Theater am Sachsenring > Feuilleton

Der ganz persönliche Blick:

Kommentare zum Zeitgeschehen unter

Spiegel- Tage im stillen Ozean

Extremistentanz (Zeichnung: Heiko Sakurai)

HEDDA GABLER im TAS - Warum haben wir es so gemacht - und nicht anders?

Till Klein als Lövborg und Jennifer Tilesi Silke als Frau Elvsted im Theater am Sachsenring

HEDDA GABLER. Ein großes Stück, eine Herausforderung. Ein Erlebnis.

Anmerkung in ’theater pur’: "Joe Knipp, TaS-Hausherr, inszeniert ein durchaus intensives Kammerspiel, spannungsreich auch ohne anbiedernde Aktionen...Die Darsteller stehen anfangs an der Rampe in 'ich bin der, ich bin der'-Positur. Auf diese Weise wird beiläufig (oder vorrangig?) die Doppelrolle Tante Juliane/Frau Elvsted angekündigt. Jennifer Tilesi Silke gibt beide Figuren differenziert und vor allem mit sehr menschlichen Konturen. Ausdrückliches Kompliment!“

Ja, ich hatte einmal mehr das Glück mit Katja Gorst, Jennifer Tilesi Silke, Felix von Frantzius, Tobias Teschner und Till Klein auch dieses Mal mit guten Schauspielern arbeiten zu dürfen. Während der ersten Leseproben zeigte sich, dass Satzstellungen und Formulierungen des Ibsen-Kosmos erst erkundet und begriffen werden müssen. Durch eine intensive Arbeit am Text, in Zusammenarbeit mit der Dramaturgin Sabine Dissel aus Hamburg, fanden wir Grund und Boden - und so auch Zugang zum Spiel.

Warum konfronieren wir das Publikum mit Umwegen, Emotionen, der alten Sprache, der komplizierten Psychologie der Figuren. Zum Beispiel mit der ungelenken Komik des Anwärters auf eine Professorenstelle, die ihn auch sympathisch macht oder der Zerrissenheit Heddas? Warum suchen wir die Zwischentöne, warum diese Art von Theater? Keine Modernisierung, keine heutige Sprache, kein Video? Noch deutlicher ein Stück von gestern? Das Publikum dankt es uns nach jeder Vorstellung, die Zuschauer äußern sich beglückt, einer Geschichte zusehen zu dürfen. So einfach. Zunächst. Altmodisch?

Die Sprache ist in unserer Fassung die Übersetzung Hugo von Hofmannsthals. Sie bildet ein eigenes Universum, das sich frei und vor allem in aller Schärfe durch eben diese Sprache bildet. Dort sitzt der General, „den Rücken uns zugewandt“, wie sich Lövborg an Heddas Vater erinnert. In anderen Übersetzungen sitzt er "mit dem Rücken zu uns", ein kleiner, aber feiner Unterschied. Sprache an anderer Stelle - weggeworfen - fast wie heute. Das 'Heutige' im Theater - ein großer Irrtum. Auf der Bühne müssen die Uhren anders gehen.

Ibsens Figuren sprechen umständlich genau oder verhüllt, manchmal klingen die 'fremden' Formulierungen wie verstaubt, die Bewohner dieses Universums sind eingesperrt, in einer Art Zeitblase, in der sehr Bekanntes enthüllt wird in der ganzen Fremdheit. Die Figuren schauen uns an, unberechenbar, fest, weich, sie träumen, sind komisch, stark, schwach, wechseln ihre Absichten, sind weder gut noch böse. Dieses Universum will beobachtet, einfach gesehen werden.

Und in den großen Räumen zwischen den Gestirnen entdecken wir auch die Geheimnisse, Unausgesprochenes, irritierende Töne. All das haben wir in unserer Inszenierung versucht herauszuschälen auf der kleinen schwarzen Bühne. Dort sollen Tante, Freundin, Hausfreund, der Ehemann, der Jugendfreund und Hedda aufleuchten (wie immer Bühne und Kostüme von Hannelore Honnen).

Hätten wir eine 'zeitgenössische' Inszenierung versucht, wäre die Szenerie möglicherweise in glanzvoller Leere steckengeblieben. Einfacher, lauter, schwarz-weiß. Dann bleibt der Ehemann klein, Hedda ein unberechenbares Biest, ein Miststück, durchgängig böse, sie trägt vielleicht Reizwäsche und spricht davon damals mit ihrem Jugendfreund gefickt und das Verhältnis schnell beendet zu haben, als es zu Ernst wurde. Hedda in heutige Beziehungsprobleme verwickelt.

Bei Ibsen verlässt Hedda Lövborg, weil sie die 'Wirklichkeit' fürchtet. Und Wirklichkeit meint hier etwas ganz anderes als Sex oder Beziehung. Wenn Hedda und Lövborg sich bei uns auf der Bühne, nebeneinander sitzend, an die Zeit der Erregung und Aufregung erinnern, werden sie wieder zu Kindern, die immer noch nicht verstehen, was mit ihnen war und in welchen Abgrund sie damals blickten. In ihren Gesichtern spiegelt sich eine ganze Welt von Erwartungen, Verletzungen und Missverständnissen.

