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Mann ist Mann

Der Blutige Fünfer in Bedrängnis
(Deppe)

Soldatin Uriah führt die Truppe (rechts, Fotos: Weimer)

Die Geschichte von einem der auszog einen Fisch zu kaufen...

Lustspiel von Bertolt Brecht

Musik: Paul Dessau

Musikalische Leitung: Albrecht Zummach

Inszenierung Joe Knipp

mit Marietta Bürger, Hans Peter Deppe, Gracias Devaraj, Richard Hucke, Kerstin Kramer, Frank Meyer

"Das kontinuierliche Ich ist eine Mythe. Der Mensch ist ein immerwährend zerfallendes Atom. Es gilt zu gestalten was ist." Bertolt Brecht 1925

Der einfache Packer Galy Gay will auf dem Markt einen Fisch kaufen und wird von seiner freundlichen Frau vor den Fischweibern und den Soldaten gewarnt.
Umsonst.

Bei einem Raubüberfall auf eine Gelbherrenpagode verliert eine Maschinengewehrabteilung ihren vierten Mann, Jeraiah Jip. Uria Shelley, Jesse Mahoney und Polly Baker suchen einen Ersatz und finden Galy Gay.

"Das ist ein Mann, der nicht nein sagen kann!"

Marietta Bürger als Begbick

Galy Gay wird aufgehalten, hilft einer Frau tragen, bekommt statt des Fisches eine Gurke, wird in den Soldaten Jeraiah Jip verwandelt, erhält Bier und Zigarren, verkauft einen falschen Elefanten, wird verhaftet und erschossen, hält seine eigene Grabrede und zieht in den Krieg, der vorgesehen war.

Ein harmloser Spaß wird zur Falle. "Man muss ihn noch mehr mit dem Tode bedrohen". Die Schrauben werden angezogen. Die Geschichte endet mit der erfolgreichen Umwandlung eines Mannes in einen anderen Mann, in eine menschliche Kampfmaschine.


Im zwanzigsten Jahr des Theaters am Sachsenring, zum fünfzigsten Todestag Brechts, genau achtzig Jahre nach der Uraufführung von "Mann ist Mann",

schreibt der Kölner Stadtanzeiger über die Inszenierung im TAS eine Kurzkritik:

Brechts Mann

Richard Hucke mit Frank Meyer und Kerstin Kramer (Foto: wow)

Nicht ganz fein die feine Art: Einen Menschen zu manipulieren, ihn vom Hafenarbeiter zum Soldaten "umzubauen". Doch wer so unbedarft ist wie Galy Gay in Brechts Lustspiel von 1925 und sich ein Stück Stoff für einen Elefanten und letztlich ein X für ein U verkaufen lässt, der ist auch ein wenig selbst schuld. "Mann ist Mann" - ein erwachsener Mensch sollte schon irgendwann einmal begreifen, wo der Bartel den Most herholt. Freilich gibt Brecht das Einzelschicksal Galy Gay nicht einfach der Lächerlichkeit preis. Dieses Stück ist mehrdimensional, ist Komödie, Moralstück und Groteske. Seine Tiefe lotet Joe Knipp in seiner Inszenierung im Theater am Sachsenring mit viel Liebe zum Detail aus. Eine wichtige Rolle spielt die Musik von Paul Dessau, Gitarre und Gesang, Kommentar zum Geschehen wie die Arie in der Oper. Das Sechs-Personen-Ensemble (Marietta Bürger, Hans Peter Deppe, Gracias Devaraj, Richard Hucke, Kerstin Kramer und Frank Meyer) agiert bewegungsfreudig, charaktervoll und hinreißend komisch. Es zelebriert ein Lustspiel, das Lust macht, ins Theater zu gehen. Am Ende doch ganz die feine Art. Zu Recht kräftiger Premierenapplaus. (peb)


Über "MANN IST MANN" im TAS

Birgitt Schippers im Dom Radio 7. 11. 06

O-Ton:
Galy Gay: „Liebe Frau, ich habe mich entschlossen heute, entsprechend unserem Einkommen, einen Fisch zu kaufen.“

Galy Gays Frau: „Aber nimm dich vor den Fischweibern in Acht, denn sie sind lüstern und auf Männer aus – und du hast ein weiches Gemüt, Galy Gay. Und dann sind da noch die Soldaten, die die schlimmsten Menschen in der Welt sind. Bestimmt stehen sie wieder auf dem Markt herum und man kann froh sein, wenn sie nicht gerade einbrechen (…)“

Galy Gay: „Einem armen Packer vom Hafen werden sie nichts tun…“

Schön wär’s gewesen, wenn der friedfertige Packer Galy Gay Recht behalten hätte. Doch seine Frau war realistischer. Gutmütig wie er ist, hilft er einem Marktweib und bekommt dafür eine Gurke als Fisch verkauft, ohne sich zu wehren. Und es kommt noch schlimmer. Eine britische Maschinengewehrabteilung hat nach einem illegalen Raubüberfall auf eine „Gelbherren-Pagode“ einen Mann verloren, den sie unbedingt ersetzen müssen, wenn sie nicht vor das Militärgericht zitiert werden wollen. Da treffen sie auf Galy Gay.

