Rollenwechseln der beiden Darstellerinnen und im Spiel von Peer geht keine Symbolebene verloren, keine Bedeutungsebene wird platt eingeschränkt, es tun sich vielmehr immer wieder ganz offene, neue Assoziationen auf und die starken Striche bedankt man als Zuschauer am Ende - mit einer Pause - auch mit geistiger Frische. Und dann immer wieder diese Hände des Peer. Sie sind groß, sie sind wuchtig. Peer benutzt sie zuweilen als könne er kaum glauben, dass er solche spielenden und tanzenden Hände besäße, als wären diese so feinfühlig wirkenden Pranken gar nicht seine.

Ich erinnere mich noch gut, dass ich nach Karin Baiers 'Peer Gynt'-Inszenierung 2009 ziemlich erschöpft war. Im Theater am Sachsenring war ich es nicht, sah ich dem weißgesichtigen Teufel/Tod/Knopfgießer - dem roten Faden des zweiten Teils - zu, der die singende Solveig dabei beobachtete, wie sie ihren Peer in den Schlaf sang, in den Tod?, ihn tröstete, diesmal in einer rollengerechten Pieta, Peer in Solveigs Schoß, vielleicht in die ewige Sehnsucht, besungen mit dem Sandmannlied des DDR-Fernsehens, ein Anklang an Kindertage.

...das was bleibt ist nicht nur Schweigen, obwohl es auffallend lange im Zuschauerraum ruhig bleibt, bis begeisterter Applaus die Schauspieler für ihre Leistung belohnt.

... Im Stück sind gegen Ende alle alt geworden, Solveig, der Knopfgießer und Peer. Bei Knipp bleiben sie jung, vielleicht eine Metapher dafür, dass Jungbleiben und Älterwerden, nicht nur bei den Trollen, keine Frage des reinen Alterns, sondern der Lasten sind, die einem die Erfahrung und das Leben auf die Schultern laden. Immer bleibt die Inszenierung in ihrer direkten Art so in der Schwingungsschwebe der Bilder und Assoziationen, dass der Reichtum des Textes nicht durch vordergründige Aktualisierung oder Politisierung eingegrenzt, sondern man im eigenen Kopf ein Feuerwerk der Fantasie zünden kann.

Jedenfalls sollte man sich diesen PEER im Theater am Sachsenring unbedingt ansehen.

Signe Zurmühlen im FRAUENRAUSCH

Kritik Rundschau
Kölnische Rundschau vom 19. Juli 2013

Über die Arbeit an der Theaterakademie

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SZENEN EINER EHE (Ingmar Bergman): ein "Begeisternde Schauspieler-Abend im TAS"

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HAMLET

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Die nie endende Geschichte. Zur Vergrößerung auf das Bild klicken
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Das TAS im Spiegel der Presse (Auszüge 1998 - 2012)

 

 


Juli 2012

Dieses Theater ist mein Leben

Juni 2012

von Reinhard Lüke

Joe Knipp über 25 Jahre „Theater am Sachsenring“, das Überleben ohne Subventionen, die Südstadt und überhaupt. Man kennt den Mann. Selbst Menschen, die noch nie einen Fuß ins „Theater am Sachsenring“ (TaS) gesetzt haben, ist Joe Knipp in der Südstadt eine vertraute Erscheinung. Das hat mit seiner imposanten Körpergröße, aber auch damit zu tun, dass sich der passionierte Anzug- und Krawattenträger vom uniformen Freizeitlook der Restbevölkerung rund um den Clodwigplatz markant abhebt. Und das seit 25 Jahren. So lange leitet Joe Knipp gemeinsam mit seiner Kollegin und Autorin Hannelore Honnen nämlich schon das TAS.
 
Dabei sah es vor ein paar Jahren nicht so aus, als sollte die Südstadt-Bühne dieses Jubiläum noch erleben. „Es ging einfach nicht mehr, wir mussten die Notbremse ziehen, um uns nicht völlig zu überschulden“, erinnert sich Knipp an das Jahr 2009, als er irgendwann im Büro eines Notars saß, um den Mietvertrag aufzulösen und sein Theater zu schließen. Mit dem „Theater der Keller“, das damals dringend eine neue Bleibe suchte, war auch schon ein Nachmieter gefunden. Doch dann durfte der „Keller“ plötzlich doch im Gebäude in der Kleingedankstraße bleiben und das TaS blieb vorerst auf seinem langfristigen Mietvertrag sitzen. Was tun? Weitermachen! Irgendwie. Aber wie? So ganz ohne öffentliche Gelder. Denn der Grund für die finanzielle Schieflage des TaS war nicht etwa Misswirtschaft oder nachlassendes Interesse seitens des Publikums, sondern ein Beschluss der Stadt Köln. 2005 stellte die ihre Subvention der Freien Theaterszene um. Wo sie früher nach dem Gießkannen-Prinzip nahezu sämtliche Freien Häuser und Ensembles unterstützt hatte, war plötzlich so genannte Spitzenförderung angesagt. Fortan wurden nur noch ein paar ausgewählte Bühnen mit Zuschüssen bedacht, während der Rest gänzlich leer ausging. Und das TaS gehörte leider zum Rest. Konnte das Theater bis dahin pro Jahr mit bis zu 58 000 Euro Betriebskostenzuschuss rechnen, stand man plötzlich ohne jede öffentliche Unterstützung da. „Mit Überschriften-Theater hat man beim Kulturamt bessere Chancen.“Die Kriterien, nach denen die Auswahl getroffen wurde, kann Joe Knipp bis heute nicht nachvollziehen. An einem Mangel an künstlerischer Qualität kann es eigentlich nicht gelegen haben. „Schließlich sind wir 2003“, so Knipp, „für die Inszenierung „Das Fest“ noch mit dem Kölner Theaterpreis ausgezeichnet worden. Also kann unsere Arbeit so schlecht nicht gewesen sein. Aber beim Beirat des Kulturamtes, der entscheidet, wer gefördert wird und wer nicht, hat man mit „Überschriften-Theater“ offenbar bessere Chancen.“ „Überschriften-Theater“ nennt Knipp jene Ensembles, die vorzugsweise Inszenierungen zu jeweils aktuellen Problemen auf die Bühne bringen. Fliegt irgendwo ein AKW in die Luft, wird schnellstens ein Stück zur Atomkraft auf den Spielplan gesetzt. Aber Joe Knipp will keine Kollegenschelte betreiben und über den Hickhack mit der Stadt auch nicht mehr reden. Nur einen Satz zum noch immer amtierenden Kulturdezernenten muss er dann doch noch loswerden: „Georg Quander hat sich noch nie für Menschen und Theater interessiert, sondern immer nur für die Koordinaten der Macht.“ Will er das so stehen lassen? Er fährt sich noch mal durchs graue Haupthaar, nippt an seinem Milchkaffee und nickt. Freunde in der NotZurück zum Anfang nach dem drohenden Ende. „Wir haben damals“, so Joe Knipp, „als die anstehende Schließung bekannt wurde, enorm viel Zuspruch erfahren. Zahlreiche Menschen haben uns gebeten, unbedingt weiterzumachen und ihre finanzielle Unterstützung anboten“. Und? Haben sie ihre Versprechen gehalten? „Nun, ja…“, sagt Knipp und macht eine Pause. Also eher nicht. In dieser Hinsicht ist ein Theater auch nichts anderes als ein Feinkostladen. Kaum hört man, dass ihm die Pleite droht, bedauert man das zutiefst, beklagt die grassierende Verunstaltung der Severinstraße zur Trash-Meile, hat aber in dem Laden doch nie was gekauft. Wirkliche Hilfe kam dann von Schauspielern und Kollegen wie dem Autor Tony Dunham und dem Kabarettisten Thomas Reis, beide langjährige Freunde des Hauses. Von Dunham kam im Sommer letzten Jahres die Komödie „Traumfrau verzweifelt gesucht“ auf die Bühne und Thomas Reis schrieb sein Programm „Gibt´s ein Leben über 40?“ für das Theater um. Beides Produktionen, die durchaus darauf angelegt waren, ein breiteres Publikum anzusprechen. Das Kalkül ging auf. Bei nahezu sämtlichen Vorstellungen der beiden Inszenierungen waren die knapp 100 Plätze im TaS besetzt.
 
Eine aus der Not geborene Hinwendung zum Komödiantischen, mit der Joe Knipp aber keinerlei Problem hat: „Dieses Genre wird in Deutschland traditionell unterschätzt. Gute Komödien und Boulevard-Stücke sind keineswegs leichter zu inszenieren, als tiefsinnige Dramen.“ Was ihn allerdings nicht davon abgehalten hat, im vergangenen Jahr einen viel beachteten „Hamlet“ auf die Bühne zu bringen. Und kürzlich hatte im „TaS“ Ingmar Bergmanns Beziehungsdrama „Szenen einer Ehe“ Premiere, dessen Fernsehadaption in den 70er Jahren die Bundesbürger in helle Aufregung versetzte. Trotz erfolgreicher Produktionen findet Freies Theater ohne kontinuierlich fließende, öffentliche Subventionen immer am Rande der Selbstausbeutung statt. Was im „TaS“ so aussieht: Knipp inszeniert, steht bei Vorstellungen allabendlich im Foyer und macht den Einlass während Hannelore Honnen am Regiepult die Vorstellung fährt. Im Idealfall bei einem Stück, das sie selbst geschrieben hat. So fallen auch keine Tantiemen an. Macht der Umstand, dass die Südstadt mit „Keller“, „FWT“, „Comedia“, „Orangerie“ und „TaS“ so etwas wie der Hot Spot der Freien Szene ist, das (Über-)Leben womöglich noch schwieriger? Joe Knipp schüttelt den Kopf: „Auf keinen Fall! Die Theater-Dichte in der Südstadt hat definitiv etwas Belebendes. Und es gibt inzwischen auch Überlegungen für gemeinsame Initiativen der Theatermacher. Dass der Stellenwert des Theaters in der Gesellschaft eher rückläufig ist und wir mit sinkenden Besucherzahlen zu kämpfen haben, trifft uns alle gleichermaßen.“ Zeichner, Texter, SängerWo wir das „TaS“-Pferd an diesem sonnigen Nachmittag im Filos schon mehr oder minder von hinter aufgezäumt haben, müssen wir zum Schluss noch unbedingt auf die Anfänge kommen. Einer wie Joe Knipp wollte sicher immer schon ein Theater leiten oder? „Überhaupt nicht“, sagt er, „weil meine Eltern beide Schauspieler waren, wollte ich mit Theater lange Zeit überhaupt nichts zu tun haben. Ich habe schon immer gern und viel gezeichnet und habe erstmal Malerei studiert.“ So arbeitete Knipp u.a. als Karikaturist für das politische Satiremagazin „pardon“ (für Spätgeborene: eine Art Vorläufer der „Titanik“), aber irgendwann forderten dann doch die Theater-Gene ihren Tribut. Gemeinsam mit Hannelore Honnen gründete der gebürtige Kölner flussaufwärts 1980 das „Freie Theater Neuwied“, bis es ihm in der Provinz zu eng wurde und er sieben Jahre später das am Sachsenring „TaS“ aus der Taufe hob. Bis dahin firmierte die Bühne unter dem Namen „Saxi“ und war der Stammsitz des heute legendären Trios „Matsche, Works und Pullrich“ (Wilfried Schmickler, Wolfgang Müller und Klaus Huber), das politisches Kabarett mit DaDa kreuzte.
 
So, jetzt hat man Joe Knipp aber im Kasten. Nicht ganz. Dass er als Dozent seit Jahren an der Kölner Theater Akademie arbeitet und in diesem Jahr einer Theater AG am Gymnasium in Deutz ins Leben gerufen, ließe sich noch erwähnen und dann ist da natürlich noch „Zinnober“. Jenes 1984 von Knipp, Albrecht Zummach und Clemens Dreyer gegründete Trio, das sich dem deutschsprachigen Chanson verschrieben hat und bei dem Joe Knipp als Texter und Sänger mit von der Partie ist. Für die Einspielung „Schnee von gestern“ heimste man 1999 den honorigen „Preis der Deutschen Schallplattenkritik“ und mit „Live aus dem Alten Pfandhaus“ gab es 2010 endlich wieder eine Neuveröffentlichung. Warum die langen Pausen und so wenig Konzerte? „Durch meine Arbeit für das „TaS“ fehlt mir oft schlicht die Zeit. Und dieses Theater ist mein Leben.“ So, das war´s aber jetzt. 

Alles Weitere zum „TaS“ und dem Start in die neue Spielzeit am 4.8.2012 unter www.theater-am-sachsenring.de. Joe Knipps eigene Homepage: joeknipp.kulturserver-nrw.de

Juni 2012

Szenen einer Ehe

Joe Knipp zurrt die kritische Analyse der kleinsten bürgerlichen Institution zusammen auf rund eindreiviertel Stunden und arbeitet in seiner Inszenierung ein dichtes Kammerspiel heraus, das den Vergleich mit dem preisgekrönten Werk des filmischen Seelenforschers (Ingmar Bergman) nicht scheuen muss.
Direkt und schnörkellos à la Bergman ist auch die Bühne eingerichtet. (...) Gerahmt wird die Spielfläche von Stellwänden, die mit Textil in Beige bespannt sind; jenem natürlichen, warmen, aber auch unbestimmten und trüben Farbton, der symbolisch für diese Ehe stehen könnte. Gedeckt sind auch die Farben der Kostüme – zumindest bis zum zweiten Teil des Abends, wenn Marianne auflebt und sich ihre ungehemmtere Präsenz subtil in klareren Linien und offensiverem Styling ausdrückt.
Insgesamt behält Knipp die stärkere Betonung der weiblichen Perspektive bei, die auch schon die filmische Vorlage kennzeichnete. Marianne, die Hintergangene, Gedemütigte, sich aber auch Unterwerfende, bietet größeres Entwicklungspotenzial. Eindimensionale geschlechtsspezifische Schuldzuschreibungen lassen sich hier trotzdem nicht treffen, das komplizierte Verhältnis bleibt in einer spannungsreichen Ambivalenz. Das ist vor allem das Verdienst der ausgezeichneten Darsteller.
Die in Köln lebende Pariserin Aurélie Thépaut, erstmals am Theater am Sachsenring, und Richard Hucke, der hier schon als Christian in „Das Fest“ Erfolge feierte, füllen ihre Rollen mit großer Natürlichkeit aus. Er bezeichnet seinen Charakter als Schwein und Kadaver, dessen Leben vorbei sei – und genau so spielt Hucke ihn auch. Seine Partnerin fasziniert mit emotionaler Bandbreite und einer enorm beredten Mimik. Die Nöte ihrer beiden Figuren so nah – der Vorteil des kleinen Raums – mitzuerleben, ist bewegend bis beklemmend, manchmal auch witzig und stimmt nachdenklich. Ein klassischer, souveräner Theaterabend, der das Zeug zum Dauerbrenner hat. JD

 

Mai 2012

Gibt's ein Leben über 40?

