Crash

Crash
Marietta Bürger und Charlotte Collins in "Crash"


 

von Hannelore Honnen
mit Marietta Bürger und Charlotte Collins
Inszenierung: Joe Knipp

20 Minuten Köln - 24.3.2000
 

Zurück in die Gegenwart Crash PlakatVon Fee Linke

"Das Merkwürdige an der Zukunft ist wohl die Vorstellung, dass man unsere Gegenwart später die gute alte Zeit nennen wird", sagte einst der Schriftsteller John Steinbeck. Genau das passiert den beiden Hackerfrauen "Achtundachzig" und "Neunundneunzig" im Jahre 2019. Sie dringen in eine alte Sendezentrale ein und finden Zugriff auf Datenspeicher aus dem Jahr 2000. Als sie die Vergangenheit manipulieren, wird eine von ihnen Opfer der eigenen Manipulation.
"Crash", ein sehr intelligentes Stück in pointierter Sprache, mit kraftvoller Inszenierung im Theater am Sachsenring.


Kölnische Rundschau 24.3.2000

 

Verklumpte Konsonanten

Von Brigitte Schmitz-Kunkel
Sie sehen sich als "lebende Systeme", zwei Frauen, die im Jahr 2019 die trostlose Ruine eines ehemaligen Computergiganten bewohnen. Dort sichten sie Videos und Datenspeicher aus der Zeit um 2000 und begeben sich via Internet ins Gestern. Ihr Ziel ist, die ehemalige Wirklichkeit zu manipulieren. "Crash" heißt das neue Stück von Hannelore Honnen. Im Theater am Sachsenring hatte es jetzt Premiere. Das Thema Computer und ihr Einfluss auf unser aller Leben ist im Theater überfällig. Honnen und Regisseur Joe Knipp nutzen den vieldeutigen Titel "Crash" (Absturz, Zusammenbruch, Zusammenstoß) in all seinen Möglichkeiten. Die nachdenkliche Hardware-Spezialistin 99, Marietta Bürger, und die aufgekratzte Internet- Besessene 88, Charlotte Collins, arbeiten sich mit mäßigem Erfolg gemeinsam an der Umgestaltung der Vergangenheit ab, sind aber auch zu verschieden, um nicht immer wieder aneinander zu geraten. Sie verkörpern - ganz zum Schluss wird sich zeigen, warum - zwei entgegengesetzte Weltsichten. Gebildet, noch humanistisch orientiert und mit trockenem Humor ausgestattet ist die ältere 99, knallhart der Zukunft zugewandt, die agile 88. Stück und Inszenierung Iegen "Crash" zwischen Komödie und Endzeitdrama an. Auf der bis auf zwei Monitore leeren Bühne entwickeln die beiden Schauspielerinnen das komische Potenzial der Geschichte. Charlotte Collins entwirft als energisches Girlie sehr körperbetont Computerspiele auf der Basis von typischen Beziehungsgesprächen der achtziger Jahre; für die von Marietta Bürger differenziert gespielte 99 ist Spaß dagegen "eine ekelhafte Verklumpung von Konsonanten".

Theaterrundschau - Mai 2000
Von Ralph Bercher
Die Musik, die Bühne, die Beleuchtung und die Uniformen erinnern an die Kultserie der 70-er Jahre "Raumschiff Enterprise". Zufall oder nicht , in nicht mehr allzu ferner Zukunft, im Jahre 2019, ist die Handlung des neuen Honnen-Stücks angesiedelt. Zwei weibliche Computerfreaks, 88 und 99, die eine Spezialistin für Software, die andere für Hardware, sitzen in der Zentrale eines ehemaliger. Computergiganten. Sie manipulieren alte Datenbestände und nicht nur dies. Beide sind in der Lage damit auch direkten Einfluss auf Geschehnisse in der Vergangenheit zu nehmen. 88, die Jüngere der beiden folgt dabei mehr ihrem Spieltrieb während 99 ständig bemüht ist eine gewisse Ordnung in die vergangenen Zeiten zu bringen. Das Stück, in bewährter Weise von Joe Knipp inszeniert und mit Marietta Bürger als 99 und Charlotte Collins als 88 hervorragend besetzt, läßt reichlich Raum für Spekulationen. Sind 88 und 99 zwei gelangweilte Internet-Hackerinnen oder zwei Diktatorinnen oder verkörpern die beiden gar Gott? Diese Fragen bleiben auch am Schluss unbeantwortet, aber gerade diese Ungewissheit macht den Reiz des Stückes aus. Verdienter Schlussapplaus für hervorragende schauspielerische Leistungen, eine schnörkellose, klare Regie und eine Geschichte die sich nicht auf Anhieb erschließt.