Das Ungefähre fesselt, was die Beiden nicht wissen, wir wissen es auch nicht. Heutige Direktheit würde diese Magie zerstören. Stellen wir uns vor sie würde Lövborg tatsächlich küssen, sie sagt „Oops“ und Lövborg macht Anführungszeichen per Fingerzeig. Alles wie heute. Alles passend unpassend zeitgenössisch. So würde der Staub von damals nur weggewischt, um von einer klebrigen Schicht falscher Moderne ersetzt zu werden... Unsere Inszenierung hat das Publikum überzeugt.

Denkt!

Der denkende, wache Mensch, der aufrechte Gang, sie sind mehr als je zuvor gefordert. Oder wollen wir wirklich in einer neuen Dunkelheit, einem neuen Mittelalter versinken?

Wo liegt die Ursache für die neue Einfältigkeit? Es ging schon einmal um das Denken. Um die Suche nach einem Menschen. Heute geht es um die Performance - so heißt es in der Wirtschaft wie auf der Bühne. Hintergründe? Heute eine einzige glatte Oberfläche. Alle meinen meinen zu müssen. Eine Meinungsoberfläche. Bildung? Höchstens noch Ausbildung. Kultur? Es bleibt eine Flut von Clips.

Was sich verbreitet hat in den letzten Jahren ist allein die Dummheit. Woher kommen aber die neuerlichen Auswüchse der Dummheit? Gibt es da einen Zusammenhang zwischen Islam-Phobie, dem Untergang des Abendlandes, der Pegida-Bewegung, den russischen Staats-Medien, Rosamunde Pilcher, Markus Lanz, Florian Silbereisen, Helene Fischer, Kochshows oder Shitstorm-Auslösern?

Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Anständigen aus der Mitte der Gesellschaft, vergrämten Unverschämten, pöbelnden Kindern, neuen Nazis, prügelnden Glatzköpfen, rüstigen Rentnern, besorgten Kleingärtnern, tätowierten Fleischpaketen, Smilie-Verschickern, religiösen Spinnern, islamischem Staat, Joystick-Bedienern, bewaffneten Banditen, fanatischen Kopf-Ab-Schreihälsen, frömmelnden Kopfschieflegern und sprachunfähigen Studenten?

Die Antwort ist: Ja. Es gibt diese Zusammenhänge. Darum: Wehrt euch! Denkt! Lest! Sprecht! Schluss mit dem dummen Geschwätz, dem Boulevard-Magazinen, den Hasspredigern, dem klebrigen Kitsch, der verlogenen Witzigkeit. Lasst euch nicht für dumm verkaufen. Aus Dummheit folgen Vorurteile, Schwarz-Weiß-Denken und Hass. Schluss damit.

Früher sollten die Juden, heute die Muslime Schuld sein am Untergang des Abendlandes. Patrioten, Islamisierung, Abendland - wer unter einer solchen einfältig-geschwätzigen Pampe läuft, muss nicht betonen, kein Rechtsradikaler zu sein. Er ist schon in der braunen Soße ausgerutscht. Wie in allen Zeiten grölt er 'Deutschland’ oder 'Volk’ und lässt seinen uniformierten Nebenmann für ihn zuschlagen. Stellen wir uns dieser dumpfen Masse entgegen, bevor sie uns verschlingt. Denkt! Das ist ein Aufruf.

Nackt und feucht

Samstag, 25. Juni 2011

Ich gehe gerne ins Theater. Aber was heißt schon Theater heutzutage? Es ist mehr als Theater. Es ist Halle, Werkstatt, Studio, Fabrik, Raum... eine nackte Fläche. Auf der nackten Fläche sind Mikrophone zu sehen. Ach ja, Mikrophone. Kein Schauspieler ohne Mikrophon. Alles erinnert jetzt an ein Pop-Konzert. Die Grenze zwischen Zuschauerraum und Bühne ist gefallen. Die Ebenen überlappen sich. Theater ist Pop, Event. Eins ist allerdings im Theater noch anders: Mitklatschen und Wunderkerzen werden ersetzt durch: 
Flüssigkeiten. Schauspieler sind immer nass, stecken in kurzen Höschen, Unterhemden, Unterröcken, fallen hin, stehen auf – nackt und feucht. Und sie sind immer bei der Arbeit. Auf den großen Bühnen gibt es immer etwas zu laufen, zu springen, zu turnen, bis zur Verausgabung. Toll. Und schon sind alle verschwitzt, feucht, nass. Früher bewunderte der einfache Zuschauer, die simple Zuschauerin, wie ein Schauspieler, eine Schauspielerin sich so viel Text merken konnte, heute sind alle schwer beeindruckt, wie erschöpft, verausgabt, nass und schmutzig die Darsteller nach vorne treten, um sich vom befeuchteten Publikum Johlen und Klatschen abzuholen. Eben ein Event.