(...) Reis und Knipp sind natürlich viel zu schlau, um nicht die Gefahr eines auf zwei Männer aufgeteilten Kabarett-Solos zu sehen - und zu umgehen. Dafür steht ihnen die famose Puck-Anwärterin Signe Zurmühlen zur Seite. Sie sorgt in vielerlei treffsicher überspitzten Typen-Karikaturen für das belebende Element im männlichen Jammertal. Mit wenigen Kostümwechseln verwandelt sie sich von Olis nerviger Mutter in das stets angetrunkene, sexsüchtige Hippiemädchen Hilde, die frustrierte Molekularbiologin Jutta und eine knallharte Männerpsychologin.

Überwältigend komisch ist sie als Jürgens halbwüchsiger Sohn Dennis, die dem Leben abgelauschte Studie eines Facebook-fixierten Null-Bock-Totalverweigerers mit schlurfendem Gang und starrem Blick aufs Handy. Die Reaktion des begeisterten Publikums ließ nicht nur hier auf einen hohen Wiedererkennungsfaktor schließen. Denn die bis zur bierseligen Party klug gesteigerte Inszenierung mit dem rasanten Pointen-Feuerwerk trifft bei allen mitten ins schwarze Humorzentrum. (BS)

März 2012

Rauschender Gesang der Sterne

Zurück am Sachsenring: Anne Simmering singt Kurt Weill

Anne Simmering ist zurück gekehrt: Mit dem von ihr konzipierten Kurt-Weill-Abend "Der rauschende Gesang der Sterne oder der Kantor singt im Kino" gastiert sie im Theater am Sachsenring. Hier hat die Kölner Sängerin und Schauspielerin ihre Karriere begonnen; mit dem Ensemble von "Das Fest" wurde sie 2003 mit dem Kölner Theaterpreis ausgezeichnet. (...)

Anne Simmering singt und plaudert sich durch die facettenreichen Weillschen Musikstile und seine mitunter schräge Biografie. Im schlichten roten Abendkleid lebt sie förmlich seine Lieder, greift auch schon mal ihrem kongenialen Pianisten Ulrich Pakusch in die Tasten (...)

Da verschmelzen Weills Genialität und Simmerings Charisma zu einem wunderbaren Abend, der eigentlich en suite laufen sollte.

Rolf Hamacher für die KRundschau

Februar 2012

Denken an der Stange

Philosophie af der Bühne? Das könnte spröde werden. Doch Hannelore Honnen hat Texte von Walter Benjamin, Oswald Spengler und Robert Walser bei der Uraufführung im Theater am Sachsenring elegant zu einer Collage montiert, die Joe Knipp klug und kurzweilig inszeniert.

(...) Autorin Hannelore Honnen führt die drei Männer, die sich im wahren Leben nie trafen, zu einer fiktiven Begegnung zusammen, in der sie über Kunst, Religion, Technik, den Menschen, die Sprache und vieles mehr philosophieren - alle drei wollten der Welt mit Worten eine Form geben. (...) Texte von Robert Walser und knappe Dialoge ergänzen die klug und elegant montierte Collage.

In Honnens Stück sind der Schriftsteller, der Philosoph und der Kulturhistoriker, die wir heute als würdige Herren im Kopf haben, noch jung, ringen um Anerkennung ihrer Texte - eben um "Satisfaktion", folgerichtig also, dass die Darsteller ebenfalls jung sind. Joe Knipp ist allerdings noch einen Schritt weiter gegangen und hat drei Darstellerinnen ausgewählt, Signe Zurmühlen, Celina Rongen und Mirjam Radovic. (...) als Verneigung des Regisseurs vor drei jungen Talenten (...), die, wie die dargestellten historischen Personen, noch einiges vor sich haben. (...) Jede ist in einer anderen Farbe gekleidet: Radovic alias Benjamin als blauer Marinesoldat, Zurmühlen als grüner, gediegener Jäger, Rongen als roter Student.

Auf der leeren Bühne steht ein Überseekoffer, liegen Bücher. Zwischendurch räkeln sich die Schauspielerinnen an Poledance-Stangen - wohl um zu zeigen, dass die drei Philosophen einen Überblick über die komplexe Welt zu bekommen suchten, oder auch, um ihren größtmöglichen Gegensatz zu erotischen, jungen Frauen anzudeuten. Doch auch die komplexe Philosophensprache wirkt auf der Bühne frisch und anziehend, wenn sie so gewandt gesprochen wird - die drei folgen den alten Herren auf ihren Höhenflügen. "Wir haben nicht das mindeste Talent, Andenken zu hinterlassen", heißt es am Schluss. Stimmt nicht: "Satisfaktion" ist eine kurzweilige, witzige und würdige Einladung, sich mit den Werken dieser etwas in den Hintergrund gerückten Denker zu beschäftigen.

Dina Netz für akT Feb. 2012

Januar 2012

Totgesagte leben länger

Das Theater am Sachsenring besteht seit 25 Jahren

Von Barbro Schuchardt

Totgesagte leben länger. Als das Theater am Sachsenring (TaS) am 17. Dezember 2009 nach fast 22 Jahren schließen musste, weil die städtischen Fördermittel wegfielen, war die Trauer bei den Theaterleitern Joe Knipp (57) und Hannelore Honnen (67), den Schauspielern und dem Publikum groß. Niemand konnte sich Hoffnung auf eine „Wiedergeburt“ machen – obwohl der Mietvertrag weiter lief. 

Doch das Wunder geschah: Seit März 2011 wird dort wieder gespielt. Langjährige Freunde wie der Autor Tony Dunham und die Schauspielerinnen Anne Simmering und Nicole Kersten hauchten dem Theater neues Leben ein. Und im Sommer feierte Knipp mit seiner Inszenierung von Dunhams Komödie „Traumfrau verzweifelt gesucht“ seine Rückkehr. Seit Herbst gibt es wieder einen regulären Spielplan, auf dem unter anderem die für den Theaterpreis nominierte literarische Collage „Satisfaktion“ von Hannelore Honnen und Knipps ambitionierte „Hamlet“-Inszenierung stehen.

Der Dänenprinz – gespielt von David N. Koch – ist auch die Galionsfigur für ein ganz besonderes Fest: Am 21. Januar feiert das TaS sein 25jähriges Bestehen mit Ausschnitten aus der Aufführung und einer großen Party. Und am 27. und 28. Januar wird weiter gefeiert. Da stehen Tony Dunhams Stücke „Phil Noir“ und „A Special Relationship“ (in englischer Sprache) auf dem Programm – anlässlich der 20jährigen Zusammenarbeit mit „Confederacy of Fools“.Honnen und Knipp werfen einen Blick zurück auf ein Vierteljahrhundert erfolgreicher Arbeit. „Wir haben gewagt und gewonnen!“ freut sich Knipp. Genau am 21. Januar 1987 haben die Partner den Mietvertrag für das TaS (früher hieß es mal „Saxi“) unterschrieben. 

Start mit starker Mischung

Knipp hatte dort schon im Jahr zuvor mit seinen „Zinnober“-Kollegen Albrecht Zummach und Clemens Dreyer das Programm „Wer die Kunst nicht liebt, kann ja immer noch das Fernsehen einschalten“ gespielt. Für ihr Publikum war das nie eine Option. „Wir konnten das Haus lange Zeit gut betreiben mit einer Mischung aus Schauspielertheater, Kabarett und Musik – die Bedürfnisse der Zuschauer deckten sich mit unseren Ambitionen“, sagt Knipp. Hannelore Honnen, die schon für das Freie Theater Neuwied mit Knipp zusammen gearbeitet hatte („Wir sind geistesverwandte Seelen“), inszenierte damals das erste Stück: „Frau Armand trifft Rosa Luxemburg nicht“ nach einem Roman von Colette. Der Schwerpunkt der zurückhaltenden Kunstlehrerin liegt inzwischen auf dem Schreiben und der Ausstattung, die sie zusammen mit Knipp entwickelt. „Ich liebe Bühnenbilder, die man in eine Kiste packen kann“, erklärt sie – ein Konzept, das sich der Mini-Spielfläche anpasst. 

Knipp ergänzt: „Wir zeigen zum Beispiel in unserem ,Hamlet’, wie man mit ein paar Flügelschlägen ohne technischen Aufwand abheben kann. Text und Schauspieler sollen im Mittelpunkt stehen.“ Dieser Anspruch wurde in den gefeierten Aufführungen „Kafkas Welten“ mit David N. Koch (2008) und das Theaterpreis-gekrönte „Fest“ von Thomas Vinterberg (2003) aufs Schönste erfüllt – über 5000 Zuschauer besuchten die stets ausverkaufte Inszenierung. Auf Richard Hucke, der seinerzeit in der Rolle des Sohnes Christian brillierte, wartet im Mai 2012 eine neue große Aufgabe in „Szenen einer Ehe“ nach Ingmar Bergman.

Immer wieder beweist Knipp auch sein gutes Händchen für die leichte Muse. So ist er seit den 1980er Jahren „Hausregisseur“ des Kabarettisten Thomas Reis. Die Bühnenfassung von dessen Erfolgsprogramm „Gibt's ein Leben über 40?“ wird im März 2012 Premiere haben. Auch ein neues Stück von Tony Dunham ist geplant. „Wir haben zum Glück wunderbare junge Schauspieler, die mit Leib und Seele bei der Sache sind“, freut sich der Hausherr. Viele kommen von der Kölner Theaterakademie, wo Knipp unterrichten und im November die Abschlussinszenierung einstudieren wird. „Theater kann Geschichten erzählen, Theater schärft die Sinne und klärt den Kopf!“ ist die Devise der engagierten Truppe am Sachsenring.

 

November 2011

Frühes Misstrauen

"Sie haben sich nie kennen gelernt ... Hannelore Honnen führt die drei völlig unterschiedlichen Persönlichkeiten in der Uraufführung ihres Stückes "SATISFAKTION" zusammen und lässt in ihren Szenen ... wichtige Kapitel europäischer Geistesgeschichte wieder aufleben.  Wie Fixsterne kreisen die drei Denker umeinander... Celina Rongen (Spengler), Signe Zurmühlen (Walser) und Mirjam Radovic (Benjamin) geben alles, um die Persönlichkeiten auch sinnlich erfahrbar zu machen. Indem sie immer wieder an zwei Stangen hochklettern, gelingt ihnen der Blick über den eigenen intellektuellen Horizont hinaus (...)

BS Kölnische Rundschau

Drei böse junge Männer

"Satisfaktion" im Theater am Sachsenring

Die Satisfaktion ist eine veraltete Form der Wiedergutmachung einer Ehrverletzung, erzielt zumeist im Duell. In der gleichnamigen Uraufführung im Theater am Sachsenring fechten drei junge Autoren ihren gesellschaftlichen Stand und die Bedeutung ihrer Werke für Philosophie, Kunst und Leben mit Worten aus.

Walter Benjamin, Robert Walser und Oswald Spengler waren Zeitgenossen, im echten Leben trafen sie nicht aufeinander. Die Dramatikerin Hannelore Honnen bringt die wenig massenkompatiblen Geister in ihrem Text zusammen, indem sie deren Schriften zu einer tiefsinnigen Collage montiert und auf fesselnde Weise mit biografischen Skizzen mischt. Regisseur Joe Knipp lässt die drei als "angry young men" auf einer fast leeren Bühne von jungen Frauen in Lederhosen und Hüten darstellen. Was (...) prima funktioniert, da Mirjam Radovic, Signe Zurmühlen und Celina Rongen sprecherisch stark sind und physisch wie emotional Leistungsfähigkeit zeigen.

Dass sich die Schauspielerinnen zwischen ihren aufgeladenen Monologen um Stangen schwingen müssen und gelenkig an ihnen hochturnen, lässt Raum für Interpretationen ... Gemeint sind wohl die intellektuellen Höhen, die sie in ihren Rollen erklimmen. Und das gelingt ihnen gut (...) (jdü) Kölner Stadt-Anzeiger

Nominiert für den Kölner Theaterpreis

Oktober 2011

"Hamlet" im Theater im Sachsenring

EIN WAHRER SOHN

am Montag, 17.10.2011

Die "Hamlet"-Inszenierung, derzeit im "Theater am Sachsenring" zu sehen, ist ein Spiel mit Bühnenelementen: (...) Durch Scharniere verbundene Rahmen werden umfunktioniert, sobald der Schauspieler durch sie hindurch schreitet - in eine andere Szene und einen anderen Zustand hinein. In die Zerrissenheit, Gewissenhaftigkeit, in den Wahn, Zweifel, in die Erkenntnis, Liebe, den Hass, den Verrat, in den Mord und das Nicht-Sein.

Ein Rahmen als Spiegel, zwei Rahmen als Buch, drei Rahmen als Grab. Für das elterliche Gemach – alle Rahmen als Stern. Alle Rahmen als Burgmauern, alle Rahmen als Wände, durch die man hindurchgeht oder sich dahinter versteckt. Die Rahmen als Gassen, als Fugen und als Entourage für Hamlets Welt (...).

Es gibt die beiden Totengräber als hirnlose piepsige Ratte (Signe Zurmühle) und derben Alkoholiker (Katja Gorst). Die Schauspieltruppe Hamlets (David N. Koch - er selbst als Montagsmaler, die anderen als sehr unterhaltsames Schaf und hemmungslose Sänger), in wahrhaftig mittelalterlicher Manier gegeben. Die Hofleute Güldenstern und Rosenkranz: verräterische, hinterhältig blasierte Erotik-Eidechsen. Den sich ständig selbst reglementierenden König Claudius (Max Heller), der seine Augenklappe verloren hat und dem seine Uniform, unter der es ambivalent brodelt, fantastisch steht. Den Polonius mit witzigem Rollenwechsel (Max Heller), die Königin (Katja Gorst) als sittenlose BH-Trägerin (aufgemotzt durch royale Schulterpolster) mit einem außergewöhnlichen empathischen Vermögen, welches sich anmutig offenbart, als sie vom Ertrinken der Ophelia berichtet. Die süße, naive, gehorsame und sehr verliebte, sehr traurige und emotional starke Ophelia. Den männlichen, duelliersüchtigen und großherzigen Laertes mit verwegener Schnute (Signe Zurmühle). Den Wind. Die großartige Atmosphäre. Die Zeit. Das Herz.

