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Lieblingsmenschen

Lieblingsmenschen
Daniel Mutlu und Sandra Marmulla in "Lieblingsmenschen"

von Laura de Weck
ab 2008

Inszenierung: Joe Knipp, Bühne und Kostüme: Hannelore Honnen, Assistenz: Angelika Böhrer


Autorin Laura de Weck mit dem Ensemble des TASDie Autorin Laura de Weck bei ihrem Besuch im Theater am Sachsenring am 13. Juni 2008.

obere Reihe: Katja Gorst als "Anna", David Koch als "Sven", Regisseur Joe Knipp, Sandra Marmulla als "Lili",

untere Reihe: Autorin Laura de Weck, Rebecca Madita Hundt als "Jule" und Daniel Mutlu als "Darius". Nicht im Bild Ivana Langmajer, die die Rolle der "Jule" während Rebeccas Schwangerschaft spielte.

 

Living is easy with eyes closed,

misunderstanding all you see.
It's getting hard to be someone but it all works out,
it doesn't matter much to me
.
(Lennon/ McCartney)

Laura de Wecks Komödie mit Widerhaken erzählt von den Begegnungen und Nicht-Begegnungen fünf junger Menschen, die scherzend, rastlos und nervös zwischen Verabredungen, Bibliotheken, durchfeierten Nächten und Abschlussprüfungen unterwegs sind. Zwei haben eine kleine gemeinsame Vergangenheit und alle hoffen auf etwas wie Liebe und ein bisschen Zukunft.

Es wird aneinander vorbeigeredet, gelacht, gelernt. Alle suchen. Aber was? Die heitere Unverbindlichkeit in einer Zeit der unbeschränkten Möglichkeiten und Kommunikationsmittel trägt den Keim der Verzweiflung in sich. Hingeworfene Small-Talk-Bemerkungen lösen handfeste Katastrophen aus. Und zwischen zwei SMS spielt sich ein menschliches Drama ab.

Laura de Weck, geboren 1981, ist in Paris, Hamburg und Zürich aufgewachsen. Im Jahr 2000 wurde ihr Film-Drehbuch "Jedem das Ihre" mit dem Jugendfilmpreis München ausgezeichnet. Bis 2005 studierte sie Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater in Zürich und ist seither freie Schauspielerin und Autorin. 2005 erhielt sie das Paul Maar-Stipendium und wurde an die Internationalen Schillertage in Mannheim, sowie ans Frankfurter Autorenforum eingeladen.

"Laura de Wecks nadelspitze Dialoge lassen diese jungen Schauspieler hin- und herfliegen wie beim Florettfechten, (...)

Denn das ist das Hintergründige: Die Zukunft haben die Lieblingsmenschen nicht vor Augen, sie sitzt ihnen im Nacken (...)

So ein Stück gehört gespielt - und gesehen." Theater heute (07.07)

Lieblingsmenschen: Worte und Satzfragmente wechseln in wild entschlossener Orientierungslosigkeit ihre Besitzer, manche ohne Widerhall, manche in schnellen Gefechten oder als SMS mit Smilie und Kuss. Haben Worte Sinn? Folgen haben sie in jedem Fall. Zwischen Erregung und Gleichgültigkeit, in der Leere des Zwischenraumes, auf der erfolglosen, komischen Suche nach Freunschaft oder gar Liebe, probieren sich die Lieblingsmenschen im ersten Scheitern. Viel Spaß.

"Gut gespielt, klug inszeniert." KRundschau (29.02.08)

Ein Jahr nach der Uraufführung wurde das Stück vom TAS nach Köln gebracht.
Fotos: Foto: Wolfgang Weimer, Montage: JK


Keine Lust aufs ernste Leben

Sehenswertes am Sachsenring

von Barbro Schuchardt

Wer wäre besser geeignet, ein Stück über junge Erwachsene zu schreiben, als eine junge Erwachsene? Die Schweizerin Laura de Weck (27) hat den Kosmos ihrer Altersgenossen zwischen Spaßgesellschaft und dem bevorstehenden Ernst des Lebens mit ironischer Klarsicht und erstaunlich sicherem Gespür für Bühnenwirksamkeit ausgeleuchtet. Kein Wunder, dass der vor einem Jahr in Basel uraufgeführte Erstling der Hamburger Schauspielerin auf Anhieb ein Riesenerfolg wurde.

