PEER GYNT - von Henrik Ibsen - deutsch von Christian Morgenstern - Theaterfassung und Inszenierung: Joe Knipp

Peer Gynt
Peer Gynt - Premiere: 26. September 2013

mit Richard Hucke, Jennifer Tilesi Silke, Signe Zurmühlen

Wer ist Peer Gynt? Ein junger Mann, der nicht weiß wohin mit seiner Kraft, seinem Übermut… Nur seine Mutter liebt ihn unerschrocken und - ohne Einschränkung. Wir sehen eine Geschichte über das Krafthaben und Älterwerden - mit Peer, Solveig und den Trollen, dem Untergrund, dem Unsichtbaren. Hüpft da nicht der Hase aus Alice im Wunderland über die Szene? Ein wunderbares Stück Abenteuer.

Die Rundschau schreibt: "Peer Gynt fängt - unsichtbare - Fliegen. Sind es die Flausen in seinem Kopf, der die fantastischsten Lügengeschichten gebiert? ... Joe Knipp... fächert einen fantastischen Bilderbogen mit rasant wechselnden Szenen auf... zwei Stunden pralles, sinnliches Theater..."(KRundschau)

Peer Gynt bei den Trollen
Peer Gynt bei den Trollen

Die Trolle mit den komischen Hüten, wir kennen sie. Sie machen sich Sorgen um ihren Bestand. "Mit uns geht's die letzten Jahre zurück, wir haben den Halt, sozusagen, verloren" - da kommt Peer gerade Recht. Er bekommt noch einen Sonntagsschwanz und das Motto: "Troll, sei dir selbst genug"! So lässt sich's leben. Oder?

Die Welt ist aus den Fugen. Für Peer bleiben Schalen ohne Kern, sein Leben entblättert sich Schicht um Schicht, wie die Schalen einer Zwiebel. Solveig, die Frau, die auf ihn wartet, tröstet ihn: „Schlaf, schlaf und träume." Der Rest ist Schweigen. Peer Gynt - wütend, melancholisch, ein Spieler, der Hamlet des Nordens. Peer Gynt, der "Ich-Verwirklicher" zieht aus, um seine hoch fliegenden Träume in Macht und Reichtum zu verwandeln. Er kehrt zurück und endet in den Armen der Frau, die ihn liebt.

"Ja, und Lügen kann man drehen,
Wenden und mit Putz benähen,
Bis von ihrem magren Bauch
Nichts vor Flicken mehr zu sehen."

Aase in "Peer Gynt"

Richard Hucke und Jennifer Silke in PEER GYNT

Theaterkritiker Andreas Kohl schreibt: "Die Bühne ist ein schwarzer Guckkasten, dessen Frontalität durch Auftritte durch den Zuschauerraum durchbrochen wird, so dass das ganze Theater immer wieder als Theater deutlich wird und so immer klar gemacht wird, dass die da oben und vor der Bühne auch von der Lust am Theatermachen erzählen, davon, fast wie Kinder in Rollen zu schlüpfen, Geschichten zu erzählen, Späße zu machen und urplötzlich so ernst zu werden, dass es einen ins Mark trifft, ins Mark des Lebens." (ganze Rezension weiter unten)

Autorin Hanna Laura Noack lobte das Theater am Abend der Premiere in höchsten Tönen, zeigt sich äußerst beeindruckt von der Umsetzung des Stoffes, von der Inszenierung auf der kleinen Bühne des TAS und verglich das Gesehene in seiner Kraft mit der legendären Inszenierung Peter Steins an der Berliner Schaubühne.

Musiker Stephan Langenberg schreibt: "Das Beste was ich seit langem im Theater gesehen habe! Kurzweilig, lustig, phantasievoll und den Tiefsinn erst im Nachhinein verarbeiten können. Man fühlt sich geistig rundum gut genährt und gesättigt - sehr empfehlenswerte 2 Stunden konzentriertes Theater mit beindruckenden Schauspielern"

Der Kölner Stadt-Anzeiger: "Überhaupt zeichnen Verknappung, Schnelligkeit und Humor Joe Knipps Inszenierung aus."

Ibsens PEER GYNT im Theater am Sachsenring

Peer Gynt - Premierenkritik in der Kölnischen Rundschau vom 28. September 2013 - zum vergrößern anklicken

Reise durch den Gedankenkosmos - Peer Gynt im TAS - Rezension von Andreas Kohl (Auszüge)

Signe Zurmühlen, Jennifer Silke und Richard Hucke in Ibsens PEER GYNT

Joe Knipp beginnt die Spielzeit am Theater am Sachsenring mit Ibsens 'Peer Gynt'

Peer ist ein Fliegenfänger, eine Mischung aus Parzifal, Hamlet und Kraftmeier, ein Weiberheld, Träumer und Geschichtenerzähler. Einer, der sofort packt, so sympathisch, leicht weltvergessen, wie ihn Richard Hucke spielt, ... dass man ihm am liebsten jede seiner verrückten Geschichten glauben möchte. Manchmal ist er ein Clown und manchmal dauert er einen wie Woyzeck...