Und natürlich den Hamlet, alias David N. Koch. Als Sympathieträger mit einer markanten Stimme ausgestattet und erinnerungswürdig gespielter Tollheit. Treffsicheres, handwerklich klar erkennbares Vokabular, sorgfältig gesetztes Timing und den Schalk in den Augen. Charmante und willkommene (dankbar entgegengenommene) unfreiwillige Drolligkeit. Dem Wechselbad der Wahnwitzigkeit emotional angeschlossen, direkt und verssicher. Es sind das Kind und die Spielfreude in ihm, die ihn als wahren Sohn entpuppen.

Isabel Hemming (meine-suedstadt.de)

HAMLET, EISKALT

"(...) Regisseur Joe Knipp hat sich ein schönes Bild für den aus der Ordnung gerückten Staat einfallen lassen: mannshohe Holzrahmen stehen, liegen oder kippen auf der Bühne - mal Halt, mal Hindernis. Aufrecht stehend bilden sie Tore und Gemächer, gestapelt werden sie zu Podesten, Särgen, Wällen. Es gibt nichts Festes und Fixes in diesem Dänemark. Und jede Figur versucht, ihre ganz eigene Ordnung herzustellen. Wunderbar die Szene, in der Ophelia ein wildes Raumkonstrukt zu errichten versucht, dass ihr Vater Polonius gleich wieder in biedere Ordnung zurückbaut.

Spielerisch bietet die Inszenierung einen spannenden Zugang zum Innenleben des desperaten Prinzen. Als Schutz gegen die Heuchelei hat Hamlet (David N. Koch) sich grenzenlosen Zynismus zugelegt. Wo alle versuchen in die Normalität zurück zu finden, könnte er nur kotzen. Koch serviert ihn als trockenen Existenzialisten. Seine Liebe zu Ophelia ist obertflächlich, sein Freund Horatio ein Weichei, seine gefühlsduseligen Ausbrüche aufgesetzt - nicht einmal Verzweifeln will dem grimassierenden Jüngling gelingen. Der Gegenpol dazu ist seine Mutter. Königin Gertrud (Katja Gorst) erscheint in Rock und BH, lebens- und liebessüchtig wirft sie sich mal dem Sohn, mal dem Gatten an den Hals und wird von der Kluft zwischen beiden schier zerfetzt. Gorst zeigt mit minimalem Aufwand berührenden Facettenreichtum, auch in anderen Rollen: Ihr volltrunkener Totengräber ist der Beweis, dass Shakespeare keine Nebenrollen geschrieben hat, sondern nur solche mit weniger Text. Max Hellers Claudius ist ein aalglatter Karrierist, als toter König aber etwas zu sehr Schlossgespenst. Signe Zurmühlen spielt Ophelia wunderbar kindlich (...).

In einigen tollen Momenten spielt das kleine Theater mit den eigenen Grenzen: Wind, Herzklopfen und andere Geräusche werden von den Spielern produziert, und wenn Hamlet Nachtwache hält, lassen die Kolleginnen seinen Mantel flattern (...)"

Robert Christott in der akt 27

August 2011 Kölnische Rundschau

Mit Zeitung läuft's

"Traumfrau, verzweifelt gesucht": Glänzende Komödie im Theater am Sachsenring

von BARBRO SCHUCHARDT

Joe Knipp kann wieder strahlen - nach heftigen finanziellen Turbulenzen feiert sein Theater am Sachsenring Wiederauferstehung. Zum Auftakt inszenierte der Hausherr Tony Dunhams Erfolgsstück "Traumfrau, verzweifelt gesucht", das im TaS schon vor 20 Jahren gefeiert wurde. Nicht das einzige Jubiläum. Im nächsten Jahr wird das Theater 25 - ein ewig junger Twen.

Nach neuen Talenten braucht Joe Knipp nicht lange zu suchen: Die nahe gelegene Theaterakademie (an der er ab dem nächsten Jahr auch unterrichten wird) bietet einen Pool von bemerkenswerten Begabungen. Eine davon ist David N. Koch, der in Knipps Inszenierung von "Kafkas Welten" brilliert (wieder ab dem 22. September).

Nun liefern wieder zwei junge Schauspieler mit erstaunlicher Professionalität und Sprechkultur ihre Visitenkarte ab. Celina Rongen und Harald Hauber rücken dem unerschöpflichen Thema "Partnersuche" unter Knipps pointierter, temporeicher Regie so frisch zu Leibe, dass die bewährte Form der Zeitungs-Kontaktanzeigen mit ihrer kruden Poesie auch im Zeitalter des Internets noch Biss und Witz hat.

(...) Celina Rongen stürmt die Bühne nicht nur als Henriette, sondern verkörpert mit viel Temperament und Spielfreude gleich vier Bewerberinnen aus den Kontaktanzeigen. Erst ist sie Trish, die überdrehte Amerikanerin, die den verschreckten Harald in atemberaubendem Tempo zuquatscht. Danach erscheint sie als esotherische französische Kräuterhexe Camilla, dann als Motorbiene Gabi, die sexuelle Verheißung mit dem kleinen Sprachfehler und schließlich als schwärmerische Hesse-Verehrerin Anja mit dem heißen Wunsch nach 'Vereinigung von Körper und Geist' (...)

Das TaS war tot, es lebe das TaS!

 

August 2011 Bild Köln

Hübsche Celina ist neue Theater-Traumfrau

"Well, Let's Do It"! Celina als aufgedrehtes Ami-Girl

von MICHAEL BISCHOFF

Köln - Sie erscheint als durchgeknalltes American Girl, als coole Rockerbraut oder als verführerische Traumlady. Die hübsche Celina ist die neue Theater-Traumfrau.

Großer Premierenjubel im Theater am Sachsenring für eine wunderbar leichte Sommerkomödie: "Traumfrau, verzweifelt gesucht" - der Klassiker des britischen Autors Tony Dunham, der seit 22 Jahren in Köln lebt.

Mit leichter Hand inszeniert von Theaterchef Joe Knipp. (...) Fazit: Celina überrascht in sieben sehr sexy Frauenrollen (...) Großartig an ihrer Seite Harald Hauber voll tiefgründigem Witz.

 

März 2011 Kölnische Rundschau

Durch gleiche Sprache getrennt

von Rolf.-R. Hamacher

"Gefährliche Liebschaften" hieß bezeichnenderweise das letzte Stück, das 2009 am Theater am Sachsenring lief. Vier Jahre hatte der Überlebenskampf von Theater-Chef Joe Knipp gedauert, den das Kölner Kulturamt schon seit 2005 mit "Liebesentzug" durch Fördergeld-Verweigerung bestraft hatte. Ohne nachvollziehbare Begründung. Nun, nach über einem Jahr ist die Stadt zwar nicht klüger, Joe Knipp aber um so entschlossener: "Ich muss einfach dem sinkenden Stellenwert des Theaters in Kultur und Gesellschaft entgegenwirken, seinen Zauber aufrechterhalten."

Glücklicherweise fand er in diesem Jahr "der Verwunderung, des Überlegens und des Vermissens" private Förderer, die seine Vision teilten. Sinnigerweise ist es wieder eine "Liebesgeschichte", die nun den Neubeginn einläutet. "A Special Relationship" führt den Briten Tony Dunham und den Amerikaner Andy Valvur - die ihren gemeinsamen Sinn für Humor als Mitarbeiter bei der Deutschen Welle entdeckt haben - zu einer Reise durch die Besonderheiten ihrer Heimatländer zusammen.

Wie sagte schon Oscar Wilde: "Wir sind zwei Nationen, getrennt durch die gleiche Sprache." Während Andy in lockerer US-Entertain-Manier ("Good Evening Ladies and Germans") das offensichtlich angelsächsisch-lastige Publikum einzufangen versucht, rät ihm Tony zu mehr Seriösität: "Das Leben ist nicht lässig, es ist problematisch, besonders hier." Nach dem Motto "Was sie schon immer über Cricket und Baseball wissen wollten, aber nicht zu fragen wagten", liefern uns die beiden eine urkomische Einführung in jene National-Sportarten, die wir Mitteleuropäer nie verstehen. Das Publikum singt dazu begeistert die Baseball-Hymne "Take me out to the Ball Game" mit. Das der Song aus dem Musical mit dem Titel "Damn Yankees" stammt, ist wie Wasser auf die Mühlen des Briten. Tony findet es äußerst albern, einen Spieler Pitcher zu nennen, wo er sich selber doch lieber einen Pitcher zur Brust nimmt. Und wie kann man über das britische Königshaus lästern, wo man doch selbst einen Kennedy-Clan und die Bush-Dynastie vorzuweisen hat? Frauen, Essgewohnheiten, Kunst und die Sprache - warum sprechen die Briten Leicester "Lester" aus, und warum schreiben die Amis "Nite" statt Night? - sind weitere Themen ihres Zwiegesprächs, dem man gerne zuhört, weil es nie in die Niederungen zweideutiger Comedy-Shows abgleitet.

Dunham und Valvur lassen die Kunst der Vaudeville-Komik wiederauferstehen - mit Intelligenz und Witz. Der Beifall gibt ihnen Recht und dem TAS hoffentlich den nötigen Schub.

 

zur Schließung:

29. Dezember 2009 Kölner Stadt-Anzeiger

Aus der Zeit gefallen 

 Am 19. Dezember fand in Joe Knipps Theater am Sachsenring die letzte Vorstellung statt. Voraus gegangen war ein beispielloser Kampf des Kölner Kulturamtes gegen die freie Bühne.

„Vielleicht“, sagt Joe Knipp, „bin ich im Moment ja wirklich aus der Zeit gefallen.“ Wenn er davon spreche, wie gerne er ein Ensemble aufbauen würde, sinniert der 55-jährige Theatermann, wenn er gar den Zauber des Theaters beschwöre, lache man ihn doch nur aus. Vor zehn Tagen ist in Knipps Theater am Sachsenring der letzte Vorhang gefallen. Das Aus nach 23 Jahren.

„Ich war gar nicht traurig“, sagt Knipp. Es sei ja ein schöner Abend gewesen, wie überhaupt die vergangenen Wochen viele beglückende Erfahrungen bereit gehalten hätten. Gespräche mit dem Publikum, mit treuen Theatergängern, die nun noch einmal zeigten, wie sehr sie das kleine 100-Plätze-Haus als kommunikativen Raum schätzen. Weil man sich die Bedeutung einer Institution eben erst im Moment ihres Verschwindens klar macht.

(...) Im Jahr 2005 strich das Kulturamt der Bühne nach der Empfehlung eines eigens gebildeten Theaterbeirats die städtische Förderung. Das TAS passte nicht ins Konzept. Die eher wertkonservative Auffassung des Sohns eines Schauspieler-Ehepaars, sein Beharren auf einem psychologisch erzählendem Theater verlief konträr zu den Zielen des Kulturamts. „Man fand uns altmodisch“.

Wen wundert es folglich, dass sich Knipp über „blutleere Konzepte“ beklagt, über eine Förderpolitik, die sich nicht um das kümmere, was vor Ort gewachsen sei. Immerhin hatte der Theatermacher noch zwei Jahre vor der Kürzung mit seiner Bühnenfassung von Thomas Vinterbergs Kinodrama „Das Fest“ den Kölner Theaterpreis gewonnen. „Wir wollten ja nicht viel, nur eine Basisförderung und das Gefühl, gewollt zu werden in der Stadt.“ (...)

KOMMENTAR

Frei und vogelfrei

Über 22 Jahre lang gehörte das Theater am Sachsenring zum Kölner Kulturleben. Vier Jahre hatte Theaterleiter Joe Knipp noch durchgehalten, nachdem die Stadt Köln seinem Haus die Fördergelder gestrichen hatte. Wenn er jetzt gezwungen ist aufzugeben, ist das kein Ergebnis von Missmanagement oder künstlerischem Versagen. Sondern die erwartbare Konsequenz aus dem Förderkonzept der Stadt, das lieber wenigen Etwas als vielen zu wenig geben will. Man trennte also in Freie und Vogelfreie Szene. Ein kleines Haus wie das am Sachsenring war damit zum Abschuss freigegeben.

Wer dieses Konzept damals richtig fand, sollte der Bühne nun keine Krokodilstränen nachweinen. Auch entbehrt der Plan, nach dem das von horrenden Mietkosten in seiner Existenz bedrohte Theater der Keller in die Räumlichkeiten am Sachsenring ziehen könnte, ja nicht einer gewissen Eleganz. Als wäre das Ende der einen die Rettung der anderen Bühne.

Aber das ist Schönrederei. Ein Theater weniger ist selbstredend ein Verlust an kultureller Vielfalt für die Stadt. Und der Keller wird es auf der viel kleineren Bühne nicht unbedingt einfacher haben, sich in der Gruppe ausgewählt förderungswürdiger Theater zu halten. Wir würden die Jahre, Jahrzehnte andauernde Diskussion darüber, welche Häuser aus welchen Gründen zu unterstützen sind, nicht führen, hätte sich die Stadt Köln irgendwann dazu entschlossen hätte, eine Summe in sein Theaterleben zu investieren, die einer Metropole angemessen ist. Klar, vor der Finanzkrise. Jetzt kann man den vogelfreien Theatern nach und nach beim Untergang zusehen. Aber nur, weil die absaufen, werden aus den überlebenden Bühnen noch keine Leuchttürme.

KStAnzeiger Christian Bos


Das ganze Potenzial der Figuren

Der Regisseur Joe Knipp nimmt seine Rolle zugunsten der Akteure zurück

Das Theater am Sachsenring beweist auch ohne städtische Hilfe Stehkraft.
VON OLIVER CECH

"Zwei Meter zwei", korrigiert Joe Knipp mit einem milden Lächeln. Ihn als Zwei-Meter-Mann zu bezeichnen, wäre noch eine Untertreibung. Auch sonst ist er eine ins Auge fallende Erscheinung innerhalb der Kölner Theaterszene: Niemand sonst trägt hier Anzug und Krawatte, und das Werk- wie Feiertags. "Es hat zu tun mit Fassung", sagt Joe Knipp. "Mit Fassung und Form, die man sich persönlich gibt. Das ist auch fürs Theater ganz wesentlich."

Der Regisseur und Leiter des "Sachsenring" stammt aus Theaterfamilie - beide Eltern waren Schauspieler. "Wenn mein Mutter mit einem Tonbandgerät Rollen lernte, dann war ich dabei. Vieles habe ich nicht verstanden, habe es in eine Fantasiesprache umgemodelt und Szenen dazu ausgedacht. So fing es an: mit Lust am Spielen."

Knipp studierte zunächst Kunst; als Zeichner hat er Karikaturen für "Pardon" geliefert. Doch das Publikum fehlte ihm. Bald zog es ihn mit dem Jazztrio "Zinnober" auf die Bühne; er schrieb eigene Lieder und Chansons. 1987 dann entdeckte Knipp im Keller am Sachsenring seinen idealen Bühnenraum, mit minimaler Distanz zum Publikum - und den bespielt er seit 20 Jahren.