Joe Knipp konnte sich die Kölner Rechte für seine Inszenierung im Theater am Sachsenring sichern - eine runde, knackige Sache mit fünf äußerst präsenten, hervorragend besetzten jungen Darstellern.

Auf der weißen Bühne treffen drei weibliche und zwei männliche Studenten aufeinander, die wie in einem modernen Reigen alle irgendwie miteinander zu tun haben. Die Nervensäge Sven (David Koch) möchte die Psychologie studierende Lili (Inka Bretschneider) verführen, doch die schläft lieber mit dem aggressiven Großmaul Darius (Daniel Mutlu), dem Ex der eifersüchtigen Schauspielschülerin Jule (Rebecca Madita Hundt).

Die Exotin in dieser Runde der Suchenden und Verweigerer ist die fleißige Philosophiestudentin Anna (Katja Gorst), seit sechs Jahren mit dem nie auftretenden Philipp liiert. Ausgerechnet die am meisten Angepasste entpuppt sich als eiskalte Egomanin und sorgt damit für die überraschende innere Dramatik des tragikomischen Einakters.

Joe Knipp schneidet die Szenen hart aneinander, entlarvt die verkürzten Sprachschablonen der SMS-Kommunikation, die auch den eingefrorenen Gefühlshaushalt der Protagonisten geprägt zu haben scheint. So etwas wie Liebe suchen sie alle, aber möglichst ohne Verpflichtung - das Erwachsenenleben kann warten.

Am besten dokumentiert sich die Zerrissenheit zwischen Anspruch und Wirklichkeit in der Person von Darius, dem rotzigen Rebellen mit Prüfungsängsten und Rosinen im Kopf; Daniel Mutlu zeigt das sehr schön. Die Aufführung ist eine präzise Ensembleleistung, bei der jede Geste, jeder Tonfall überzeugt.

Gut gespielt, klug inszeniert: "Lieblingsmenschen"


"Lieblingsmenschen" im Theater am Sachsenring

Laura de Wecks Komödie über Endzwanziger hat Joe Knipp nüchtern inszeniert.

"Deine Impfnarben sind schöner als deine Augen", teilt Darius beiläufig Lili mit. Das war's dann natürlich mit ihrem romantischen Stelldichein. Aber ging es darum überhaupt - Romantik? Laura de Wecks herbe Komödie "Lieblingsmenschen" umkreist die emotionale Gemengelage von Endzwanzigern, Studenten allesamt. (...) die Themen sind nicht neu, jedoch frisch frisiert in knappem Dialogstil mit messerscharfem, zuweilen untergründigem Witz.
Fünf Figuren, die sich verlieren und finden und wieder verlieren, dazu eine sechste, deren Abwesenheit lange ein Rätsel bleibt und sich am Ende als Schlüssel einer tieferen Bedeutung entpuppt. Die sprachlichen Schattierungen dieses Kammerspiels liegen bei Joe Knipp in guten Händen; seine Inszenierung ist von nüchterener Souveränität (...).

(och) KStAnz.


Lieblingsmenschen. Schauspiel.

Fünf junge Menschen zwischen Bibliothek, Zuhause und Nachtleben. Seltsam emotionslos unterwegs im Beziehungsterrain, getrieben von Erlebnishunger und Verunsicherung reiten sie auf dem Wellenkamm der Sprachschleifen. Laura de Wecks kurzes Stück ist ein zartes atmosphärisches Seismogramm des jugendlichen Gefühlschaos'. Regisseur Joe Knipp hat auf der mit weißen Stühlen und Würfeln sparsam möblierten Bühne das einzig Richtige getan. Er untersucht das Stück nach leisen Tönen. Entdeckt Untertöne, lässt Doppelbedeutungen mitklingen und macht so das Lachen über manche Pointe zwiespältig. Zwischendurch gruppieren sich die Darsteller zum SMS-Chor, der sich etwas platt mit lautmalerischen "Bsst" und "Ping" seine Mitteilungen ankündigt. Trotzdem ein feintöniger Abend, der ganz aus dem Können der jungen Schauspieler entwickelt ist.