Die junge Jennifer Silke ist Aase, Peers Mutter, die mit ihm keift als wäre er der Ehemann. Dann aber erliegt auch die Mutter Peers Charme, der sie umgarnt, als wäre sie die Frau, der gerade sein Herz gehört.

Spätestens dann nimmt diese rundum gelungene Inszenierung Fahrt auf und hat mit der Dritten im Bunde des glänzend aufgelegten Schauspielertrios, Signe Zurmühlen, bereits den ersten komschen Höhepunkt des unterhaltsamen aber eigentlich nie oberflächlichen Theaterabends. Die ist sozusagen kostümgleich (Hannelore Honnen mit zum Teil sehr kunstvollen aber in der Schnörkellosigkeit der Inszenierung ebenbürtigen Kostümen) Schmied Aslak und als Dritte im Bunde Symbol für das Fest, das Peer nach Mutters Standpauke mit Kuscheleinlagen besucht...

Mit zwei Lichtleisten, die an die Lampen an Spiegeln in Theatergardeoben erinnern, macht Regisseur Joe Knipp mal eben aus dem Publikum im Zuschauerraum die Festgemeinde. Eine analoge Lichtleiste an der Bühnendecke markiert die Trollwelt. Alles ist Schein, alles ist Leben, alles ist Phantasie, alles ist Theater. Das ist die Marschrichtung des Abends, der auch in den engen Grenzen des Theaters ganz großes sozusagen armes Theater zeigt und neben Peers Geschichte in einer Welt aus den Fugen - wie nah bei uns heute - auch mmer wieder über Theater und die Lust am Theatermachen erzählt.

Verliert man sich bei der Lektüre des Stücktextes, ...muss sich die Geschichte sozusagen in den Versen erkämpfen, erzählen die Menschen vom TAS ganz karg und damit klar und damit stringent den im Programmflyer angekündigten rasanten Blderbogen, ein Spiel, eine Reise durch die dichte, emotionale, absurde und komische Szenen.

Dabei müssen Peers Antipodinnen zuweilen regelrecht Schwerstarbeit an Typen- und Kostümwechseln leisten, ihr Hans im Glück (so darf das "Hänschen klein"-Lied auch später nicht fehlen) muss diesen Parforceritt nicht leisten, hat mehr Raum für Emotion und Tiefe. Dass dabei gelegentlich auf Teufel komm raus chargiert wird, darf aber nicht stören, zumal der Regisseur seinen beiden Darstellerinnen als Solveig und als Knopfgießer/Tod/Teufel dann den Raum gibt, der zeigt, dass sie eben auch starke Schauspielerinnen sind.

... Joe Knipp hat nun diesen in Gänze kaum spielbaren Text klug zusammengestrichen, die überbordenden Szenen auf ihren Kern reduziert, damit aber ganz viele, feine Theatermittel eingesetzt, die die Geschichte klar und direkt zupackend erzählen, wobei man sich zuweilen nicht nur in punkto Slapstick und Chargieren an bestes Volkstheater erinnert fühlt, ohne dass deswegen die Dialoge untergehen, die Tiefe und Emotion haben.

Peer ist einer, der immer schon weg ist, bevor er eigentlich ganz da war, von zu Hause zu den Trollen, von den Trollen zu Solveig, von Solveig in den Wald, vom Wald zurück zur Mutter, die er sterbend in den Armen hält.

Aase, die Mutter, ist auch Solveig, die junge Frau, die ihn liebt, aber erst nicht will, weil sein Ruf so schlecht ist, ihn sozusagen, wie der Tod der Mutter am Ende des ersten Teils in einer rührenden Szene, auch hinaustreibt in die Welt. Da wird der auch laute Peer ganz still und in einer umgekehrten Pieta hält er die sterbende Mutter im Schoß, die ihren Atem aushaucht, während er nicht ganz wahrhaben möchte, was da gerade passiert und nichts davon hören will, dass da ja schon wieder eine ist, die ihn liebt. In dieser Szene kann man im Publikum eine Stecknadel fallen hören. ... Und all diese Frauen verbindet die Schauspielerin der Aase und Solveig...