O-Ton:
Soldaten: „Das ist unser Mann! Einer der nicht ‚nein’ sagen kann.“ (…)

Skrupellos nützen sie seine Gutgläubigkeit aus und überreden ihn, sich bei einem Appell als ihren vierten Mann ‚Jeriah Jip’ auszugeben. Dann aber will der treuherzige Galy Gay wieder nach hause zu seiner Frau. Die vierköpfige Soldateneinheit will ihn aber nicht gehen lassen, geben ihm Zigaretten und Alkohol und bringen ihn, den Packer Galy Gay dazu, einen Elefanten zu verkaufen, der ihm nicht gehört. Eine Falle. Diese Aktion endet in der vermeintlichen Erschießung des Packers Galy Gay. Als ‚Jeriah Jip’ aber nun, soll er seine eigene Grabrede halten:

O-Ton:
Uriah, die Soldatin: „Kamerad Jip, deine Leichenrede!“

Galy Gay: „Hier ruht Galy Gay, ein Mann, der erschossen wurde. Es war kein großes Verbrechen, das er beging, der ein guter Mann war. Und man mag sagen, was man will – und eigentlich war es ein kleines Versehen – und ich war auch zu sehr betrunken, meine Herren, aber Mann ist Mann und deshalb musste er erschossen werden.“

Als ‚Jeriah Jip’ lässt sich der gutmütige Packer Gay zu einer menschlichen Kampfmaschine ummontieren, der sich anschickt eine tibetische Stadt zu erobern.

O-Ton:
Galy Gay: „Heraus aus dem Wagon, hinein in die Schlacht. Das gefällt mir. Eine Kanone verpflichtet. Ich will zuerst schießen. Da hält was auf. Das muss doch weg. Jetzt höre ich den Marschtritt der Armee. Ich bin es! Einer von Euch! Jeriah Jip!“

O-Ton
Joe Knipp: „Ich kann mir vorstellen, andere Regisseure hätten bestimmt sämtliche Kriegsszenarien per Video-Projektion noch eingespielt. Ich kann mich da, das mache ich sowieso gerne, auf den Text verlassen, den Brecht geschrieben hat. Es ist eben so, wenn man sich nicht seiner bewusst ist, keine ‚Haltung’ hat, dann landen vielleicht nicht nur einer, sondern auch viele Menschen da, wo sie nie hin wollten. Und wir befinden uns im Moment in einer geschichtlichen Situation, in der viel zu viele still halten, schweigen, nichts tun.“

Regisseur und Theaterleiter Joe Knipp schafft es, ein an sich sprödes Stück, witzig und unterhaltsam zu inszenieren, ohne dass die Tiefgründigkeit verloren ginge. So verblüffend einfach und unwiderstehlich wie die Mechanismen des Lebens, so ist auch das Bühnenbild. Quer durch das Publikum geht ein Laufsteg, auf dem die Soldateska marschiert. Die Pagode auf der Bühne ist ein Bretterverschlag, der durch ein kleines Schild als Tempel markiert wird. Und der Elefant ist ein Leinentuch, das von einem der Soldaten wie eine Marionette mit Stöcken bewegt wird. Ein menschliches Puppentheater wird vorgeführt – mit erschreckenden Folgen.

O-Ton: Song: „Ach Tom bist du auch bei’r Armee, bei’r Armee, denn ich bin auch bei’r Armee, bei’r Armee, wenn ich so’n altes Huhn wiederseh’, dann bin ich wieder gern bei’r Armee, (…)

Tief beeindruckend in ihrer Intensität und Wandlungsfähigkeit ist Marietta Bürger, die sowohl in die Rolle der Frau des Packers, wie Fischweib oder Marketenderin schlüpft und die Unerbittlichkeit des Daseins mit einem feinen, disziplinierten Augenzwinkern vermittelt. „Mann ist Mann“ ist ein unbedingt sehenswertes Theatererlebnis am Theater am Sachsenring, das dieses Jahr sein zwanzigjähriges Jubiläum feiert und sein Publikum auch mit seiner jüngsten Produktion begeistern konnte.

O-Ton: Song: „Denn Mann ist Mann und darauf kommt’s an (…)“