Ein Höhepunkt dieses Theaters war im Jahr 2003 die Inszenierung des Familiendramas "Das Fest", ausgezeichnet mit dem Theaterpreis. Eine ungeheure Kraftanstrengung, erinnert sich Knipp, für seine kleine Bühne - und seine Feuertaufe als Regisseur. "Wir brauchten elf Schauspieler, und zwar der unterschiedlichsten Generationen, aus völlig verschiedenen Schauspielschulen. Die einen wollten gestellt werden, die anderen improvisieren; da musste ich schon stark halten!"

1990: Die Wut - Verbrechen und Strafe Zwei Jahre später stand das Theater vor dem Aus: Die Stadt hatte sämtliche Zuschüsse gestrichen. Joe Knipp legte den Vorstand der "Theaterkonferenz" nieder und "dachte zum ersten Mal darüber nach, Köln, meiner Geburtsstadt, den Rücken zu kehren." Eine schwere Zeit, ein tiefes Tal, erinnert sich Knipp. "Aber heute kann ich wieder frei atmen. Große Schaubühnenproduktionen sind ohne Zuschüsse zwar nicht zu verwirklichen. Doch wir haben Wege gefunden, das Theater am Leben zu halten, auch ohne Hilfe der Stadt."

Ein Bühnenmonolog bildet folglich den Auftakt der Saison 2007: Peter Turrinis "Endlich Schluss". Auch in dieser Inszenierung bleibt Knipp seiner Idee von Theater treu. Im Vordergrund steht das Ausloten des Textes, die Faszination an der Spielsituation - nicht die Regie. "Ich will den Aufführungen nicht einen Stempel aufzudrücken, damit jeder sieht: Ah, diese Handschrift! Sondern ich will den Schauspielern helfen, an die Figur heranzukommen und ihr Potenzial auszuschöpfen."
(Kölner Stadtanzeiger, 23.08.2007)

Kritiken zur Theaterarbeit im TAS

in Auszügen

Cloudbuster

"In der köstlichen Inszenierung von Joe Knipp erfahren wir darum recht viel über Männerphantasien und die Lust zu lieben und - nicht zuletzt - über das Vergnügen, Theater zu machen. (...) Ein klasse gespieltes und deftiges Vergnügen."
Josef Schloßmacher 1997 KÖLNER STADT-ANZEIGER

Aus dem Dunkel der Großstadt

"Die Inszenierung ist ein weiteres Kleinod im Theaterreigen am Sachsenring."
Werner Aschemannn 1998 im EXPRESS über die Uraufführung von Honnens Dostojewski-Bearbeitung.

Dem Theater zu geben, was ihm würdig ist -

einen Ort der geistvollen Verzauberung und des passionierten Experiments."
Marianne Kolarik 1998 KÖLNER STADT-ANZEIGER

Stumm

"Dass der Regisseur und Hausherr Joe Knipp das Stück in sanft schwebender Balance zwischen Komik und Tragik hält, trägt nicht weniger zum Vergnügen an dem Abend bei wie das bestens aufgelegte Schauspieler-Trio (…) Wir meinen: das für den Kölner Theaterpreis 1999 nominierte Stück sollte sich niemand entgehen lassen, der intelligente Unterhaltung zu schätzen weiß."
Marianne Kolarik 1999 KÖLNER STADT-ANZEIGER über „Stumm“ von Tony Dunham

echt brecht

"Top-Theater auf Top-Niveau!"
Michael Bischoff/ BILD-Zeitung 2001 über die außergewöhnliche Komödie über das Leben des Bertolt Brecht an einem ungewöhnlichen Ort, dem Oberlandesgericht am Reichensperger Platz.

Die Ermittlung

"(…) es sind die Details, die, genau artikuliert, den Schrecken freisetzen. (…) Menschen im Hörsaal. Menschen wie wir? Wirklich? Kein Beifall. Schweigen.“
FAZ-Feuilleton am 28.10.2002 über die Aufführung des Stücks von Peter Weiss in einem Hörsaal der Universität.

DAS FEST

"Es gibt kein Entrinnen. Man wäre doch so gerne so lustig und würde gerne feiern. Doch wie Mehltau auf Rosen legt sich die Wahrheit auf die Figuren, bis auch der letzte die Tatsachen nicht mehr leugnen kann. Dies alles geschieht auf einer weißen, leeren Bühne, die nur mit Stühlen bestückt ist. Die Akteure sind ebenfalls alle in weiße, oder doch sehr helle Kleidung gewandet. (...) Die Leere gibt Raum zum Spiel. Zur Entfaltung der Rollen und Charaktere und Raum für Gefühl. Die Enge macht ein Vergraben oder Verstecken unmöglich. Es gibt keinen Raum zur Flucht.

In diesem Spannungsfeld laufen die elf Darsteller zur Hochform auf. Man darf behaupten, hier ist jeder ideal besetzt. Was da in diesem kleinen Theater geboten wird, ist Schauspieler-Theater der Extraklasse. Es dürfte sicherlich auch ein Idealzustand zwischen Akteuren und Regisseur (Joe Knipp) gewesen sein. Denn in dieser Klasse der Darbietung hat man das Gefühl die Hand eines Regisseurs kaum zu spüren. Mit hoher Intensität, einer Tonabnahme der Schauspieler von seltener Güte und mit einer Glaubwürdigkeit, die rar geworden ist, fährt hier die Verlogenheit in den Orkus."
Rolf Finkelmeier in „Theater pur“ / Juli 2003 über die Premiere des Stücks nach dem Dogma-Film.

"In diesem Jahr waren sich Kritik, Kollegen und nicht zuletzt die Zuschauer schnell einig über die herausragende Qualität einer Inszenierung, die gestern Abend folgerichtig mit dem Kölner Theaterpreis 2003 gekrönt wurde!“ 09.12.03 Kölnische Rundschau


Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

"Es spricht für die Regie von Joe Knipp, dass er diesen mit Liz Taylor verfilmten Welterfolg im Theater am Sachsenring genau in dem Schwebezustand belässt, der einen bei Albee zuerst auflachen und dann - beim Blick in all die Abgründe - schwindelig werden lässt."
Kölner Stadt Anzeiger 2004

"Diese Aufführung ist ein Juwel."
taz

Verwanzt

"Joe Knipps Inszenierung weiß dem Gespinst allgegenwärtiger Verfolgung, die schließlich vom eigenen Körper Besitz ergreift, eine bedrohliche Bühnenrealität zu verleihen."
Kölner Stadt Anzeiger 2005 über die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks von Tracy Letts, das nach dem Erfolg am Off-Broadway 2007 unter der Regie von Friedkin in Hollywood verfilmt wurde.

"Unter dem Originalnamen "Bug" war das Stück ein Erfolg in New York und erhielt den Preis als "bestes neues Stück" des Jahres. (...) Die deutsche Erstaufführung inszenierte Joe Knipp auf einer höchst interessanten Bühne von Hannelore Honnen und Wolfgang Wehlau: ein zunächst weißes Rechteck in der Mitte des Raumes, mit zwei angedeuteten Türen, dazu Schrägen und Untiefen, die das Zimmer, das dargestellt werden soll, als unwirklich-gefährliche Landschaft ins Zentrum rücken.

(...) Das ist alles spannend in Szene gesetzt, und von erstklassigen Schauspielern exzellent dargestellt. Dazu werden die professionellen Sound-Möglichkeiten des ehemaligen Studios außerordentlich genutzt, da knattern Hubschrauber körperlich spürbar durch den Saal, und die finale Explosion lässt einen tatsächlich körperlich erzittern.

Das Premieren-Publikum, u.a. mit dem Leiter des Fischer Theaterverlages Uwe B. Carstensen, der diese deutschsprachige Erstaufführung für Köln ermöglicht hat, spendete sehr großen, lang anhaltenden Beifall."
Koeln.de, Edgar Franzmann

Mann ist Mann

"Dieses Stück ist mehrdimensional, ist Komödie, Moralstück und Groteske. Seine Tiefe lotet Joe Knipp in seiner Inszenierung im Theater am Sachsenring mit viel Liebe zum Detail aus. Eine wichtige Rolle spielt die Musik von Paul Dessau, Gitarre und Gesang, Kommentar zum Geschehen wie die Arie in der Oper. Das Sechs-Personen-Ensemble (Marietta Bürger, Hans Peter Deppe, Gracias Devaraj, Richard Hucke, Kerstin Kramer und Frank Meyer) agiert bewegungsfreudig, charaktervoll und hinreißend komisch. Es zelebriert ein Lustspiel, das Lust macht, ins Theater zu gehen. Am Ende doch ganz die feine Art. Zu Recht kräftiger Premierenapplaus." (peb)
Der Kölner Stadt-Anzeiger 2006

Endlich Schluss

"(...)Peter Turrini schrieb den Monolog 'Endlich Schluss' für Claus Peymanns Abschiedsvorstellung im Burgtheater in Wien. Es hat etwas Selbstgefälliges, wenn ein Autor einem erfolgreichen Protagonisten die Hässlichkeit eines Machtmenschen ins Gesicht schreibt. (...)

"Aber Joe Knipp vom Theater am Sachsenring und sein Schauspieler Hans Peter Deppe bekommen die dramaturgischen Haken und Ösen des Stücks über weite Strecken in den Griff. Deppe spielt stellenweise wie entgeistert, um dann um so effektvoller in komische Momente abzugleiten. Diese stellen sich vor allem dann ein, wenn sein Protagonist über die Bosheiten spricht, die er sich gegenüber Frau und Kollegen erlaubt, in der stillen Hoffnung, ihm, dem zynischen Machtmenschen, würde jemand die Grenzen aufzeigen. (...)

Deppe gibt dieser unsympathischen Gestalt eine Spur Menschlichkeit, indem er den Mann aus Kinderaugen schauen lässt. Hier und da gibt er ihm eine Verletzlichkeit, die dem finalen Countdown dann doch wieder eine Spur Sinn verleiht."
29.08.07: Thomas Linden, Kölnische Rundschau

"... Schon der erste Satz des Ein-Mann-Stücks 'Endlich Schluss', das jetzt im Theater am Sachsenring Premiere feierte, lässt es kalt den Rücken herunterlaufen. Und der Mann (großartig gespielt von Hans-Peter Deppe) beginnt zu erzählen - und unterbricht immer wieder um zu erzählen. Eine Stunde lang spricht er über das Dilemma seines Lebens, dass er immer das will, was er gerade nicht hat. Das ist faszinierend und makaber, gruselig und auch immer wieder komisch. Bis zum Schluss." Express

"Teils komisch, teils verstörend. (...)"
Kölner Stadtanzeiger

Liebe, Sex und Therapie

"(...) So setzt das Stück die Charakteristik des Paars ins gesellschaftliche Allgemeine.

Die Inszenierung von Joe Knipp arbeitet in die entgegengesetzte Richtung. Sie entfaltet ein Szenario mit Orten des Kölner Nachtlebens vergangener Jahre, sie betont Details, lässt dem temperamentvollen Ensemble viel Spielraum und führt so das globale Thema herzhaft und amüsant ins Besondere." 17.11.07
Kölner Stadtanzeiger

Lieblingsmenschen

Joe Knipp schneidet die Szenen hart aneinander, entlarvt die verkürzten Sprachschablonen der SMS-Kommunikation, die auch den eingefrorenen Gefühlshaushalt der Protagonisten geprägt zu haben scheint. (...) Die Aufführung ist eine präzise Ensembleleistung, bei der jede Geste, jeder Tonfall überzeugt.

Gut gespielt, klug inszeniert.
29.02.2008 (Kölnische Rundschau)

Für alle Fälle Fritz

(...) "Lassen sich Persönlichkeit und Werk so genau trennen?

Um diese Frage geht es Joe Knipp (Text) und Albrecht Zummach (Komposition) bei ihrer schrägen Collage "Für alle Fälle Fritz", die im Theater am Sachsenring Uraufführung hatte. Sie verbanden Elemente aus dem Leben des echten Robert Crumb (im Stück Robert Kramp) mit den chaotischen Possen von Fritz, dem bei Knipp zum Schwein mutierten Kater. David Koch mit Max-und-Moritz-Tolle behauptet sich als Wüstling mit romantischer Seele zwischen zwei ebenso springlebendigen und temperamentvollen Frauen, Mirjam Radovic als Fritz' Schweineschwester und Rebecca Madita Hundt (als Freund Hermann und Frau Strauß, die nach Crumbs Willen Fritz mit einem Eispickel erschlagen sollte). Martin Erdmann bringt am Klavier Zummachs zitatengespickte, mitunter an Kurt Weill erinnernde Partitur zum Klingen (...).

Die 'Drei-Schweine-Oper für Jedermann', dieser Theater gewordene Comic, ist in Wahrheit eine vertrackte, (selbst)ironische Reflektion über das Entstehen von Kunst, bei dem der sich gottähnlich fühlende Schöpfer derselben allzu leicht ein Opfer seiner Kreaturen werden kann."
Kölnische Rundschau 04.05.2008

Kafkas Welten

"Koch ist in Knipps Inszenierung das böse, grausame Kind Franz, das sich mit Horrorvisionen aus der beengten Kleinbürgerwelt mit dem despotischen Vater hinaus fantasiert und dabei alle Grenzen überschreitet - auch physisch.

Mit halsbrecherischer Präsenz turnt Koch in seinen kurzen braunen Hosen über die Balustrade zum Zuschauerraum, stößt dabei fast mit dem Kopf an die Decke, aus der er Bonbons zutage fördert, schnaubt, schnarrt, grunzt, quietscht - und redet, redet, redet. Die Augen sind schwarze Löcher im weißgeschminkten Gesicht, eine Gießkanne wird in Kochs fulminantem Monolog durch ein paar Stofffetzen zu Vater, Mutter, Schwester. Getrieben vom Hass auf die ganze Welt rast er durch seine Vision von der Verweigerung alles Menschlichen, wobei der junge Schauspieler eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit beweist.

Mühelos wechselt er die Ebenen, und ganz organisch fügen sich die Auszüge aus der 'Strafkolonie' in sein Spiel ein, dieses frühe Horrorszenario eines totalitären Staates, der seinen Todeskandidaten das Urteil ('Sei gerecht') durch eine Maschine in den Rücken ritzen lässt (auf der Bühne wird sie durch eine ratternde Nähmaschine symbolisiert)."