(H.-C. Zimmermann) Kölner StadtRevue


Beitrag im Dom Radio

"Lieblingsmenschen"


O-Ton:

ANNA: Hey, haallo.
JULE: Hallo.
ANNA: Ja. Hi.
JULE: Hi.
ANNA: Hey.
JULE: Hey.
ANNA: Ja.
JULE: Jaja.
ANNA: Wie geht es dir?
JULE: Gut. - Und du?
ANNA: Gut. - Danke.
JULE: Ja.
ANNA: Wir haben uns schon lange nicht...
JULE: Jaja.
ANNA: Oh ja.

Bloß nicht zu nahe treten, immer unverbindlich bleiben. Es ist nicht leicht für die jungen Erwachsenen von heute zu kommunizieren. Fast entsteht der Eindruck sie interessieren sich nicht wirklich füreinander, sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Die Unsicherheit in der Begegnung mit dem Anderen ist groß.

In dem Theaterstück „Lieblingsmenschen“ treffen drei Frauen und zwei Männer aufeinander und in vielen kleinen, kurzen Szenen entwickeln sich kleine Beziehungsdramen.

O-Ton:

SVEN: Also, du studierst Psychologie?
LILI: Ja.
SVEN: Und, macht Spass?
LILI: Wollen wir das nicht irgendwie lassen?
SVEN: Was? - Ach so. Ja klar. Find ich auch immer blöd, aber man denkt ja immer, dass, und so, aber... wir müssen ja nicht. Ich find’s ja auch immer irgendwie, öhm, blöd, aber, ja.
Ja, wollen wir jetzt gleich ins Bett, oder wie?

Auch das Anbaggern für einen One-Night-Stand gestaltet sich also schwierig, denn einerseits gibt es alle Freiheiten, doch irgendwie ist da doch eine Person mit Gefühlen, an die man nicht herankommt und die scheinbar grenzenlose Freiheit stößt schnell an unerklärliche und unausgesprochene Grenzen. Die zur Verfügung stehenden modernen Kommunikationswege, wie SMS-Botschaften schaffen mehr Verwirrung als schnelle Verständigung.

O-Ton:

- Dingdingdingding – 5 Uhr 27 Liebste, seid ihr noch unterwegs Fragezeichen.

Weder die Seelennot einer nicht bestandenen Prüfung noch die Tatsache, dass die beste Freundin mit dem Freund fremdgeht, können durch noch so viele SMS gelindert oder verhindert werden. Also ist das persönliche Gespräch und viel Toleranz gefragt. Das aber will nicht gelingen.

O-Ton:

- Du hast mir tausendmal gesagt, dass es O.K. für dich ist, dass ich mit Darius was hatte.

Unter den fünf jungen Leuten gibt es nur eine, die scheinbar eine stabile Beziehung über sieben Jahre hat. Doch im Laufe des Stücks beendet sie wenige Tage vor der Prüfung ihres Freundes die langjährige Partnerschaft völlig unsensibel mit einer SMS. Und das hat tragische Folgen.

O-Ton:

ANNA: Sven hatte mich angerufen. Ich habe mich gefreut, dass jemand mich anruft, aber er sagte nur, er sei nach Hause gekommen, und Phillip würde so komisch daliegen.
Sven ist so dumm im Kopf. Er hätte den Krankenwagen rufen müssen. Warum ruft er mich an.
Ich hatte keine Lust hinzugehen, aber Phillip liegt nie so komisch da.
Und dann habe ich ihn gesehen.
Er hatte sich irgendetwas gespritzt.
Ich dachte immer, wenn, dann würde sich Phillip erschiessen. Phillip war es doch immer egal, wie er aussieht.