Ja, so geliebt, zieht Peer in die Welt, wird reich, verarmt, wird bestohlen. Ein Kabinettstückchen, der bei Ibsen für die Szene geplante Untergang von Peers Schiff... - wird mit Echokommentaren aus dem Fond des Zuschauerraums unterlegt, die fast in Comicmanier beschreiben, was geschieht. Das ist ganz großes Theater in der Vielfalt der kargen Mittel.

Peer begegnet den Affen, die sich in Tänzerinnen und Anitra verwandeln, wieder eine Frau, die Peer umgarnt. Köstlich der leicht gockelige Weiberheld Peer, dem man aber seine Liebe zu den Frauen abnimmt, man fühlt sich schon fast an Truffauts tragischen Mann, der die Frauen liebte, erinnert, der sich in seiner Sehnsucht zu Tode verzehrt, weil es ihn so gelüstet, verführt zu werden. Peer andererseits ist aber dann wieder zu toll, wie mit den Trollen. Ja, den Konsequenzen weicht der Prinz Peer, der auch ein Hans im Glück ist, lieber aus, vor allem wenn sie zu schmerzhaft sind oder scheinen.

Der Kargheit und der Größe der Bühne - die Lichtstimmungen leuchten eher heller, denn zurechtgedimmt, schattenspielartig an der Bühnenrückwand, aus was nötig ist, dienen aber dem Ganzen - entsprechen die verwendeten Mittel an Requisite und vor allem Bühnenbild. Die Bühne ist ein schwarzer Guckkasten, dessen Frontalität durch Auftritte aus der vor der Bühne liegenden Fluchttür und durch den Zuschauerraum hindurch durchbrochen wird, so dass das ganze Theater immer wieder als Theater deutlich wird und so immer klar gemacht wird, dass die da oben und vor der Bühne auch von der Lust am Theatermachen erzählen, davon, fast wie Kinder in Rollen zu schlüpfen, Geschichten zu erzählen, Späße zu machen und urplötzlich so ernst zu werden, dass es einen ins Mark trifft, ins Mark des Lebens. Überhaupt ist das die große Kunst von Joe Knipp, der keinen großen oder experimentellen Regieansatz verfolgt, sondern einfach jede Geschichte schlicht und mit direkten Mitteln erzählt und so ständig die Tempi wechselt, dass der Rezensent kaum zum Mitschreiben kommt und das Mitgeschriebene nachher kaum lesen kann.

...In den ständigen Rollenwechseln der beiden Darstellerinnen und im Spiel von Peer geht keine Symbolebene verloren, keine Bedeutungsebene wird platt eingeschränkt, es tun sich vielmehr immer wieder ganz offene, neue Assoziationen auf und die starken Striche bedankt man als Zuschauer am Ende - mit einer Pause - auch mit geistiger Frische. Und dann immer wieder diese Hände des Peer. Sie sind groß, sie sind wuchtig. Peer benutzt sie zuweilen als könne er kaum glauben, dass er solche spielenden und tanzenden Hände besäße, als wären diese so feinfühlig wirkenden Pranken gar nicht seine.

Ich erinnere mich noch gut, dass ich nach Karin Baiers 'Peer Gynt'-Inszenierung 2009 ziemlich erschöpft war. Im Theater am Sachsenring war ich es nicht, sah ich dem weißgesichtigen Teufel/Tod/Knopfgießer - dem roten Faden des zweiten Teils - zu, der die singende Solveig dabei beobachtete, wie sie ihren Peer in den Schlaf sang, in den Tod?, ihn tröstete, diesmal in einer rollengerechten Pieta, Peer in Solveigs Schoß, vielleicht in die ewige Sehnsucht, besungen mit dem Sandmannlied des DDR-Fernsehens, ein Anklang an Kindertage.

...das was bleibt ist nicht nur Schweigen, obwohl es auffallend lange im Zuschauerraum ruhig bleibt, bis begeisterter Applaus die Schauspieler für ihre Leistung belohnt.

... Im Stück sind gegen Ende alle alt geworden, Solveig, der Knopfgießer und Peer. Bei Knipp bleiben sie jung, vielleicht eine Metapher dafür, dass Jungbleiben und Älterwerden, nicht nur bei den Trollen, keine Frage des reinen Alterns, sondern der Lasten sind, die einem die Erfahrung und das Leben auf die Schultern laden. Immer bleibt die Inszenierung in ihrer direkten Art so in der Schwingungsschwebe der Bilder und Assoziationen, dass der Reichtum des Textes nicht durch vordergründige Aktualisierung oder Politisierung eingegrenzt, sondern man im eigenen Kopf ein Feuerwerk der Fantasie zünden kann.

Jedenfalls sollte man sich diesen PEER im Theater am Sachsenring unbedingt ansehen.