Kölnische Rundschau

"Wenn die Wände Stromstöße verteilen, wenn Nähmaschinen von alleine zu laufen beginnen und einem gar die Finger durchlöchern, dann scheint alles um einen herum animiert zu einer einzigen gewaltigen Bedrohung, der man schutzlos ausgesetzt ist. Ein Abend, der Ohnmachtszustände konsequent ausfabuliert, und eine beeindruckende Energieleistung von Koch. "

Kölner Stadtanzeiger

Schnee von gestern

Der aktuelle "Schnee von gestern", das sind heiter-melancholische Miniaturen über Paar-Probleme, Lebenslügen und -ängste, Großstadt-Tristesse und Arbeits-Monotonie. Die schrägen Harmonien erinnern mitunter an die Songs von Brecht und Eisler, von denen auch einige auf dem Programm standen. Joe Knipp präsentierte die anmutigen Chansons mit Charme und Leichtigkeit, wobei auch ironische Seitenhiebe auf die eigene WG-Vergangenheit mit ihren politische Aktivitäten nicht fehlten ("Demo" als Coverversion von Belafontes "Day-O"). Köstlich die Parodie auf die Situation der Kölner Theater zu "Seeräuber-Jenny"-Klängen. Der Kölsche Klüngel wird mit Elvis' "Trouble" verarztet und Lafontaine mit Aznavours "Du lässt dich geh'n". Ein feiner Abend voller Witz und Nostalgie.

Kölnische Rundschau

Groschenroman als Nachschlag

Schauspieler nähern sich unterhaltsam dem Thema "Frau sein"

Das Festival der Zwischentöne hat sich an seinem ersten Abend mit der Frage beschäftigt "Wie's Frauen machen".

"Verführerisch, aber nicht nuttig, gut verheiratet, aber nicht an die Wand gedrängt, berufstätig, aber nicht übertrieben erfolgreich, um bloß ihren Kerl nicht platt zu machen, schlank, aber nicht panisch in Sachen Ernährung", so fasst die französische Schriftstellerin Virginie Despentes - vorgetragen von Schauspielerin Kerstin Kramer - das "Idealbild der weißen Frau" im Vorwort ihres Buchs "King Kong Theorie" zusammen. Und kommt zu dem Schluss: "Die ist mir sowieso noch nie und nirgends begegnet. Ich glaube fast, die gibt es überhaupt nicht." Am Eröffnungsabend des "Festivals der Zwischentöne" im Theater am Sachsenring kreisten Schauspieler unter dem Titel "Wie's Frauen machen" anhand von Gedichten, Roman- oder Dramen-Auszügen und Essays das Thema Frau-Sein auf unterhaltsame Weise ein.

Simone Beauvoirs Fragen "Gibt es überhaupt Frauen?" und "Was ist überhaupt eine Frau?" stellt Schauspielerin Rebecca Madita Hundt "Gespräche über Kunst" von Louise Bourgeois gegenüber, die hinsichtlich ihrer Beziehung als Künstlerin zum Publikum feststellt: "Meine Arbeit ist ein fortgeschrittener Versuch, sie zu verführen." Es sei wie Brautwerbung - und "natürlich ist der erste Kuss der schwerste!"

Jede Veranstaltung endet mit dem sogenannten "Nachschlag": Einem in verschiedenen Rollen vorgetragenen und herrlich klischeehaften Groschenroman, der wie eine Fernseh-Soap Abend für Abend fortgesetzt wird. Das Festival der Zwischentöne beginnt jeweils um 20.30 Uhr im Theater am Sachsenring (Sachsenring 3), am Sonntag findet außerdem um 16 Uhr eine Lesung für Kinder statt. Karten kosten acht Euro, eine Dreierkarte 15 Euro.

KStAnzeiger, 12. März 2009

Gefährliche Liebschaften

David N. Koch überzeugt nach seinem beeindruckenden Solo in "Kafkas Welten" auch als süffisanter Verführer, Rebecca Madita Hundt als Society-Queen mit tiefem Schlitz im Kleid und Sternchenstrümpfen strahlt gekonnt die Unbarmherzigkeit einer Giftschlange aus und Katja Gorst in der doppelten Opfer-Rolle wechselt mühelos zwischen der naiven 15-Jährigen, die die Lust entdeckt und der frommen Gattin, die an der Leidenschaft zugrunde geht.

Eine ebenso frische wie zeitlose Inszenierung, eine würdige letzte Premiere für das Traditionshaus, das im Dezember schließen muss.

KStAnzeiger 13. Oktober 2009


"Neue Züricher Zeitung" über Köln

Das Ressort "Ausland" der 'NZZ' schrieb 2001 in einer Reihe über deutsche Städte auch über Köln. Auch hier war das Theater am Sachsenring einer der Pluspunkte. Auszüge:

"Köln ist eine hässliche Stadt. (...) Man schlug Schnellstrassen durchs Zentrum und gab ihnen Namen wie Nord-Süd-Fahrt. (...) Und doch gehört Köln zu den deutschen Grossstädten mit unverwechselbarem Charakter. (...) Geistige Elastizität, Kompromissbereitschaft und ein Schuss Fatalismus sind hervorstechende Eigenschaften der Einheimischen.

(...) Wer abseits steht, macht sich verdächtig. «Steh nicht herum, trink einen mit» lautet, ins Schriftdeutsche übersetzt, die Titelzeile eines Liedes der Bläck Föös, einer Kölner Band. (...) Der Grundton ist fast immer konservativ. Man besingt eine kleine intakte Welt, die unterzugehen droht. (...) Wie Hamburg patrizisch und Berlin proletarisch ist, haftet Köln der Habitus des Kleinbürgerlichen an. (...) Für alle Eigenschaften der Kölner, den leicht grossmäuligen Patriotismus, die kleinbürgerliche Glückseligkeit und den Klüngel, existiert ein Wort: Karneval. Er ist Ausnahmezustand und die Essenz Kölner Daseins. (...)

Köln ist auch die Hauptstadt der deutschen Spasskultur. Hier entstehen die erfolgreichsten Comedy-Sendungen, sozusagen als illegitimer Spross des Karnevals. Deren Humor kommt derb und vulgär daher, er zielt vor allem auf Schadenfreude. «Spass hat auch etwas mit Moral zu tun», behauptet hingegen Joe Knipp, der künstlerische Leiter der Off-Bühne Theater am Sachsenring. Das seit Mitte der achtziger Jahre bestehende Kellertheater bemüht sich um eine unverwechselbare Handschrift, indem es einzelne Autoren dauerhaft an das Haus bindet. Zu denen, die seit Bestehen der Bühne hier gastieren, gehört der Kabarettist Thomas Reis, der anstelle von Klamauk auf ein im weitesten Sinn politisches Kabarett setzt. Köln besitzt eine abwechslungsreiche Theaterszene. (...)"
Neue Zürcher Zeitung, vom Auslandskorrespondenten Eric Guijer, 28. Juli 2001


Theaterleiter Joe Knipp ist seit 1998 (von 2001-2005
als Vorsitzender der Kölner Theaterkonferenz)
auch kulturpolitisch für die Interessen des freien Theaters in Köln tätig.

Pressereaktionen in Auszügen:

Vor 10 Jahren: Februar 1998: Nach einem Krach um die Förderung der freien Kultur in Köln, treten die Kulturdezernentin und der Theaterreferent zurück.

FAZ: 25.02.1998

Folgesignal

Auch Kölner Theaterreferent gibt auf

Der Rücktritt der Kölner Kulturdezernentin Kathinka Dittrich van Weringh zieht Kreise. Gut eine Woche nach ihrem überraschenden Schritt (FAZ vom 14.02) ist ihr nun der Theaterreferent im Kulturamt der Stadt, Jupp Schmidt, gefolgt. Während Schmidt sich zu seiner Kündigung nicht äußern möchte und auf seine Schweigepflicht verweist, zeigt Joe Knipp, Leiter des Theaters am Sachsenring, in einer Presseerklärung Verständnis für den Entschluss: Der scheidende Referent habe "mit uns nach Möglichkeiten gesucht, Qualität und Vielfalt der Theaterszene gegen blinde Sparwut zu verteidigen. Das haben einige offenbar nicht gerne gesehen." Knipp warnte zugleich "vor dem Austrocknen der Kultur und der damit verbundenen Provinzialisierung unserer Stadt, die nur noch Soap-Sender und Kitsch-Musicals zu umwerben scheint". (...) aro

Mai 2001: Die Kölner Theaterkonferenz wählt einen neuen Vorstand. Dieser beschließt, um die Vielfalt der Theaterlandschaft zu schützen, eine Erhörung der Theaterförderung erreichen zu wollen und die Ausrichtung einer ersten Theaternacht als ein großes Fest in der ganzen Stadt zu planen.

22.06.2001

Fast umsonst und im Saale:

Der neue Vorstand der Kölner Theaterkonferenz plant ein Großprojekt

"Eine ganze Nacht lang nur Theater"

(...) der kürzlich neu gewählte Vorstand - Joe Knipp, Dietmar Kobboldt und Oliver Durek - stellte das beschlossene Projekt gestern vor.

Zwar veranstalte man ja "im Grunde täglich eine lange Theaternacht", erklärte Joe Knipp, auch Leiter des Theaters am Sachsenring. Doch diesmal geht eben mehr über die Bühne. Um 20 Uhr hebt sich in allen beteiligten Häusern der Vorhang für einen Abend- , gegen 23 Uhr für eine Spätvorstellung. Dazwischen gibt es offene Proben und Lesungen, Führungen hinter die Kulissen, Autogramme und mehr. Ein Bus-Shuttle pendelt zwischen den Theatern. Mit einer party im Foyer der Oper endet die Geschichte gegen vier Uhr morgens.

11. September 2001: Anschläge in New York. In den Theatern versammelt sich das Publikum um zu reden und den Fernseh-Endlosschleifen des Grauens zu entfliehen. Die Boulevardpresse kritisiert geöffnete Theater als geschmacklos.

14.09.2001

"Die Kunst muss provozieren"

Die Auseinandersetzung um die geplante Aufführung des umstrittenen Stückes „Corpus Christi“ im Kölner Theaterhaus hält an.

Joe Knipp, Vorsitzender der Kölner Theaterkonferenz und Leiter des Theaters am Sachsenring, schreibt in einem Offenen Brief an Kölns Oberbürgermeister Schramma: „Sie wollen, dass ein Stück vom Spielplan genommen wird, weil es Gefühle verletzten könnte.“ Doch gerade nach den Attentaten in den USA benötigten die Menschen das Theater: „Die Kunst sucht nach neuen Blickwinkeln und muss provozieren. Sie will Gefühle schärfen, nicht verletzen.“ „Corpus Christi“ sei ein „schlechtes Stück“, sagt Knipp, „über das sich höchstens die Provinz noch aufregt.“ Gleichwohl müsse die Freiheit des Andersdenkenden verteidigt werden.

In dem Stück von Terrence McNally wird Jesus Christus als Homosexueller dargestellt. Dies allein, so sieht es der Evangelische Stadtkirchenverband, ist aber noch kein Grund, die Absetzung des Stückes zu fordern. Es handele sich schließlich um die „künstlerische Thematisierung von Homosexualität am fiktiven Beispiel einer für Jesus stehenden Figur“. Weil aber die Menschen gerade jetzt „Halt in der Botschaft Jesu Christi“ suchten, wäre die Aufführung zum aktuellen Zeitpunkt ein falsches Signal.

(...) Es sei das erste Mal, schreibt Knipp weiter zur Bitte des Oberbürgermeisters, die Premiere abzusagen, „dass wir so eine Aufforderung in Köln erleben“. Das allerdings ist nicht korrekt. So wurde die Uraufführung von Bela Bartoks Totschlagsdrama „Der wunderbare Mandarin“ in der Kölner Oper am 27. November 1926 vom Publikum mit Entrüstung quittiert - worauf Oberbürgermeister Konrad Adenauer den Oberkapellmeister Eugen Szenkar zur Rede stellte. Szenkar dazu in seinen Memoiren: Er „machte mir bitterste Vorwürfe, wie es mir eingefallen wäre, so ein Schmutzwerk aufzuführen und forderte die sofortige Absetzung des Werkes. Ich versuchte ihn von seinem Irrtum zu überzeugen. Bartok wäre unser größter zeitgenössischer Komponist, man möge sich nicht vor der musikalischen Welt lächerlich machen.“ Doch Adenauer blieb hart - die Inszenierung wurde abgesetzt. (EB)

03.10.01

"Abendlicher Bummel zur Kultur"

VON CHRISTIAN BOS, SUSANNE KREITZ UND STEFAN WORRING

Die „Erste Kölner Theaternacht“ war eine bundesweite Uraufführung, und mit 4000 abgesetzten Karten restlos ausverkauft. Was allerdings auch einigen Ärger einbrachte.

„Haben Sie den Woyzeck im Schauspielhaus gesehen?“, fragt die Dame in Abendgarderobe den älteren Herrn auf dem Platz neben ihr. Hinter ihnen stehen zwei Studentinnen, die Hände in den Halteschlaufen, diskutieren über den skandalheischenden Lärm um die „Corpus Christi“-Premiere im Theaterhaus. „Nächste Station: Arkadas-Theater“, ruft der Fahrer. Kulturträchtiger war Busfahren nie. Wir befinden uns in der Linie C der Kölner Verkehrs-Betriebe. Auf vier Theater-Strecken fahren die Busse die theaterbegeisterten Kölner im Zehn-Minuten-Takt durch die Nacht.

(...) Restlos ausverkauft, hatte sich Joe Knipp, Vorsitzender der veranstaltenden Kölner Theaterkonferenz, bei der offiziellen Eröffnung gefreut. 4000 Karten waren vergriffen, wer spontan auf Theatertour gegangen war, konnte nur das Flair auf der Straße genießen. Entsprechend hoch die Dichte der Kulturpendler. Die meisten hatten sich auf eine lange Nacht vorbereitet, die Älteren mit Regenschirm in der Hand, die Jüngeren gerne mit einer Flasche Kölsch. (...) „Wo ist denn hier die nächste Kneipe?“, fragte einer der Nicht-Vorbesteller vorm Proberaum des Rose-Theegarten-Ensembles in der Widdersdorfer Straße. Und musste einige hundert Meter durchs verlassene Gewerbegebiet laufen.

Wer nicht so schnell aufgab, kam dann zumeist doch noch ans Theatererlebnis. Denn schlaue Theaterbummler hatten sich alle Möglichkeiten offen gehalten und gleich für mehrere der knapp 100 Vorstellungen reserviert.

Ihre Aufgabe, mehr Appetit aufs Theater zu machen, dürfte die Nacht jedoch glänzend erfüllt haben. Im ARTheater trieb man es besonders dreist. Die glänzend gespielte Vorpremiere zum neuen Sex- und Drogenschocker „Der Penetrator“ trieb das ARTheater-Team bis zum Höhepunkt - einer der Akteure wartet schweißgebadet auf den Todesstoß mit dem Jagdmesser. Dann geht das Licht an, und Regisseur Andreas Robertz verweist verschmitzt auf die heutige Premiere.