Hilflosigkeit allenthalben, auch angesichts des Todes. Für Joe Knipp, Theaterleiter und Regisseur des Stücks ist „Lieblingsmenschen“ ein Brennspiegel unserer Zeit.

O-Ton: „Es ist ein Zustand, den jeder Mensch kennt. Es ist eine dieser typischen Zwischenwelten, diese jungen Leute, diese Lieblingsmenschen sind keine Kinder mehr, sie sind aber auch noch keine Erwachsenen, sie schlagen sich mit Gefühlen und mit Begriffen herum, wie ‚verführen’, wie ‚Liebe’, wie ‚Was wird aus mir?’ und befinden sich im wahrsten Sinne des Wortes in einem leeren Raum, in dem dann bestimmte Bruchstücke von Gefühlen und von Sätzen auftauchen, derer sie noch nicht richtig habhaft werden können und das Ringen um die Bedeutung und auch die Bedeutungslosigkeit, ist das Spannende an dem Gang der Geschichte.“

- Diese Sinnentleerung, gepaart mit Leistungsdruck, die unsere Gesellschaft heute prägt, macht es nicht nur für junge Erwerbslose schwer, sich zu orientieren und einen Weg zu finden, ein im tiefsten Sinne gutes und wahrhaftiges Leben zu führen. Doch warum der Titel „Lieblingsmenschen“?

O-Ton: „Es drückt eigentlich für mich, für das ganze Thema des Stückes auch Zugeneigtheit aus. Die Lieblingsmenschen kann man schon gerne haben, auch in ihren Verrücktheiten, auch in ihren Abseitigkeiten, in ihrem Nicht-Verstehen, in der Leere. Aber es gibt ja auch Ausbrüche, eine ganze Reihe von Ausbrüchen, wo sie verzweifelt versuchen, nach Sinn zu suchen, nach Liebe zu suchen, nach Partnerschaft, nach einem Weg, wie sie besser werden können, wie sie gute Menschen werden können, wie sie JEMAND werden können.“

Birgitt Schippers


Die Neue Züricher Zeitung über „Lieblingsmenschen“, Köln und das Theater am Sachsenring

über "Lieblingsmenschen":

"Ein schreckliches Alter. Fünf junge Menschen, keine Jugendlichen mehr, noch keine Erwachsenen, aber eindeutig Sprösslinge unserer wohlsaturierten Spassgesellschaft, schlagen sich in Bibliotheken, Cafés, Betten und Nachtklubs die Studienzeit um die Ohren. Ein sechster, Phillip, gehört zur Gruppe, aber der tritt nie auf. Er hat keine Lust dazu. Die Uni und Anna, seine langjährige Freundin, genügen ihm: Mehr könne man doch gar nicht verantworten, wenn man ehrlich bleiben wolle, so zitiert sie ihn. Phillip, der Abwesende und gerade deshalb ständig Gegenwärtige - die andern reden von ihm wie von einem Weltwunder - ist der tragische Held in «Lieblingsmenschen», dem Début-Stück der 1981 geborenen Laura de Weck. (...) Wir erfahren wenig von ihnen, und diese seelischen Blindgänger wissen auch nicht viel mehr über sich selbst."

über Köln:

"Geistige Elastizität, Kompromissbereitschaft und ein Schuss Fatalismus sind hervorstechende Eigenschaften der Einheimischen. Ausufernder Streit ist der Kölner Sache nicht. «Seid nett zueinander» laute sein Motto, sagte Heinrich Böll."

über das Theater am Sachsenring:

"Köln ist auch die Hauptstadt der deutschen Spasskultur. Hier entstehen die erfolgreichsten Comedy-Sendungen, sozusagen als illegitimer Spross des Karnevals. Deren Humor kommt derb und vulgär daher, er zielt vor allem auf Schadenfreude. «Spass hat auch etwas mit Moral zu tun», behauptet hingegen Joe Knipp, der künstlerische Leiter der Off-Bühne Theater am Sachsenring. Das seit Mitte der achtziger Jahre bestehende Kellertheater bemüht sich um eine unverwechselbare Handschrift..." Fotos: Wolfgang Weimer