Die Flüssigkeiten werden getrunken, verschüttet, gespuckt, der Boden wird angefeuchtet, um später, wir ahnen es schon, ganz unter Wasser zu stehen. Nichts gegen Flüssiges, wenn es ins Stück passt, nichts gegen Schreie, wenn sie eine Emotion ausdrücken – ohne Dauerzustand zu werden. Aber all diese Maßnahmen sind nur noch Bausteine für die eine, einzige Theater-Performance-Rezeptur, die fast überall angewendet wird, auf freien und städtischen Bühnen. Immer geht es um Entgrenzung und Bewegung, Bewegung, die ein Text oder ein Schauspieler nicht mehr leisten können, nicht mehr leisten sollen – denn es soll ja Pop sein, Performance – oder einfach Regie-Selbsterfahrung. Spätestens dann frage ich mich warum es dafür noch ein Publikum braucht. Und das fragt sich der performative Theatermacher auch.
Kein Stück ohne Text-Flächen, keine Inszenierung ohne Video-Projektionen, keine Inszenierung in der nicht geschwitzt, gewitzelt, geschlachtet, fragmentiert wird, wir schauen hin und sehen nichts, wir schauen in ein Programmheft, in dem sich Dramaturgen ausgetobt haben. Jetzt verstehen wir.

In Köln wurde die Katastrophe um den Einsturz des Stadtarchives im Schauspielhaus durch den Kakao, oder besser auch durch Wasser gezogen. Wasser und Erde sind persönlich aufgetreten, nackt, und fickten. Es war richtig was los. Ich hörte: Das Regietheater ist so toll mit den Textmassen fertig geworden - und so respektlos. Ja. Meine Kölner Freunde und Kollegen waren glücklich. Dabei erfahren die Elemente nur dasselbe, was Othello und Desdemona oder Faust und Gretchen auf den Bühnen des deutschen Theaters immer erfahren. Irgendwann sind alle nass. Es wäre doch eine schöne Idee, einmal eine gespielte Szene zu zeigen. Othello wird eifersüchtig wegen eines Tuches und nicht weil im Hintergrund Desdemona gefickt wird und gleichzeitig ein Nackter an der Rampe ein Lied in ein Mikrophon singt. Später wird Desdemona dann ins Wasser gesteckt - plitschplatsch und tot (Habe ich tatsächlich in Köln gesehen, fanden alle ganz toll). Keine Missverständnisse: Die Jelinek-Inszenierung mit dem Wasser von Köln, in Köln von Karin Beier inszeniert, war faszinierend, sie hat eine Textfläche mit allen Mitteln des Theaters sinnlich, komisch, durchdringend gemacht - und ich fand es großartig. Bis zur Pause. Danach das große Platschen und Klatschen, es war eine reine Freude, aber nichts weiter.

Und noch etwas können wir beobachten: Je mehr geschrieen, gespritzt und gefickt wird, desto glücklicher sind die Rezensentinnen. Ich habe nachgeschlagen. Alle Kritiken sind immer euphorisch wenn es um ein Experiment, um Dokumentarisches, Migration, wenn es um Wasser, um echte, authentische, verstörte Menschen geht. Manche Regisseurin spricht davon, die Aufgabe des Theaters sei es nicht, zu unterhalten oder es gar dem Publikum leicht zu machen. Ist der Umkehrschluss richtig? Und ist es nicht eine besondere Art des Rassismus immer echte Flüchtlinge auf der Bühne hinter die Mikrophone zu stellen – und sie damit auszustellen wie ehemals die Schausteller auf dem Jahrmarkt? Der leise Grusel des Bürgertums im Parkett ist sicher. Echte Menschen. Die Schauspieler kellnern derweil in Kneipen bis sie arbeitslos sind um dann als echte Arbeitslose wieder auf der Bühne stehen zu dürfen.
Das Regisseur/innen-Theater rechtfertigt jede Reizüberflutung gerne mit der Ausrede, das Publikum provozieren zu wollen. Dieses müsse das schon aushalten. Muss es? Auf der Bühne arbeitet der Schauspieler, im Parkett arbeitet der Zuschauer. Beide werden gequält. Botschaften, für die ein Kabarettist eine kurze Pointe braucht, werden im Theater zu fünfeinhalb Stunden (ohne Pause) zerdehnt. Ist das Theater ohne Sinn und Verstand, auf benetzten Flächen, in hermetischen Räumen, das Theater der Zukunft?

In einem immer ärmeren Leben von rasendem Stillstand, führt zwar ein atemlos-spritziges Theater zumindest zu einer Reizung der Sinne, aber diese Reizung kommt höchstens bis zur Wasser-Oberfläche. Es sei denn, man gehört zu den Leuten, die Wasseroberflächen ein Stückweit 'spannend' finden, weil sie sich als Teil des zeitgenössischen Publikums fühlen, die diesen Reiz, dieses Wasserkräuseln brauchen, um klug über Theater reden zu können.

Theater ist anders. Es war immer anders und wird immer anders bleiben. Ein stiller Moment, eine Geste, ein Blick, ein leicht angezogener Satz, ein entblößtes Wort. Und ein Zuschauer, der das hört und sieht und erkennt, ganz still im Dunkeln. Das Lärmen, die Performance, das quälend überfrachtete Experiment - all das wird landen wo es hin gehört.

Es lebe das Theater!

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