Im Schauspielhaus erklangen ruhigere Töne. Lesungen aus dem Koran, aus den Texten des Hinduismus und Taoismus, Unabhängigkeitserklärungen, Zeitungsartikel und Internet-Beiträge zu den Terror-Anschlägen bildeten einen vielsprachigen Klangteppich, der gleichwohl beruhigend wirkte.

Einen anderen Appetizer hatte sich das Rose-Theegarten-Ensemble ausgedacht. Die Gruppe gewährte den Nachtschwärmern einen exklusiven Einblick in ihre Probearbeit. Auf die Anweisungen des Regisseurs Thomas Wenzel hin improvisierten die Schauspieler munter drauf los, näherten sich Szenen und Liedern. Um das Ergebnis zu sehen, muss man dann natürlich wieder regulär ins Theater gehen.

Dem Besucherandrang entsprechend schnell füllte sich auch das Opernfoyer zur Abschlussparty. Um die 1500 Menschen feierten das swingende Markus Reinhardt-Ensemble und die wohltönenden Stimmen des „ensemble six“. Die fröhlichen Brassband-Klänge von „Schräg“ schließlich animierten zum ausgelassenen Tanz durch die heiligen Hallen der Hochkultur.

03.12.2001

Ein gewaltiges Maß an Unkenntnis

VON CHRISTIAN BOS

Glücksspiel statt Förderung? Die Theaterkonferenz wehrt sich gegen den Plan des neuen Theaterbeirats, nur noch zehn Gruppen zu bezuschussen.

Der Streit war unvermeidlich: Am 14. November war der neugebildete Theaterbeirat zum ersten Mal an die Öffentlichkeit getreten und hatte die institutionelle Förderung von höchstens neun bis zehn Kölner Gruppen gefordert. Die Reaktion der Kölner Theaterkonferenz fiel gestern denkbar scharf aus. „Wer glaubt“, sagte der Vorsitzende der Theaterkonferenz Joe Knipp, „mit einer Zehner-Liste in Köln die freien und privaten Theater fördern zu können, eine Szene von 60 Theatern, die Hunderte von Künstlern bindet, zeigt ein gewaltiges Maß an Unkenntnis oder Zynismus.“

Man wüsste gerne, so Knipp, „welche Förderkriterien zur Absurdität einer solchen Liste“ geführt haben. Das sei keine echte Förderung, sondern eine Glückslotterie - 10 aus 59. Angesichts der drohenden Kürzung von 25 Prozent der Fördermittel fordert die Theaterkonferenz die Stadt auf, das neue Konzept so lange auszusetzen, bis es eine Bereitstellung ausreichender Geldmittel überhaupt ermögliche, inhaltliche und ästhetische Kriterien anzusetzen. Als sinnvolle, jährliche Fördersumme nannte Knipp fünf Millionen Mark. Die Stadt Hamburg fördert seine privaten Theater mit jährlich 17,3 Millionen Mark. Kölns freier Szene stehen - vor der geplanten Kürzung - 2,2 Millionen Mark zur Verfügung.

Gerade die Vielfalt der Theaterszene sieht Knipp als besondere Qualität der Stadt. Das Argument des Kulturdezernats, man müsse von der Gießkannenförderung Abschied nehmen, hält Knipp für „Augenwischerei“: „Eine Gießkanne hat es nie gegeben.“ Schon vor dem neuen Förderungskonzept hätten wenige Theater den Löwenanteil an Zuschüssen bekommen.

„Die Beiratsmitglieder“, meinte Knipp, „treten wie Jungmanager auf, die - ohne einen Betrieb von innen zu kennen - die Schließung von Filialen ankündigen.“ Einige der Beiratsmitglieder wären noch in keinem Kölner Theater zu sehen gewesen. Zudem kritisierte Knipp die Auswahlkriterien, nach denen der Beirat zusammen gestellt wurde. Vier der sieben Mitglieder seien vom Kulturamt vorgeschlagen worden. Der einzige - nicht stimmberechtigte - Vertreter der Theaterkonferenz musste sich, wie alle Mitglieder des Beirats zum Stillschweigen verpflichten. Diese Maßnahme soll die Unabhängigkeit des Beirats gewährleisten. Knipp hält sie für kontraproduktiv: „Klar gab es früher Verbandelungen, aber die waren bekannt. Jetzt läuft alles im Geheimen ab. Aber Verbandelungen gibt es wohl immer noch.“

21.02.02

"Zwischen Hoffen und Bangen"

VON OLIVER CECH, , 21:04h

Politik und Verwaltung gehen in eine neue Runde: Wird es mehr Geld für mehr Gruppen geben?

„Als gebrannte Kinder sind wir natürlich vorsichtig geworden“, sagt Joe Knipp, der Vorsitzende der Kölner Theaterkonferenz. „Was uns aber ernsthaft zuversichtlich stimmt, ist die Erfahrung, dass die Politik jetzt erstmals unsere Argumente aufgreift. Wir brauchen bei den freien Theatern einen Anschluss an die Fördersummen anderer Städte, sonst geht die Szene über kurz oder lang vor die Hunde. Und das hat die Politik jetzt begriffen.“

Zwischen Hoffen und Bangen schweben dieser Tage Kölns freie Theater. Knipps Optimismus in Ehren - was der Kulturausschuss am Mittwoch zur Förderung der freien Bühnen beschließen wird, weiß von den Theaterleuten niemand. Bis dahin ist dies: eine Übung in Optimismus.

Mit Abwicklung beschäftigt

Wie bedrängend die Lage für viele geworden ist, zeigt ein Blick auf Knipps eigenes Theater am Sachsenring. Nur zehn der bestehenden 49 freien Theaterhäuser und Gruppen Kölns sollten ursprünglich in den Genuss einer kontinuierlichen Konzeptionsförderung kommen; das Haus am Sachsenring gehörte nicht zu den Auserwählten. Damit stand man vor dem Ruin: „Dieses Theater wäre definitiv gestorben“, bestätigt Knipp. „Wir waren bereits mit der Abwicklung beschäftigt.“

So verzweifelt standen die Dinge für die Mehrheit der Theater, als auf der entscheidenden Ausschusssitzung am 22. Januar ein klassischer „deus ex machina“ auf die Bühne sprang. Im letzten Augenblick verkündete der kulturpolitische Sprecher der CDU Richard Blömer, seine Partei lehne das vorgelegte Konzept ab. In einem „finanziellen Kraftakt“ werde man versuchen, die Mittel für die Theater zu erhöhen. An Kulturverwaltung und Theaterbeirat ging der Auftrag, weitere zehn bis 15 Theater auszuwählen, die ebenfalls eine ständige Konzeptionsförderung erhalten sollen.

Wirklich ernst gemeint?

„Wir befinden uns in einer merkwürdigen Lage“, meint Volker Hein, Leiter des Horizont-Theaters. „Die Pläne zur Aufstockung der Fördersummen klingen natürlich großzügig, aber es fehlen eben die Details. Wir haben die Hoffnung, dass die Politik es diesmal wirklich ernst meint. Doch die Unruhe bleibt.“ Auch das Horizont-Theater wäre innerhalb des ursprünglichen Förderkonzepts - in den Worten von Kulturdezernentin Marie Hüllenkremer - „durch den Rost gefallen“. Von einem Inszenierungsprojekt zum nächsten hätte man um Einzelförderung kämpfen müssen, „und nur mit Projekt-Fördermitteln“, so Hein, „kann man ein Haus auf Dauer nicht erhalten“.

Inzwischen darf sich auch das Horizont-Theater wieder Hoffnungen machen - vor allem durch seine Leistungen im Bereich Kindertheater. Denn diese Sparte hat der Theaterbeirat zum Schwerpunkt erklärt. Zugleich aber hat er ausschließlich Ömmes & Oimel, dem bedeutendsten Kölner Anbieter der Sparte, eine Konzeptionsförderung zugesprochen. „Eine so große Stadt wie Köln“, meint dazu Klaus Schweizer, der Leiter von Ömmes & Oimel, „kann nicht durch uns allein mit Kindertheater versorgt werden.“ Gute Karten also für weitere Anbieter wie das Horizont und das Kölner Künstler Theater?

Die gleiche Ungewissheit herrscht auch in anderen Sparten. „Was meinte Richard Blömer, als er im Kulturausschuss von einem finanziellen Kraftakt sprach - eher 50 000 Euro oder eher 500 000?“ bringt Klaus Schweizer die Frage auf den Punkt. Wird man die Mittel für Konzeptionsförderung erhöhen oder jene für Projektförderung? Und was bleibt übrig vom Vorschlag des Theaterbeirats, durch gezielte Förderung von Spitzenleistungen das Niveau der Kölner Inszenierungen zu heben? „Wir haben seit Jahren in der gesamten Szene nicht die Möglichkeit gehabt, echte Spitzen zu produzieren“, wiegelt Joe Knipp ab.

Und er verbreitet Zuversicht für jedermann: „Wenn 10 bis 15 weitere Theater Konzeptionsförderung erhalten, dann ist allen geholfen. Denn die übrigen Gruppen lassen sich durch Projektförderung erhalten. Eine neue Hoffnung ist jetzt überall zu spüren. Sie gibt uns einen Schub, und plötzlich kommen einem die Kollegen wieder strahlend lächelnd entgegen!“

Blick auf die Nachbarn

Eine Anhebung der Gesamtförderung um 700 000 Euro hält Joe Knipp für sinnvoll - „in einem ersten Schritt“. Das wäre zwar bereits eine Verdopplung der bisherigen Fördersumme, aber klingt logisch, sollen doch jetzt doppelt so viele Theater gefördert werden wie ursprünglich geplant. Und - keineswegs unbescheiden - schaut man zum Vergleich auf andere Städte wie Stuttgart oder Frankfurt, die allemal ein Vielfaches an Mitteln zur Unterstützung ihrer freien Theater aufwenden.


08.02.03

"Zeichen der Versöhnung gesetzt"

VON SUSANNE KREITZ

Schauspieler spielten ohne Gage, um ehemaligen KZ-Häftlingen zu helfen.

Das Interesse hat die Organisatoren selbst überrascht. Zehn Vorstellungen, alle ausverkauft. Mehr als 30 Schauspielerinnen und Schauspieler von Bühne, Fernsehen und Comedy, die alle ohne Gage auftraten. Ein engagiertes Publikum, in dem auffallend viele junge Leute saßen.

10 000 Euro Reinerlös brachte die Lesung „Die Ermittlung“ von Peter Weiss im Dezember vergangenen Jahres, eine Initiative des Theaters am Sachsenring und des Regisseurs Hans Kieseier.

Am Freitag überreichten Joe Knipp vom Theater am Sachsenring und Regisseur Kieseler einen symbolischen Scheck an Felix Kolmer. Der 81-Jährige hat die Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz überlebt, ist Professor der Universität Prag und engagiert in zahlreichen Initiativen von NS-Verfolgten. Das Geld wird er weiterleiten an Auschwitz-Überlebende in Bjelorussland. Kolmer rief in Erinnerung, dass die Juden, die die KZ überlebt hatten, bei ihrer Heimkehr nichts mehr vorgefunden hätten. Politisch Verfolgte hätten zumeist noch eine Familie gehabt, die Juden waren ganz allein. Auch finanziell ging und geht es vielen sehr schlecht, in Mitteleuropa mehr als beispielsweise in den USA oder Israel, zumeist völlig mittellos seien die Überlebenden im Osten.

Einen Teil des Geldes bekommt der Jugendclub Courage, der damit eine Dokumentation mit Interviews von Auschwitz-Überlebenden veröffentlichen will.

10.04.2003

"Abreißen und neu bauen"

Von HARTMUT WILMES

KÖLN. Der Intendant war nach zwölf Minuten bedient. „Den Scheiß muss ich mir ja wohl nicht antun“, murmelte Peter F. Raddatz und verließ eilig das Kolpinghaus. Dicht gefolgt von Joe Knipp, Privattheater-Leiter und Sprecher der Theaterkonferenz. Da hatten sich beide bei der Podikumsdiskussion des Kölner Kulturrats zur Zukunft der Bühnen („Leitbild Kulturstadt Köln 2020“) schon einige halbstarke Vorschläge anhören müssen: Die Halle Kalk wird Zentrale des Sprechtheaters, das Schauspielhaus hingegen Filiale der Oper - dies war nach dem Motto „Unmögliches denken, um das Mögliche zu schaffen“ noch eine zahme Vision.

Meinhard Zanger, Chef des Kölner Keller-Theaters, sah in einer Kahlschlag-Kur unter anderem Entzug aller Zuschüsse, Konkurs der Bühnen, Abriss des Schauspielhauses und einen Neubau aus Ruinen vor. Ach ja, und ein Teil der dann irgendwann doch wieder fließenden Zuschüsse solle einem Fach „Angewandte Theaterwissenschaft“ an der Uni Köln zugute kommen. Und in stärkerem Maß der freien Szene, in der Gerhardt Haag (Bauturm-Theater) eine „wahnsinnige Selbstausbeutung“ beklagt.

08.05.03

"Verlogene Gesellschaft"

VON OLLVER CECH

Die Theatralisierung des Films ist Regisseur Joe Knipp glänzend gelungen.

(...) Das Ziel der Dogma-Filme - ist eine Disziplin, in der es das Theater mit dem Kino aufnehmen, es sogar übertrumpfen kann. Vorausgesetzt, die Regie überfrachtet ein Stück nicht mit Effekten.

Davon ist Joe Knipp weit entfernt, inszeniert mit souveräner Zurückhaltung. Auf fast leerer Bühne kann sich das Seelendrama frei entladen. Nackt und ungeschützt prallen die Figuren aufeinander, haben keine Möglichkeit, sich zu verbergen, die Schuld, die Scham, die Wut zu vergraben unter Utensilien. Unmittelbar sichtbar wird so die Verlogenheit einer Gesellschaft, die gar so gern feiern möchte und der entsetzlichen Wahrheit nicht ins Gesicht blickt, auch wenn sie längst den gesamten Bühnenraum ausfüllt.

Dass dieses Fest der Sühne „authentisch“ und darum kathartisch wirkt, ist den elf Schauspielern zu danken. Ideal besetzt scheint jede einzelne der elf Figuren; jeder einzelne der elf Akteure spielt auf hohem, teilweise auf höchstem Niveau. Überragend dennoch Richard Hucke, der sich in die Rolle des als Kind geschändeten Christian hineinfrisst mit selbstzerstörerischer Intensität. Ihre einzige Schwäche hat die Aufführung dort, wo sie sich ins Versöhnliche retten möchte, um das Publikum schließlich aus dem Schrecken zu entlassen - eine Erleichterung ist dies nach so viel Schmerz allemal.

09.12.03

Theaterpreis für „Das Fest“

Der Höhepunkt des Abends kam wie immer zum Schluss: Der Kölner Theaterpreis in Höhe von 10 400 Euro, gestiftet von der Stadtsparkasse Köln, dem städtischen Kulturamt und der BioFactory, ging diesmal an das Theater am Sachsenring für „Das Fest“ von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov in einer Inszenierung von Joe Knipp.

18.2.2004

"Gegen die Lüge des Scheins"

Kulturhauptstadt Europas 2010 zu werden, ist eine humanistische Aufgabe. In Köln bestimmt Glanz die Bewerbung. Die Voraussetzung für eine Kulturstadt indes ist der Beitrag der Kulturschaffenden

VON JOE KNIPP

Köln ist ein schlafender Riese, aber es gibt zu viele Zwerge, die ihn am Aufwachen hindern wollen. Deshalb muss Köln Kulturhauptstadt Europas werden. Wir haben das größte Entwicklungspotenzial. Daher sind zur Bewerbung viele freie Kulturschaffende zusammengekommen und haben, unentgeltlich wie immer, Papiere geschrieben. Dann kam eine Agentur, und schon ist mancher Gedanke kaum noch wiederzuerkennen. Köln - "Global Player" steht im Internet. Toll! Fehlt nur noch: Köln ist stückweit ne ,coole location'. Dazu dann die sicher schon geplante Galashow in der Kölnarena.

Ich habe einen Traum. Wie wäre es mit politischer Kultur, Fußballkultur, einer Kultur des respektvollen Umgangs, mit Kunst, die erregt und dem Publikum zugewandt ist. Das wäre doch etwas. Das Spiel als Idee, das Spielerische als Methode. Der Sinn: mündige Bürger in einer mündigen Stadt.

Wir sprechen von Menschen. Von ihrem Lebensgefühl, ihrer Lust an einer Stadt. Kulturhauptstadt zu werden, ist eine humanistische Aufgabe.

Die Realität ist Schein: glitzernde Models, die in blitzenden Karossen durch Glasstädte donnern. RTL und Bild, eine Industrie, die Kultur verbrennt. Maxime: Verwertbarkeit und Quote.

Ein anderer Bildausschnitt

Zuhause kichert der Fernseher über die Schau der Klone, die Superstars werden müssen, um wochenlang die Schlagzeilen mit Silikon zu füllen. Und dann noch: korrupte Politiker, eitle Karrieristen, Dummheit, Schadenfreude, Dschungelcamp. Auch davon ist Köln Hauptstadt. Und das wird schwer zu ändern sein, zumindest bis 2010.

Wir müssen den Bildausschnitt ändern. Der wird heute bestimmt durch die unmittelbaren Interessen der Industrie, der Werbewirtschaft und Pöstchenjäger. Sie führen zur Überschätzung des "Glanzes" und gleichzeitigen Geringschätzung einer über Jahre gewachsenen freien Kulturszene, selbstständig und authentisch. Diese findet in besagtem Bildausschnitt fast nicht statt. Der Kulturchef des Kölner Stadt-Anzeigers beklagt, dass Köln in der Bewertung der kulturellen Attraktivität nur auf dem sechsten Platz landet, und kommt nicht auf den Gedanken, dass sein Blatt auch etwas damit zu tun haben könnte.

Einfallslose Ästhetik

Trotz der journalistischen Ausblendungen und trotz der Journalisten, in deren Köpfen mehr als eine schräge Revue, ein bisschen Karneval oder eine Homestory nicht vorkommen, hat sich die freie Kultur behauptet, ja gestärkt.

Klar ist: Hätten sich die Kulturschaffenden nicht selbst bewegt, wäre hier schon lange der Ofen aus. Ein Beispiel: Ohne die Kölner Theaterkonferenz hätte es 2002 keine Mittelerhöhung gegeben, keine Konzeptionsförderung für 17 Theater, keine Theaternacht, keine übergreifende Bündnisse, keine Vielfalt im Kinder- und Jugendtheater. Es gäbe auch keine Inszenierung von Vinterbergs "Fest", (mit dem Theaterpreis 2003 ausgezeichnet), weil selbst das Theater am Sachsenring nach dem Willen der Verwaltung abgeschafft wäre.

Alles das hätte keinen Boden mehr. Dieser Boden aber ist die Mindestvoraussetzung für eine Kulturstadt. Sonst gäbe es den Schritt zurück in eine Zeit, in der es in Köln nur eine Handvoll Bühnen gab. Also hat die Politik begonnen, umzudenken. Die Stadt ist in der Pflicht, das kulturelle Leben in seiner Vielfalt zu finanzieren und es nicht immer wieder als "freiwillige Leistung" zur Verfügung zu stellen.

Was wir brauchen, ist ein "Kölner Modell" mit einem starken Zentrum städtischer Bühnen und einer Landkarte freier Theater, die Kreuzungen zwischen allen Wegen zulässt.

Sprechen wir zum Schluss noch über die Kunst. Die Zerstörung von Stücken, die Zerstörung von Zusammenhängen in der Kunst entspricht schon lange nicht mehr dem Geist der Zeit oder gar den Bedürfnissen des Publikums. Es ist arm zu denken, ohne Videoeinspielung gäbe es kein Theater mehr. Diese Ästhetik kopiert Werbesplitter, Reiz und Schock, sie ist eben nicht "modern", sondern einfallslos. Wir müssen uns der Lüge des Scheins, der Lüge der Attraktion des Augenblicks widersetzen. Köln als Medien-Dom wird keine Kulturhauptstadt. Vertrauen wir endlich auf die Stärken der Kunst, der Sprache, der Körperlichkeit. Vertrauen wir auf die Tradition des Spiels, der Verwandlung, der Zeremonie - eine Tradition, die Köln als Stadt schon immer beherrscht hat. Lasst uns auf Seele und Köpfe zielen mit der Kunst. Offenbach, Shakespeare und Molière bräuchten bitte heute noch ihre Chance, gerade in Köln.

Der Autor ist Chef des Theaters am Sachsenring und leitet seit drei Jahren die Kölner Theaterkonferenz. taz Köln Nr. 7287 vom 18.2.2004, Seite 4, 157 Zeilen (TAZ-Bericht), JOE KNIPP

Typisch Köln: statt eine Debatte zu führen, sitzt nach dieser Veröffentlichung manch einer auf dem Sofa und nimmt übel. Kulturbürokraten wehren sich gegen die Angriffe auf RTL, Politiker finden Kritik "unglücklich" und drei Damen aus der freien Szene, die sich zurecht angegriffen fühlen, treten aus der Theaterkonferenz aus.

Joe Knipp wehrt sich

ksta: 03.03.04

Joe Knipp, Vorsitzender der Kölner Theaterkonferenz, wehrt sich gegen Vorwürfe aus der freien Theaterszene. Der Artikel in der „taz“ (18. 2.) zur Kulturhauptstadt-Bewerbung stelle seine persönliche Sicht dar, schreibt Knipp in einer Stellungnahme. Er habe sich dort nicht „anti-modernistisch“ geäußert, sondern sich „gerade gegen den Dogmatismus des Zeitgeistes“ gewandt. Knipp hebt die politisch erfolgreiche Arbeit der Theaterkonferenz hervor, die zu einer „deutlichen Mittelerhöhung“ geführt habe und zu dem „klaren Bekenntnis: Vielfalt als Profil dieser Stadt, die freie Theaterszene als Trumpfkarte“. Dass ein Theater oder dessen Austritt unerheblich sei, habe er „nie behauptet“. Er fordere alle Theater auf, „die Diskussion zu suchen, statt ihr auszuweichen“. In der vergangenen Woche sind das theater-51grad.com, Angie Hiesl Produktion und das Inteata aus Protest gegen Knipp aus der Theaterkonferenz ausgetreten.

20.05.04

"Stimmen aus der Kölner Kultur: Brauchen Leute mit Visionen"

VON SUSANNE STAERK

Zunächst war ein langes Stöhnen zu hören. Dann erst kamen die Worte: „Nein!“ Fassungslosigkeit, Bestürzung. Auch Tränen. (...)

„Köln hätte es verdient gehabt“, bemerkte Joe Knipp, Vorsitzender der Kölner Theaterkonferenz. Man habe wohl nicht recht vermitteln können, welches „Entwicklungspotenzial“ Köln habe, spekulierte er angesichts des Votums der Jury. Es habe wohl eine Vision gefehlt, so Knipp, „da gab es ein Loch“. Es sei zwar gut gewesen, dass der Oberbürgermeister sich an die Spitze gesetzt habe; aber man hätte sich mehr auf die Künstler verlassen sollen. „Wir haben eine große Chance verpasst“, so Knipp. Man hätte künftig in kulturellen Belangen mehr Druck ausüben können. „Und es hätte Geld gegeben. Das hätten wir gebraucht.“

Kölner Stadtanzeiger

02.09.04

"Sturzflug oder Aufbruch?"

VON JOE KNIPP

Unsere Reihe erörtert Perspektiven und Prioritäten der Kulturstadt Köln.

Für Köln stellt sich mehr denn je die Frage: Sturzflug in die Zweite Liga oder Aufbruch? Nachdem die Mission „Kulturhauptstadt Europas“ schon in NRW scheiterte, überschlugen sich die Bekenntnisse zur Entwicklung der „Kulturstadt“ Köln. Besondere Betonung der freien Kultur, ein Kammermusiksaal, ein kompetent geführtes Kulturdezernat - Versprechen fielen freimütig. Dann kam, was kommen musste: Personalpolitik. Ein Kulturdezernent aus dem Hut gezaubert und wieder zum Verschwinden gebracht. Gelächter. Vorhang. Köln.

Nur wenn aus der Bankrotterklärung der Politik Schlüsse gezogen werden, wenn sich Kultur und Demokratie verbinden, kommen wir weiter. Nur dann. Dazu brauchen die Politiker Hilfe von denen, die sich auskennen; die Kulturschaffenden und Künstler selbst, ihre Sprecher müssen in die Entwicklung „Kulturstadt“ eingebunden werden. Ein wenig mehr direkte Demokratie kann auch in Köln nicht schaden, denn was wir brauchen, ist der Schritt vom Klüngel hin zu fundierten Entscheidungen, von Mutlosigkeit zur Kultur des Streits, vom Verwalten zu Inhalten. Sonst bleibt Köln die Pappnase der Republik.
(…)
In kaum einer anderen Stadt gibt es Theater, die sich in der ganzen Stadt verteilen, in unterschiedlichsten Räumen, mit unterschiedlichsten Ansätzen. Diese Vielfalt ist ein historischer Schatz. Ein Ergebnis von: „Wir leben das!“ - nicht als Bewerbungsmotto, sondern als Köln-typische Lebenshaltung.

Daran orientiert sich auch das Förderkonzept. Daher gibt es im Bereich Theater zu Recht keine „Betriebs“-, sondern die so genannte Konzeptionsförderung, die darauf schaut, dass Gruppen von Künstlern Kontinuität und Handschrift entwickeln können. Darunter fallen auch freie Gruppen ohne festes Haus. Da im Städtevergleich Köln aber in den Fördersummen bundesweit nach wie vor Schlusslicht ist, da die Gelder auf niedrigstem Stand eingefroren bleiben, sollten wir vor allem die Strukturen schützen. Die Förderung konzentriert sich im Augenblick auf 17 Theater (von zirka 50). Das ist wahrlich keine „Gießkanne“, sondern die Verhütung des Schlimmsten, nämlich des Absterbens einer lebendigen Szene. Für die Zukunft muss es darum gehen, den Künstlern freies Atmen zu ermöglichen, Planungssicherheit. Nur so wird sich Qualität entwickeln können.

Was wir brauchen, ist die Lust, mit der vor zwei Jahren die Bewerbung zur Kulturhauptstadt begann. Aus ersten Treffen verschiedener Sparten entstand ein reger Austausch, dann das KulturNetz Köln. „Kooperativen“ schlossen Experten freier und städtischer Kultur zusammen, die gemeinsam Konzepte schrieben. Dann kam, was kommen musste: Weder Musiker noch Theaterleute fanden ihre Ideen im Katalog „Colonia@Futura“ wieder. Da war sie wieder, die Sprache der Technokraten. Wer hatte sich eingemischt? Niemand konnte oder wollte Auskunft geben. Eine neue Runde: Klüngel schlägt Kultur. Damit muss Schluss sein.

Was wir nicht brauchen, ist, uns im Überlebenskampf gegenseitig totzubeißen. Was wir brauchen, sind Bündnisse. Die Kölner Theaterkonferenz, die als Zusammenschluss fast aller Theater in diesem Jahr 25-jähriges Bestehen feiert, spielt hier eine Art Vorreiterrolle. Die Grundidee, unter einem gemeinsamen Dach die Interessen des Theaters zu bündeln, die Dinge in die eigenen Hände nehmen, ist immer noch richtig und wirkungsvoll.

Nur gemeinsam erreichen wir mehr. Beispiele: enge Kooperation mit den städtischen Bühnen, gemeinsame Veranstaltungen, ein gemeinsames Plakat, die Anhebung der Gesamtfördersumme um 500 000 Euro auf 1,2 Millionen für alle freien Theater, in 2003 / 04 die Abwehr von Kürzungen. Außerdem binden Theaterbummel, Theaterfeste, Theaternächte (am 2. Oktober zum vierten Mal) unser Publikum, ermöglicht durch Partnerschaften mit der freien Wirtschaft (Ford, Stadtwerke). Der Arbeitskreis „Junges Publikum ins Theater“ (JuPiter), betreibt Theaterbörsen und ringt um Spielorte für die vielen Gruppen. In zirka zwei Jahren, wenn die Nutzung des geplanten Kinder- und Jugend-Theaterhauses Vondelstraße vielen dieser Theater zugute kommen wird, sind wir diesem Ziel ein großes Stück näher gekommen.

Wir brauchen eine Kultur der vielen Stimmen. Wir müssen Künstler und Publikum einander näher bringen. Wir müssen die Kulturstadt Köln als Prozess begreifen. Wir leben das - jetzt erst recht!

Bild: November 2005

Kluge Kölner Köpfe

Heute: Joe Knipp (Künstlerischer Leiter des Theaters am Sachsenring, Regisseur, Sänger)

"Kulturell spielt Köln bald nur noch 3.Liga"

Joe Knipp macht Theater. Erfolgreich. Noch. Gedanken über Bühnenförderung, FC und andere kölsche Grausamkeiten

BILD: Welches Theater in der Stadt jenseits aller Bühnen ist zur Zeit das
spannendste?

Joe Knipp: Die Stadtpolitik ist es auf keinen Fall. Daß die Koalition
geplatzt ist, ist doch keine Überraschung. Das spannendste Theater findet zur Zeit in den Straßenbahnen und den Brauhäusern statt.

Warum dort?

Wo Kölner sich treffen, kann man die oft strapazierte Liebe zu ihrer Stadt
hochkonzentriert erleben. Vor kurzem sah ich eine Runde älterer Damen beim Kölsch, die zusammen mit Leidenschaft ihrem Unmut über um sich greifende
Baustellen und über andere kölnische „Grausamkeiten“ Luft machten. Bei allem Ärger kann man dort aber auch erleben, daß es zum Schluß fast immer versöhnliche Töne gibt. Der Kölner an sich ist sehr geduldig und
leidensfähig, wenn es um seine Stadt geht.

Sie sind vor kurzem von Ihrem Amt als Vorsitzender der Kölner
Theaterkonferenz zurückgetreten. Warum ?

Das war für mich eine Frage der Ehre. Das neue Konzept zur Förderung der freien Theater ist eine schleichende Aushöhlung der Kölner Theatervielfalt und Kreativität. Man nennt diese Nebelkerze „Spitzenförderung“ und verteilt die geschrumpften Mittel hauptsächlich auf vier freie Bühnen. Die anderen bekommen den Rest oder gehen leer aus.
Die Konsequenz dieser Politik wird die Schließung der nicht als
förderungswürdig erachteten Bühnen sein. Eine Schande für die viertgrößte Stadt Deutschlands. Dann spielen wir kulturell nur noch in der dritten Liga.

(...)

über die 6. Theaternacht schrieb BRIGITTE SCHMITZ-KUNKEL in der Kölnische Rundschau:

04.10.06

Efeuumranktes Märchenschloss, Industriedenkmal, gigantisches Bühnenbild - alles auf einmal war das Heizkraftwerk am Zugweg in der 6. Kölner Theaternacht. Zum ersten Mal stellte Hauptsponsor Rheinenergie sein Jahrhundertwende-Schmuckstück in der Südstadt als Spielort zur Verfügung. Und statt es mit den ohnehin imposanten Räumen im Inneren der Gebäude gut sein zu lassen, hatte man als Überraschung die ganze Anlage mit Backsteingemäuer, Schornsteinen und Werksbrücken dank eines ausgetüftelten Lichtdesigns in intensiv bunte Farben getaucht - eine beeindruckende Szenerie, durch die die Theaterbesucher zwischen den Vorstellungen begeistert flanierten. (...)

Ein paar Straßen weiter stehen Leute Schlange vor dem Theater am Sachsenring. Im Café nebenan präsentiert das Ensemble gutgelaunt Ausschnitte aus verschiedenen aktuellen Brecht-Produktionen, unten im Saal lacht man über die köstliche BRD-Revue „Flower - Mauer - Adenauer“. „Unbedingt angucken!“ befinden zwei ältere Damen. Die einen kommen, andere gehen, viele sind unterwegs mit Fahrrad oder Bus-Shuttle. Ein Paar steht unter einer Laterne und sucht sich im Programmheft die nächste Vorstellung („In zehn Minuten Tanz in der Orangerie, das schaffen wir!“), wildfremde Menschen geben sich Tipps.

Überall ist es voll. Im Kabarett Eifelturm wollen Hunderte Moritz Netenjakobs „Dicke, freche, türkische Familie“ kennenlernen. Irgend etwas verpasst man immer, dafür entdeckt man vielleicht nebenbei eine freie Bühne oder ihr Veedel neu. Die Kölner Theaternacht macht nicht nur den Besuchern spürbar Spaß, sondern auch den Künstlern, die an diesem Abend ja zumindest finanziell nicht reich werden. Traditionell klingt die Nacht bei einer Party aus. Und nächstes Jahr am 2. Oktober ist wieder Theaternacht.

01.11.06

Freie Szene beunruhigt über Grüne

"Kulturnetz Köln" sorgt sich um städtische Zuschüsse in Köln.

VON MARTIN OEHLEN

Kölns freie Kulturszene ist beunruhigt über die Grünen. Grund dafür ist eine Frage von Barbara Moritz, der Fraktionsvorsitzenden der Grünen im Kölner Rat, auf dem "1. Kölner Kulturpolitischen Symposium": "Wie kommt es, dass die freie Kulturszene in Köln in früheren Jahren, als sie noch keine städtische Unterstützung erhielt, viel erfolgreicher war als heute?" In einem offenen Brief schreibt das Kulturnetz Köln, ein Zusammenschluss von Vertretern der freien Szene, diese Frage lege "die Vermutung nahe, dass Sie sich - unabhängig von der jeweiligen Haushaltslage - gegen eine Erhöhung des städtischen Zuschusses für die freie Kulturarbeit aussprechen". Zudem ließe sich aus dieser Fragestellung folgern, "dass Sie sich für eine Reduzierung bzw. Einstellung der städtischen Förderung für die freie Kulturarbeit aussprechen." Sollte dies tatsächlich die Auffassung der Fraktionsvorsitzenden sein, so Friederike van Duiven, Maria Spering und Joe Knipp vom Sprecherrat, dann "wäre dies ein offener Affront gegenüber allen Kulturschaffenden Kölns und ihrem Publikum". Axel Siefer, Schauspieler und Regisseur am Bauturm Theater, ergänzt: "Wenn die Politik nicht ganz einfach anfängt, die Kultur in dieser Stadt massiv zu stützen, wird die Kultur in dieser Stadt ganz einfach sterben."

In ihrer Erwiderung stellt Barbara Moritz fest, dass sie die Frage so provokativ formuliert habe, um eine Strukturdebatte auszulösen. Leider sei darauf niemand eingegangen. (...)

Im Gespräch räumt Barbara Moritz ein, es sei "beschämend", dass Köln mit seinem Kulturetat im Bundesvergleich nur auf Rang 27 liegt. Auch sei ihr bewusst, dass der Kulturetat in den vergangenen Jahren von sechs auf drei Prozent vom Gesamtetat halbiert worden sei. Ein Grund dafür, dass der Etat in anderen Städten höher sei - dies habe sie vom Deutschen Städtetag erfah- ren -, sei die starke Nachfrage der Bürger, also der Stadtgesellschaft.

Gewiss seien im Kulturbereich auch Fusionen zu prüfen. Im Opernbereich könnte dies etwa mit Bonn erwogen werden; auch schlägt Moritz einen Opernball vor, für den es ein Publikum in Köln gebe und auf dem man Sponsoren für die Bühnen gewinnen könnte. Aber auch einige Theater der freien Szene sollten erörtern, ob sie nicht besser dastünden, wenn sie kooperieren würden. Denn unterhalb einer gewissen Anzahl von Zuschauer-Plätzen rechne sich so ein Theater betriebswirtschaftlich nicht mehr.

22.02.07

"So etwas hat es seit 1979 nicht gegeben"

Kulturpolitiker feiern Kölns Kulturetat

Die Erhöhung um rund neun Millionen Euro im Haushalt 2007 kommt vor allem der Freien Szene der Stadt zugute.

VON MARTIN OEHLEN

Die "Trendwende" sei vollzogen und ein "Meilenstein" gesetzt. Dies stellten Hans Georg Bögner, der kulturpolitische Sprecher der SPD in Köln, sowie seine Kollegen Angela Spizig (Grüne) und Ulrich Wackerhagen (FDP) vor der Presse fest. Die Lobreden galten der Erhöhung des Kulturetats in diesem Jahr, für die man sich - so Bögner - "in langen Nächten und vielen Telefonaten" stark gemacht habe.

(...) Nach Ansicht von Lothar Theodor Lemper (CDU) ist die Mittelerhöhung dringend notwendig gewesen, um "die einzigartige Landschaft freier Kultur in Köln" zu stabilisieren und auszubauen. Nach Ansicht des Vorsitzenden des Kulturausschusses sind die rund 50 freien Theater ein gutes Beispiel für die Vielfalt der Szene - aber auch für deren Notlage. Defizite seien hier im Rahmen der Aufstockung des Kulturetats auszugleichen. Weiter regt Lemper an, die "Zukunftsfelder" Bildung und Kultur enger zu verbinden. Projekte, in denen Künstler und Schulen zusammenfinden, seien besonders zu unterstützen. Er wolle sich einsetzen für Partnerschaften zwischen Theatern und Schulen.

Künstler und Kulturschaffende seien keine Bittsteller, meint der Kulturausschuss-Vorsitzende, sondern Partner. Die Unterstützung ihrer Arbeit "ist eine geistige Anschubfinanzierung für die ganze Stadt". Dabei warnt Lemper davor, die Nachfrage zum Maß aller Dinge zu machen: "Auch wenn Besucherzahlen und Einnahmen zu sichten sind, so geht es in erster Linie nicht um Betriebswirtschaft, sondern um künstlerische Qualität."

Lemper stellt fest, dass SPD und Grüne zunächst "verärgert" auf die Ankündigung einer Erhöhung reagiert hätten. "SPD und Grüne versuchen, sich jetzt an die Spitze einer kulturpolitischen Bewegung zu stellen, die sie zunächst monatelang massiv behindern wollten". Bedenklich sei, dass Hans Georg Bögner, der kulturpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, "jetzt schon wieder Vorbehalte äußert, auch im nächsten Jahr einer weiteren Steigerung des Kulturetats zuzustimmen". Wenn SPD und Grüne diese "von der finanziellen Entwicklung Kölns abhängig machen, widerspricht dem die CDU-Fraktion vehement". (ksta)

"Wir sind keine doofe Stadt"

Kulturdezernent Quander löst in der Debatte um Kunstfreiheit Proteste aus

Eine Diskussion zur Freiheit der Kunst entwickelt sich überraschend heftig.

VON CHRISTIAN BOS

Es ging hoch her am Dienstagabend im Erfrischungsraum des Kölner Schauspielhauses. Schauspiel-Chefin Karin Beier hatte zur Diskussion über die Frage "Was darf die Kunst?" geladen. Statt dieser eher philosophischen Aufgabenstellung auf den Grund zu gehen, stritten sich die Diskutanten jedoch über eine ungleich spannendere Frage: "Was erlauben Köln?", um es mit Giovanni Trapattoni zu sagen.

Hintergrund war das Verbot, das die Stadt Köln gegen das Plakat zu Beiers Eröffnungsinszenierung "Die Nibelungen" ausgesprochen hatte. Das Plakat, das eine an den Händen gefesselte Frau zeigt, der man eine blaue Plastiktüte über den Kopf gezogen hat, hing - unzensiert - im Erfrischungsraum. Beier betonte zu Anfang, dass sie das Plakatverbot zwar für eine Petitesse erachte, dass sie sich aber über den sehr niedrigen Punkt, an dem hier Zensur ansetze, wundere. "Wir müssen das Risiko eingehen, Anstoß zu erregen, Diskussionen auszulösen."

Kölns Kulturdezernent Georg Quander wollte unterschieden wissen zwischen dem, was die Kunst dürfe, und dem, was ein Plakat dürfe, das eine künstlerische Veranstaltung bewerbe. Eine Unterscheidung, die Karin Beier als "akademisch" abtat: "Wir wollen ja in den öffentlichen Raum hineinwirken." Gerhart R. Baum, Rechtsanwalt und ehemaliger Innenminister, stützte die Auffassung der Intendantin. Unter der im Grundgesetz verankerten Kunstfreiheit falle auch das Plakat, mit dem für Kunst geworben werde. "Es gibt keinen Grund, das Plakat nicht zu zeigen."

Stadtdirektor Guido Kahlen, der das Verbot ausgesprochen hatte, verteidigte seine Entscheidung vor allem mit dem Jugendschutz. 90 Prozent seiner Bekannten, denen er das Nibelungen-Plakat zeigte, hätten ablehnend reagiert. Man hätte, so Kahlen, das Plakat in den Schulen diskutieren müssen. Doch wäre die Hängung in die Schulferien gefallen. Ein überraschendes Argument. Schließlich, so klärte Beier später, war das Verbot mit den Adjektiven "geschmacklos" und "gewaltverherrlichend" ausgesprochen worden.

An dieser Stelle schaltete sich Kasper König, der Direktor des Museum Ludwig, in die Diskussion ein. "Ja, glauben Sie denn, dass diese Kinder nicht ferngesehen haben", wandte er sich an Kahlen. Die Befindlichkeitsattitüde, dass der Stadtdirektor ein Plakat in seinem Bekanntenkreis zeige, sei völlig undemokratisch.

König hat selbst Erfahrungen mit Plakatverboten. So wurde das ursprünglich vorgesehene Motiv zur Matthew-Barney-Ausstellung 2001 von der Stadt abgelehnt. Das Plakat zur Ausstellung "Das achte Feld" - es zeigte ein Bild Wolfgang Tillmanns, auf der der Künstler einem sonst unbekleideten Mann unter den Schottenrock fotografiert hatte - hatte Quander 2006 als "Pornografie" untersagen lassen. Nochmal, so König, werde er solche Verbote nicht dulden.

Dann wurde der Museumsdirektor heftig: "In dieser beschissenen, verkackten Stadt will niemand für die Kultur einstehen." Das gelte auch für den Kulturdezernenten. "Ich habe diese Entscheidung gefällt, weil ich für die Kultur einstehe", verwahrte sich Quander. "Unglaublich, dass die Zensur sich als Bewahrer der Kunst aufspielt", konterte König. Baum erinnerte an die 60er Jahre, "da war Köln überzogen von provokativer Kunst". Es stelle sich die Frage, warum die Jugend denn überhaupt vor provozierender Kunst geschützt werden müsse.

Nun wandte sich ein Mann im Publikum an Georg Quander: "Ich hätte von ihnen erwartet, dass sie die Schultern breit machen und sich der Diskussion stellen. Köln hat es nicht verdient, so kleingeistig verwaltet zu werden. Auf Grund dieser Mentalität sind wir in die Provinz abgerutscht."

Worauf Quander antwortete, dass sich seiner Einschätzung nach in Berlin niemand über das Nibelungen-Plakat aufgeregt hätte. "Aber der Horizont ist in Köln wahrscheinlich ein Stück kleiner als in Berlin." Eine Äußerung, die zu Unmut im Publikum führte und Kasper König zum Zwischenruf "Unverschämtheit, Sie Apparatschik!" animierte. "Ich bin empört von ihrer Arroganz, wir wären hier eine kleine, doofe Stadt", schickte König hinterher. Was Quander mit "Machen Sie sich doch nicht lächerlich" quittierte.

Sommer 2007